Kinderarmut

Skandal in einem reichen Land

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Zur Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland fordert die EKiR kurzfristig eine Erhöhung des Kinderzuschlags und Investitionen in Bildung, mittelfristig die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Kinder in Sorge um Kinder: Diese Aktion kommt von Terre des hommes.  Die rheinische Kirche setzt sich politisch gegen Kinderarmut ein. Kinder in Sorge um Kinder: Diese Aktion kommt von Terre des hommes. Die rheinische Kirche setzt sich politisch gegen Kinderarmut ein.

Vom „Skandal der Kinderarmut in einem reichen Land wie Deutschland“ spricht der Theologe Dr. Stefan Drubel, Kirchenrat in der Abteilung Bildung des Landeskirchenamts. Er verweist auf die Bibel, die mahnt: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und dem Armen.“ Entsprechend habe die Kirche die Rolle der Mahnerin und Fürsprecherin für arme Kinder und arme Familien.

Kinderarmut sei ein „unerträglicher Missstand“ und gelte beseitigt. Die entsprechende politische Arbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) ist von den Landessynoden 2009 und 2012 veranlasst, die gegen Kinderarmut Beschlüsse fassten. Präses Nikolaus Schneider hatte vor der jüngsten Landessynode gesagt: „Eine Gesellschaft, die Kinder aus benachteiligten und bildungsfernen Familien in den ersten Lebensjahren vernachlässigt, ist nicht nur herzlos, sondern auch ohne Verstand.“

Aktuelle Zahlen werfen Schlagschatten auf die herz- und verstandlose Lage. So ist laut einer aktuellen Studie des Paritätischen Gesamtverbands das Ruhrgebiet Deutschlands Problemzone Nr. 1, berichtet die Referentin für Sozialethik im Landeskirchenamt und Vorsitzende der AG Kinderarmut, Dr. Kordula Schlösser-Kost. Seit 2005 ist demnach in keiner einzigen Ruhrgebiets-Stadt die Kinderarmut rückläufig geworden. Schlösser-Kost: „Sie hat teilweise sogar dramatisch zugenommen.“

Mittelfristig Kindergrundsicherung einführen

Wer nach Auswegen sucht, fragt nach den Ursachen. Stefan Drubel: „Eine Ursache von Kinderarmut ist die Einkommensarmut von Eltern, Kindern und Jugendlichen.“ Deshalb müsse das gegenwärtige System bundesdeutscher Familienförderung im Hinblick auf eine gerechte Lastenverteilung reformiert werden. „Kinderarmut ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Sie ist bedingt durch unser Sozial- und Steuersystem sowie durch die Situation in der Arbeitswelt.“

Entsprechend heißt es im Beschluss der Landessynode 2012, sie spreche sich „für einen mittelfristigen Systemwechsel im Leistungsbezug für Familien und Kinder und für die Einführung einer Kindergrundsicherung als wirksamstes Instrument zur Bekämpfung der Kinderarmut aus“. Einig sind sich die Expertinnen und Experten im Landeskirchenamt darin, dass eine Kindergrundsicherung leider nicht kurzfristig umsetzbar ist – auch wenn sie „das wirksamste Mittel gegen die Stigmatisierung von Kindern“ ist und sie aus der Rolle der Bittsteller um gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit herausholt, wie Drubel sagt. „Wir wissen von sehr viel versteckter Armut aus Scham.“

Langer Atem würde sich lohnen: Experten zufolge verheißt der Systemwechsel „Kindergrundsicherung“ eine Absenkung von Kinderarmut von 16 auf 3 Prozent. Und konkret wäre nach Berechnungen des „Bündnisses für Kindergrundsicherung“ 502 Euro pro Monat pro Kind eine sinnvolle Höhe. Wobei die Landessynode zu diesen konkreten Fragen, insbesondere zur Sicherungshöhe, keine Stellung nimmt, sondern auf die Expertise in der Politik setzt.

