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Kirchenasyl

"Auch ein Rechtsstaat ist nicht unfehlbar"

„Unser Engagement als Evangelische Kirche im Rheinland für Flüchtlinge ist biblisch geboten und in Übereinstimmung mit Grundaussagen unserer Verfassung.“ Das betonte der rheinische Vizepräses Christoph Pistorius am Dienstag in Köln.

Der Vorwurf von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, mit dem Kirchenasyl werde ein „Staat im Staat“ geschaffen, verunsichere engagierte Menschen in den Gemeinden, sagte Pistorius. Der Theologe betonte, dass sich die Kirche mit der Asylgewährung „innerhalb des Grundgesetzes“ bewege. Schließlich gelte darin – ähnlich wie in der Bibel – die Menschenwürde als höchstes Gut: „Aber auch ein Rechtsstaat ist nicht unfehlbar“, so der Theologe. Die Kirche könne dem Staat helfen, wenn er Gefahr laufe, gegen seine eigenen Prinzipien zu verstoßen.

30 Fälle von Kirchenasyl 2014 im Rheinland

2014 wurde im Geltungsbereich der Evangelischen Kirche im Rheinland in 30 Fällen Kirchenasyl gewährt, zumeist mit nachhaltigem Erfolg: In „80 bis 90 Prozent“ der Fälle, berichtete Thomas Flörchinger, Koordinator des ökumenischen Netzwerks Asyl, werde danach ein Asylverfahren zugelassen, das nach einer eingehenden Einzelfallprüfung mit einem dauerhaftem Bleiberecht ende.

Vizepräses Christoph Pistorius Vizepräses Christoph Pistorius

Ihr eigenes Flüchtlingsschicksal schilderte die 26-jährige gebürtige Nigerianerin Mercy Amiosonor, die im September 2014 im Pfarrhaus der Gemeinde Köln Asyl fand. Sie hatte in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg ausbrach und ihre Angehörigen umkamen. 20.000 Euro verlangten Schlepper für die gefährliche Überfahrt nach Lampedusa, für das Geld sollte die junge Frau in Italien arbeiten – als Prostituierte, was ihr nicht bewusst war.

Zuflucht für Mercy Amiosonor und ihren Sohn

Mercy Amiosonor floh daher weiter nach Deutschland, wo ihr heute zweijähriger Sohn Prince geboren wurde. Weil sie bereits einen Asylantrag in Italien gestellt hatte, erklärten sich die deutschen Stellen nicht für zuständig und wollten sie in das „Erstaufnahmeland“ Italien zurückschicken. Ein Freund riet ihr, um Kirchenasyl zu bitten: „Jetzt kann ich wieder ruhig schlafen und essen, man behandelt uns hier wie Familienmitglieder“, erzählte sie glücklich.

Christoph Rollbühler, Pfarrer an der Kölner Thomaskirche, erklärte, dass die Gemeinde, wie in solchen Fällen üblich, umgehend die Verwaltung informiert habe. Generell erweise sich die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Stellen dann als sehr konstruktiv. Vor allem stehe die Gemeinde in dieser Frage zusammen, die Entscheidung für die Aufnahme von Mercy Amiosonor sei im Presbyterium einstimmig gefallen: „Die Menschen wollen, dass die Kirche Profil zeigt, der Schutz von Flüchtlingen wird nicht nur als Selbstverständlichkeit, sondern als Pflicht angesehen“, bestätigte Rollbühler. Umgehend habe sich ein Netzwerk aus Bewohnern des Kirchenkreises, der Gemeinde und des Veedels gebildet, das den beiden Flüchtlingen Hilfe auf jede erdenkliche Weise biete.

Gemeinden unterstützen sich verstärkt gegenseitig

Von einem ähnlichen Effekt berichtete Thomas Flörchinger. Seit bekannt wurde, dass Bundesbehörden offensichtlich darüber nachdenken, Asylanträge erst nach 18 statt, wie bisher, lediglich sechs Monaten Aufenthalt im Kirchenasyl anzuerkennen, habe sich eine „Jetzt erst recht“-Stimmung entwickelt: „Ich habe den Eindruck, dass die Fälle von Kirchenasyl zunehmen, und die Gemeinden unterstützen sich verstärkt gegenseitig.“

Für Mercy und Prince Amiosonor kam die gute Nachricht Anfang der Woche: Das Verwaltungsgericht teilte mit, dass ihr Asylantrag angenommen wird.

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ekir.de / hwh / Foto: Anna Siggelkow / 11.02.2015



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