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Oberkirchenrätin Barbara Rudolph Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Interview nach dem Katholikentag

Neue Wege des Aufeinander-Zugehens finden

Auf dem Katholikentag in Leipzig diskutierte sie auf einem der Podien mit: Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin und Leiterin der Ökumene-Abteilung im Landeskirchenamt, über den Katholikentag und die evangelisch-katholischen Beziehungen. Ein Interview.

Welchen ökumenischen Ertrag hat der Katholikentag aus Ihrer Sicht erbracht?

Zum Katholikentag nach Leipzig habe ich mich auf den Weg gemacht, weil ich auf dem Podium „Leben ohne Gott“ um einen Beitrag aus evangelischer Perspektive gebeten worden bin. Der Katholikentag hatte das Umfeld, die Stadt Leipzig, besonders in den Blick genommen: Nur 4 Prozent Katholiken gibt es in der Stadt, etwas über 10 Prozent sind evangelisch. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist – ja was? Atheisten wäre viel zu programmatisch formuliert, Nicht-Gläubige zu negativ, Indifferente zu wissenschaftlich. Kurzum, der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist überhaupt nicht an Religion interessiert und in keiner Kirche - trotz Thomaner-Chor und Johann Sebastian Bach, trotz Nikolaikirche, Montagsgebeten und friedlicher Kerzenrevolution. Ich erinnerte mich an die Synode der EKD vor 17 Jahren in Leipzig. Damals war das Thema „Mission“ auf der Tagesordnung - und das säkulare Leipzig spielte ebenfalls eine Rolle. Das Podium „Leben ohne Gott“ war jetzt auf dem Katholikentag eine der vielen Veranstaltungen, die christlichen Glauben in nicht-christlichem Umfeld ins Gespräch bringen wollte. Die deutschen, tschechischen und ungarischen Gesprächsteilnehmenden waren sich darin einig, dass es nicht darum gehen kann, über die moderne Säkularität zu schimpfen. Mit der Furcht davor, kleiner, bedeutungsloser, unwichtiger zu werden und an Einfluss zu verlieren, überzeugen die Kirchen nicht. Aber die Neugierde auf das, was Menschen heute bewegt (innerhalb und außerhalb der Kirche), die Hinwendung zu den Bedürftigen und das Einstehen für die Menschen und die Schöpfung überzeugen auch Menschen, die keine religiöse Prägung haben. Bei allen Unterschieden in Tradition, Theologie und Riten war ganz klar, dass die Kirchen sich der großen Aufgabe in Europa gemeinsam stellen müssen, das „Evangelium unter das Volk“ zu bringen, und das in einer Sprache, die nicht „kirchisch“ klingt, wie die christliche Insider-Sprache auf einem anderen Podium genannt wurde.

Hatten Sie ein besonders schönes Leipziger Erlebnis?

Am Stand des Deutschen Evangelischen Kirchentages in der Kirchenmeile treffen wir aufeinander, eine Frau aus dem katholischen deutschen Frauenbund, ein paar andere aus der langen Wegstrecke des ökumenischen Miteinanders. Ich werde aufmerksam. Während überall Plakate hängen zum 100. Katholikentag (ein beachtliches Jubiläum der katholischen Laienbewegung!) tragen die Frauen einen Button, auf dem steht „40. Katholikentag“ und darunter „für Frauen“. Ich frage nach und erfahre: die ersten Jahrzehnte waren Frauen auf dem Katholikentag als Teilnehmerinnen nicht zugelassen. Erst 1921, als der Staat das allgemeine Wahlrecht für Frauen eingeführt hatte, wurden Frauen auf dem Katholikentag nicht nur als Gäste sondern auch als Teilnehmerinnen zugelassen. Es rumort unter den Frauen – und Männern, seitdem der Papst das Nachdenken über den Diakonat der Frau angekündigt hat. Neu ist das nicht, schon auf der Würzburger Synode (1971-1975) wurde dieses Weiheamt für die Frau für möglich gehalten. Nun aber hat sich gesellschaftlich so vieles weiter entwickelt, die strukturelle Ungleichbehandlung wird immer schwerer durchzuhalten. „Diakonat – jetzt“ werden Schilder beim Schlussgottesdienst hochgehalten. Eine der Frauen mit DDR-Erfahrung sagt: „Ich glaube an den Schabowski-Effekt. Irgendwann wird ein Halbsatz, wie am Abend der Maueröffnung, als Günter Schabowskis Bemerkung in der Pressekonferenz zum Fall der Mauer führte, eine Bewegung auslösen, die nicht mehr zu halten sein wird.“ Der Druck jedenfalls ist groß, immer mehr, nicht nur junge, Frauen suchen sich Betätigungen, in der sie zu allen Leitungsämtern zugelassen sind und suchen sich ein Ehrenamt außerhalb der Kirche. Mit dem Button und der „40“ jedenfalls machen die Frauen auf die Ungleichbehandlung aufmerksam. Bei „40“ stutze ich, erst letztes Jahr hatte die Evangelische Kirche im Rheinland „40 Jahre Frauenordination“ gefeiert. Sehr viel flotter war die Evangelische Kirche auch nicht!

Gibt es einen konkreten Schritt, den Sie sich für das evangelisch-katholische Verhältnis wünschen?

Ich wünsche mir, dass wir in unserer Region im Jahr 2017 verbindliche Absprachen treffen, wie wir in Zukunft unter den Kirchen kooperieren, delegieren und uns gegenseitig ergänzen. Keine und keiner hat mehr die Zeit, zusätzlich zu den Aufgaben in den Gemeinden Ökumene zu betreiben. Alle brauchen Entlastung. Deshalb wird es die Aufgabe der Kirchenleitungen sein, den Gemeinden dazu einen guten Rahmen anzubieten, damit sie bei Gebäuden, Chören, diakonischer Arbeit und vielem anderen zusammen arbeiten können. Ohne gegenseitige Verpflichtungen bleiben die Kirchen zu sehr in ihrem eigenen Denkhorizont. Wir arbeiten zurzeit daran, für das Reformationsjubiläum einen solchen Impuls zu setzen. Auf dem Katholikentag hat mir der Denkanstoß des Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm sehr gefallen, der dafür warb, bei den kirchentrennenden Unterschieden nicht so sehr das Trennende hervorzuheben, sondern zu versuchen, das jeweils positiv zu beschreiben, was an der anderen Kirche anders ist. So sollen neue Wege des Aufeinander-Zugehens gefunden werden, auch bei so schwierigen Fragen wie zum Beispiel dem Papstamt. 

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ekir.de / neu, Foto Sergej Lepke / 30.05.2016



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