Kurzfristig den Kinderzuschlag erhöhen

Langer Atem schließt nicht aus, umgehend Maßnahmen gegen Kinderarmut einzuleiten. Und so hat die Landessynode in ihrem Beschluss sofortige Verbesserungen beim Kinderzuschlag befürwortet. Der Kinderzuschlag ist eine Ergänzungsleistung zum Kindergeld, ihn erhalten Eltern, die zwar ihren eigenen Bedarf durch ein Erwerbseinkommen bestreiten können, nicht aber auch den Bedarf ihrer Kinder. Für Drubel steht fest, dass der Kinderzuschlag zu gering ist und deutlich erhöht werden muss. Er liegt bei 140 Euro. „Außerdem kann die sehr niedrige Einkommenshöchstgrenze bedeuten, dass die Leistung ganz eingestellt wird, wenn das Einkommen nur um ein paar Euro steigt. Hier ist eine flexible Grenze notwendig.“

Für Kordula Schlösser-Kost aus der Abteilung „Recht und Politik“ im Landeskirchenamt steht fest, der Ausbau Kinderzuschlag ließe sich – im Gegensatz zur möglichen Kindergrundsicherung – verhältnismäßig leicht umsetzen. „Ein erweiterter Kindergeldzuschlag kann kurzfristig mit überschaubarem finanziellem Aufwand die Situation von gut zwei Millionen Kindern verbessern.“

Auch die Infrastruktur verbessern

Dritter Punkt, den die Landessynode für die weitere politische Lobbyarbeit zugunsten armer Kinder beschlossen hat: Jenseits von bzw. zusätzlich zu Geldleistungen und kurzfristig gilt es um verbesserte Infrastrukturmaßnahmen zu kämpfen. In Kindertagesstätten, in Schulen, in Familienbildung und Familienberatung. Kirchenrat Drubel: „Kindergärten, Schulen und außerschulische Bildungseinrichtungen wie die Offenen Türen der Jugendarbeit tragen durch ihre Angebote wesentlich zu einer Chancen- und Bildungsgerechtigkeit bei. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zu Stärkung von Kindern, zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung und fördern so auch ihre Chancen auf einen qualifizierten Schulabschluss oder einen Ausbildungsplatz.“

Die Einrichtungen brauchen ausreichend qualifiziertes Personal, gut ausgestattete Räume und finanzielle Ressourcen für ihre Maßnahmen. Kordula Schlösser-Kost: „Ausgebaut werden müssen Angebote zur frühen Förderung und zur Betreuung der unter Dreijährigen. Es fehlen nach wie vor Plätze in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen.“

Nötig ist gute Arbeit für alle

Über das Urproblem „Kinderarmut ist Einkommensarmut von Eltern“ wird in der Abteilung „Recht und Politik“ weiter nachgedacht. Kordula Schlösser-Kost: „Der Schlüssel zur Bekämpfung der Armut von Kindern ist die existenzsichernde Arbeit für jede Frau und jeden Mann. Geringfügige Beschäftigung und erzwungene Teilzeitarbeit können dabei keine wirkliche Lösung sein.“

Gute Arbeit zu haben bedeute, über Möglichkeiten zur Teilhabe zu verfügen. „Unverzichtbar sind Löhne jenseits der Niedriglöhne.“ Die Schaffung eines gesetzlichen Mindestlohnes, wie schon von der Landessynode 2009 vorgeschlagen, würde eine „Verbesserung der Situation für armutsgefährdete Familien und ihre Kinder bedeuten“.

Auch Alleinerziehenden helfen

Im Blick ist zudem die „kaum verbesserte“ Situation von Alleinerziehenden. Ein Paradox: Zwar sind Schlösser-Kost zufolge alleinerziehende Mütter und Väter im Bevölkerungsdurchschnitt gleich gut qualifiziert, doch 40 Prozent beziehen Hartz-IV. Die Hürden aus der Langzeitarbeitslosigkeit heraus zu kommen seien hoch. „Zudem mangelt es an familienfreundlichen Arbeitszeiten.“

Viele Strukturen bewirken nach wie vor, dass es für Alleinerziehende schwer ist, eine reguläre und verstetigte (Erwerbs-)Arbeit zu bekommen. Manches bekommen sie leicht: Ein-Euro-Jobs, schulische Trainingsmaßnahmen, Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung. Aber anderes wie betriebsnahe Fördermaßnahmen sei oft unerreichbar. Dabei erhöhen betriebliche Maßnahmen die Chancen auf Arbeit deutlich, unterstreicht Schlösser-Kost.

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 27. März 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 28. März 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu, Foto: Sergej Lepke / 27.03.2012