Auftakt in Essen zur Kampagne 'Erinnern erkennen engagieren'. Auftakt in Essen zur Kampagne "Erinnern erkennen engagieren".

Pogromnacht vor 75 Jahren

"Ich begreife jetzt viel besser"

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Mit einer Ausstellung, einem Musiktheaterstück und einer Diskussion in der Stadthalle Essen erinnerte die Evangelische Jugend in Rheinland, Westfalen und Lippe an den 75. Jahrestag der Pogromnacht in der Nacht des 9. November 1938.

Die Veranstaltung war der Auftakt der gemeinsamen Kampagne "Erinnern Erkennen Engagieren", es folgen weitere Aktionen in verschiedenen Städten. Beim Auftakt durchschritten die Gäste zunächst den "Pavillon des Nachdenkens", den Jugendliche der Evangelischen Jugend Steinfurt, Coesfeld und Borken aus Bauzäunen und Alltagsgegenständen wie Schuhen, Lampen und Wasserhähnen gestaltet hatten.

Der Weg durch den Pavillon führte sie in einem von Schritt zu Schritt immer enger werdenden Gang vorbei an Symbolen für eine immer stärkere Beschneidung der Bürgerrechte jüdischer Menschen und ihres Lebens mit allen sozialen, kulturellen und religiösen Facetten in Deutschland. Auf Plakaten standen provokative Fragen wie "Wäre der Mord an den Juden weniger schlimm gewesen, wenn es nicht so viele gewesen wären?" Verantwortlich für die Ausstellung ist Thomas Flachsland, er begleitete die Aktion am Sonntag mit jiddischen Liedern auf der Geige. Mehr Informationen zur Ausstellung unter www.ev-ju.de/aktionen-gegen-rechts-1/

„Die Erinnerung bleibt“

Ein weiterer Programmpunkt war die Premiere des Musiktheaterstückes "Die Erinnerung bleibt“, in dem 25 jüdische, muslimische und christliche Jugendliche gemeinsam Szenen spielen, die rund um die Pogromnacht 1938 so geschehen sein könnten und vielleicht ähnlich geschehen sind. Das Kultur-Projekt haben Paul Gaffron und Dirk Schubert von der Evangelischen Schülerinnen- und Schülerarbeit von Westfalen initiiert, die künstlerische Leitung hat Gandhi Chahine, die Musik komponierte Germain Bleich. Die Jugendlichen zeigen in selbst gesungenen Liedern und Szenen, wie Jüdinnen udn Juden in Nazi-Deutschland diskriminiert wurden: Jüdische Kinder in Schulklassen, eine Familie, die eine jüdische Familie bei sich versteckt, oder die jüdische Verkäuferin, deren Kunden mit dem Schriftzug "Deutsche! Kauft nicht bei Juden!" abgeschreckt werden sollen.

Viele der jugendlichen Schauspieler haben selbst oder im direkten familiären Umfeld eine Flüchtlingsvergangenheit. Daria (21) ist Jüdin und sagt: "Die Verfolgung war in meiner Familie immer ein Thema, aber eher als Geschichte, für mich war das nicht richtig real. In unserem Stück spiele ich eine jüdische Mutter und es fühlt sich schrecklich an. Ich kann jetzt viel besser begreifen, was eine Mutter damals in dieser Situation empfunden haben muss."

Und auch Bahar (16) kann nun viel mehr mit dem Thema anfangen. Die Muslimin beklagt, "dass wir in der Schule nur trockene Fakten lernen" und sie erst durch das Stück einen Zugang zu dem Ausmaß der Judenverfolgung bekommen hat.

Beweggründe erfahren

Im Anschluss an das Stück gab es ein Publikumsgespräch, moderiert von Jil-Madelaine Blume, Vorsitzende der Jugendpresse Rheinland und Absolventin des Nachwuchsjournalistentrainings "News4U" der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Hier hatte das Publikum die Möglichkeit, mehr über die Beweggründe und Geschichten der jugendlichen Akteurinnen und Akteure sowie den Umfang der Arbeit zu erfahren.

„Der Pavillon des Nachdenkens und das Musiktheaterstück ;Die Erinnerung bleibt' bilden einen beeindruckenden Start der Kampagne und sie sind motivierende Impulsgeber für alle, die sich im Rahmen des Gedenkens an die Pogromnacht von 1938 mit eigenen Beiträgen an der Kampagne beteiligen wollen“, fasste Simone Enthöfer, Landesjugendpfarrerin der EKiR und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Nordrhein-Westfalen, den Nachmittag zusammen.

Enthöfer lobte das Engagement der Jugendlichen: „Die Jugendlichen haben es geschafft, durch ihre schauspielerischen Leistungen die Szenen glaubhaft zum Leben zu erwecken. Nicht durch Geschichtswissen in nüchternen Zahlen, Daten, Fakten bleibt die notwendige Erinnerung lebendig, sondern durch das Transportieren von Bildern."

Die Lieder, die die Szenen abgerundet haben, haben "durch den modernen Stil und die zeitübergreifenden Texte eine Brücke zwischen dem Erinnern und dem Aufruf zu wachem Erkennen und mutigem Engagieren in der Gegenwart“ gebaut, so Enthöfer.

Die Ausstellung und das Stück sind Teil der der Kampagne "Erinnern Erkennen Engagieren" und werden an verschiedenen Orten in der Zeit um den 9. November gezeigt. Sie können ausgeliehen werden, um sie in der eigenen Schule, Gemeinde oder einem ganz anderen Rahmen zu zeigen. Nähere Informationen unter http://www.ev-jugend-westfalen.de/75-jahre/reichspogromnacht/

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 14. Oktober 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 15. Oktober 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / ejir / 15.10.2013