Jahrestag

Bis heute sehr bestürzt

Die Bilder stecken immer noch tief im Bewusstsein: Das Beben, der Tsunami, der GAU. Japan wurde vor nunmehr einem Jahr von schwersten Katastrophen heimgesucht, zehntausende Japaner starben.

Fukushima I fünf Tage nach dem Tsunami und Erdbeben, die zur Katastrophe in dem Atomkraftwerk führten. Foto: commons.wikimedia.org / Digital Globe Fukushima I fünf Tage nach dem Tsunami und Erdbeben, die zur Katastrophe in dem Atomkraftwerk führten. Foto: commons.wikimedia.org / Digital Globe

Die Bewusstlosigkeit angesichts des nuklearen Desasters leitete in Deutschland den Anfang vom Ende der Kernkraft ein. Doch was denken Japanerinnen und Japaner? Ein ekir.de-Interview mit Reiko Müller-Shiba (67), Presbyterin der Japanischen Evangelischen Gemeinde Köln/Bonn e.V..

Ein Jahr ist nun seit der Katastrophe vergangen. Was hat die Gemeinde damals gemacht?

Als wir am Freitag, 11. März, von dem Unglück erfuhren, haben wir uns direkt sonntags getroffen und überlegt, was man machen kann. Von Radioaktivität wussten wir nichts. Wir wollten direkt helfen, haben Geldspenden gesammelt, es kamen über 6.000 Euro zusammen, doch das war noch nicht genug. Es gab einen Vortrag von Dr.theol. Shin Yoshida. Bei dem Vortrag waren 54 Leute, die Hälfte davon Deutsch, die andere Japanisch. Er hat bei Dekontaminierungsarbeiten in einer Behinderteneinrichtung für Kinder geholfen, 80 Kilometer weg von Fukushima. Bis heute können die Kinder nicht ungefährdet spielen, sie haben nur eine Plastikplane als Schutz vor der verseuchten Erde. Dr. Yoshida hat mit einem Geigerzähler gemessen: Die Strahlenbelastung ist viel zu hoch.

Wie sieht denn die aktuelle Situation im Katastrophengebiet genau aus?

Fischer und Landwirte aus der Region müssen ohne Verkäufe leben, keiner möchte etwas aus der Region kaufen sie haben Verbote. Fischer und Bauer kann man evakuieren, aber wohin sollen die gehen ohne Land? Die Kinder von Fukushima werden gezwungen, ein bezwängtes Leben zu führen. Sie dürfen zum Beispiel auf dem Weg zur Schule keine Blumen anfassen. Das gesamte Wasser dort ist verseucht, das hat ein enormes Ausmaß.

Hat sich dadurch die Meinung zur Kernkraft geändert?

Schon, die hat sich geändert, aber das kann man nicht eindeutig sagen, die Meinung ist gespalten. Die Tokioter haben ein schlechtes Gewissen, weil sie den Strom aus Fukushima bekommen haben. Die Menschen, die in Fukushima leben, fühlen sich falsch informiert, die Regierung sagte, Fukushima sei unter Kontrolle. Der Betreiber Tepco ist fast pleite und wird mit Steuergeldern subventioniert, die Firma, die falsch informiert hat. Keiner will Verantwortung übernehmen für das, was passiert ist. Manche fürchten, dass ohne Atomkraft die Konjunktur nicht wachsen kann. Wir sind verärgert, dass wir der Nutzung von Atomkraft zugestimmt haben, wir suchen nach neuen Energien. Von 54 Atomkraftwerken in Japan sind noch zwei am Laufen, und es klappt auch ohne! Wir müssen den Sommer abwarten, da haben wir feucht-heißes Klima und viele Klimaanlagen laufen.

Was bewegt die Menschen in Ihrer Gemeinde ein Jahr nach dem Unglück?

Wir sind sehr bestürzt über die Situation, aber wir hoffen, dass Japan den Atomausstieg will und schafft. Deutschland hat früh mit AKWs aufgehört, wir wollen ein Forum gegen Atomkraft gründen, dabei hilft auch Herr Dr. Yochida. Es gibt immer noch eine große Bereitschaft zu spenden und wir wollen mit Erlösen von Konzerten, auch mit Musikern aus unserer Gemeinde, spenden, unter anderem für die Behinderteneinrichtung. Es gibt die Überlegung, dass Kinder aus der betroffenen Gegend nach Deutschland verschickt werden, dass hier kinderorientierte Ferien sattfinden können. Aber auch bei uns wird diskutiert. Die arbeitenden Männer sind eher für Atomkraft, der Rest der Gemeinde ist dagegen.

In Kürze bekommt die Japanische Evangelische Gemeinde einen neuen Pfarrer. Es ist Atsushi Saitoh - er stammt aus Fukushima und hat viele Wochen Hilfsorganisationen in Sendai, nahe bei Fukushima, koordiniert. Er wird auf der Tagung „1 Jahr nach der Katastrophe - Ein neuer Blick auf Japan“ einen Beitrag leisten. Die Tagung wird vom 10. bis 12. April von der Evangelischen Akademie Hofgeismar veranstaltet und beschäftigt sich u.a. mit der theologischen Reflektion und Auswirkung auf die Bevölkerung in Japan. www.akademie-hofgeismar.de

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 8. März 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 8. März 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Jan Kleinschmidt; Foto commons.wikimedia.org / Digital Globe / 08.03.2012



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