EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Dr. Heiner Geißler Dr. Heiner Geißler war Gastredner des Johannes-Rau-Kolloquiums.

Johannes-Rau-Kolloquium

"Krach machen – genauso wie Jesus"

Für eine solidarische Gesellschaft warb der ehemalige Bundes- und Landesminister Dr. Heiner Geißler beim Johannes-Rau-Kolloquium zum Thema Generationenvertrag in Wuppertal.  Die Kirchen forderte er zu entschiedenem Engagement auf.

Der größte Global Player auf der Welt sind mit gemeinsam über zwei Milliarden Mitgliedern die christlichen Kirchen. "Wir können die Welt verändern, wenn wir Solidarität üben und die Botschaft des Evangeliums als Verpflichtung sehen." Für diese abschließenden Worte nach seinem Vortrag erhielt Dr. Heiner Geißler beim nunmehr sechsten Johannes-Rau-Kolloquium am Montagabend in Wuppertal tosenden Applaus.

"Brauchen wir einen neuen Generationenvertrag?" lautete die Frage, der sich das Kolloquium stellte. In der Gemarker Kirche in Barmen begrüßte dazu Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, neben Gastredner Heiner Geißler auch Johannes Raus Witwe Christina und Anna Rau, eine seiner Töchter. Auch Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung und der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal, Leonid Goldberg, waren gekommen, um an diesem von der Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland veranstalteten Diskussionsforum teilzunehmen.

Der 2006 verstorbene Johannes Rau habe den Brückenschlag zwischen Staat und Kirche in seiner Person wie kein zweiter verkörpert, erinnerte Manfred Rekowski an den früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten. "Er war Christ und Politiker. Das war spürbar."

Schüler zum demografischen Wandel

Anhand einer Bibelarbeit, die der gebürtige Wuppertaler Rau im Jahr 2005 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover gehalten hatte, führte Rekowski in das Thema des Kolloquiums ein. Auf der Grundlage des Bibelverses aus dem fünften Buch Moses "Wenn dein Kind dich morgen fragt" hatte Johannes Rau damals Antworten gegeben, die mit dem Blick zurück in die Zukunft führen. So müsse sich Kirche heute fragen: "Wie halten wir es mit der jungen Generation?", sagte der Präses – nicht zuletzt im Hinblick auf Gottesdienste, von denen sich zum großen Teil nur noch ältere Menschen angesprochen fühlen.

Bevor Heiner Geißler ans Mikrofon trat, erhielten Experten auf dem Podium und per Video-Einspielung einige Abiturienten des Anno-Gymnasiums in Siegburg das Wort. Auf Anregung ihrer Lehrerin hatten sie sich mit dem Thema "Generationenvertrag" auseinandergesetzt. Was im Publikum zunächst ein Schmunzeln auslöste, barg ein Stück Wahrheit: "Früher gab es 50-jährige Omas. Heute bekommen viele Frauen erst mit 35 Jahren und älter ein Kind", brachte eine Schülerin den demografischen Wandel auf den Punkt.

Ökonomisierung rüttelt am Generationenvertrag

Geißler war schon in seiner aktiven Zeit als CDU-Generalsekretär und Minister in vielerlei Hinsicht mit Zukunftsthemen befasst. Beim Kolloquium skizzierte der in den gängigen TV-Talkshows viel gefragte Gast, wie die Ökonomisierung der Gesellschaft am Generationenvertrag rüttelt: "Noch nie hat es eine Zeit gegeben, in der man mit Geld so viel Geld verdienen konnte."

Der Begriff vom "Generationenvertrag" sei gleichbedeutend mit Solidarität, die gerade die Kirchen leben müssten, so Geißler. Doch auch bei den kirchlichen Sozialverbänden Diakonie und Caritas stünde zunehmend die Frage nach der Finanzierung von Angeboten im Raum. "Wir haben aber die Pflicht, gegenüber denjenigen, die Hilfe benötigen, solidarisch zu sein", forderte der Politiker. Auch die von Staat und Politik ausgerufene Parole "Jeder sorgt für sich selbst" sei ein Schritt in die falsche Richtung. Was bisher in die Rentenversicherung gezahlt worden sei, solle nun privaten Versicherern zufließen.

Die Schweiz als Vorbild

"Was macht aber derjenige, der keinen Kapitalstock bilden kann?", fragte Geißler. Für den leidenschaftlichen Mahner einer gerechteren Zukunft für die ganze Gesellschaft ist die Sache klar: Das im System vorhandene Finanzpotenzial biete einen "unglaublichen Reiz" für diejenigen, die damit Geld verdienen wollten. Aber: "Man kann nicht ein ganzes Volk mit seinen Alten, zu Pflegenden und Hilfsbedürftigen auf den Kapitalmarkt verfrachten."

Sicher sei der demografische Wandel nicht wegzudiskutieren, sagte der ehemalige Politiker. Doch könnten die sozialen Sicherungssysteme dennoch gestärkt und zukunfts-fit gemacht werden, indem die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse genau wie die Lohnquote gesteigert und die Ausgaben für Bildung erhöht würden. Nur dann könnten die für die Generationengerechtigkeit benötigten Beiträge in die entsprechenden Töpfe fließen. Die Schweiz, in der "alle für alle" in die Rentenkassen einzahlten, mache es im Grunde richtig. In diesem System werde ein absolut christlicher Grundsatz realisiert. Nämlich: "Die wirtschaftlich Starken stehen den Schwachen bei."

Das Johannes-Rau-Kolloquium soll grundlagende Fragen zur Gestaltung von Staat und Gesellschaft in den Mittelpunkt rücken. Hier sieht Heiner Geißler die Kirche auch im Tagesgeschäft gefordert. "Die Kirchen müssen sich Gehör verschaffen. Sie müssen Krach machen – genauso wie Jesus es vor 2000 Jahren gemacht hat."

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Stefanie Bona / Foto: Martin Göbler / 05.11.2014



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland – EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung