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Christbaumschmuck Christbaumschmuck erinnert oft auch an die Geschenke, die zu Weihnachten gemacht werden. In Hartz-IV-Familien sind Geschenke aber ein Ding der Unmöglichkeit.

"Weihnachtswunschbaum"-Aktion

„Von Hartz IV auch noch Geschenke kaufen, das ist schwer“

Fast ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Kinderarmut betroffen. Nicht überall wird das Problem vergessen: zu Besuch bei der Aktion "Weihnachtswunschbaum" der Diakonie Rheinberg im Kirchenkreis Moers.

Bernhard Bauguitte ist Initiator der Aktion Bernhard Bauguitte ist Initiator der Aktion "Weihnachtswunschbaum".

Melanie (Name von der Redaktion geändert) ist alleinerziehend. Nach einer Ausbildung als Hotelfachangestellte und dem Tod ihres Mannes ist sie nun mit ihren fünf Kindern auf Hartz IV angewiesen. „Ich habe ein einjähriges Kind, deshalb muss ich zuhause bleiben“, sagt sie. Für sie ist der Weihnachtswunschbaum eine große Entlastung. So hat sie wenigstens Geschenke für ihre Kinder.

Bernhard Bauguitte ist Initiator und Leiter des seit zehn Jahren laufenden Projektes „Weihnachtswunschbaum“. Mit der AOK zusammen wollte er eine Erleichterung für bedürftige Familien schaffen. Er sagt: „Von Hartz IV auch noch Geschenke zu kaufen, das ist schwer.“

Bei der Aktion wird in der AOK Regionaldirektion in Rheinberg ein großer Weihnachtsbaum aufgestellt. Von Kindergartenkindern aus der Umgebung wird er dann in einer mit Kinderliedern begleiteten Aktion mit den Wunschzetteln der von Kinderarmut betroffenen Kindern behangen. Menschen können dann einen Zettel abnehmen und das gewünschte Geschenk kaufen.

Eine Familie wünschte sich einfach Windeln

Teilweise würden auch gebrauchte Dinge als Geschenke gekauft, erklärt Bauguitte. Der Preis eines Geschenkes ist nämlich auf 25 Euro beschränkt. Das Geschenk wird nach dem Kauf bei der Diakonie in Rheinberg abgegeben und an einem zuvor festgelegten Termin von den Eltern oder einem Elternteil im Haus der Generationen in Rheinberg verpackt.

Die Aktion ist ein voller Erfolg. 158 Geschenke wurden dieses Jahr verteilt. Die Herkunft der Menschen ist dabei ziemlich unterschiedlich, sagt Bauguitte: „Ich habe 14 Nationen gezählt. Dieses Jahr haben wir viele Flüchtlingskinder, unter anderem koptische Christen." Auch eine Flüchtlingsfamilie mit einem dreimonatigen Kind war dabei, erzählt er. Sie habe sich das, "was man zum Leben mit einem kleinen Kind braucht", gewünscht: Windeln und Babynahrung.

Stärkerer Anstieg als in anderen Industriestaaten

Kinderarmut ist keine Randerscheinung in Deutschland. Laut Deutschem Kinderschutzbund e.V. sind knapp 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Kinderarmut betroffen. Im reichen Industrieland Deutschland ist die Zahl der Kinder, die von Kinderarmut betroffen sind, seit 1990 stärker angestiegen als in den meisten anderen entwickelten Industriestaaten.

Kinderarmut ist dabei jedoch ein recht schwammiger Begriff. Laut der EU ist jemand arm, der über deutlich weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens verfügt. Bei einem Alleinerziehenden liegt also die Armutsgrenze aktuell bei rund 1.321 Euro Netto-Einkommen.

Nötig ist eine andere Verteilung

Doch allein das, so Bauguitte, reiche nicht, um Kinderarmut vernünftig zu definieren. „Kinderarmut macht sich daran fest, ob das Kind eine Teilhabe am Leben hat - wie auch Kinder aus gut situierten Familien. Das reicht von Kleidung, Essen und Trinken bis zur Freizeitgestaltung. Solche Kinder haben oft weniger soziale Kontakte als andere.“

Obwohl der Weihnachtswunschbaum in Rheinberg seit zehn Jahren ein großer Erfolg ist: Laut Bauguitte ist die Aktion nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Man muss anders verteilen. Auch in Rheinberg ist es so, dass die gutbezahlten Jobs weggehen und dafür Billig-Jobs wie zum Beispiel hier bei Amazon kommen, wo eine vierköpfige Familie bei Hartz IV zum Aufstocker wird.“

Zehn Helfer sind an diesem Abend in der AOK in Rheinberg. Melanie verabschiedet sich von ihnen. Und dann verschwindet sie - unter dem Arm ein Bobby-Car für ihr jüngstes Kind - in den kalten Abend.

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ekir.de / Richard Diesing / 23.12.2014



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