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Immer mehr geflüchtete Menschen, finden in evangelischen Kirchengemeinden Schutz vor Abschiebung. Immer mehr geflüchtete Menschen finden in evangelischen Kirchengemeinden Schutz vor Abschiebung.

Kirchenasyl I

„Es ist kein Zauberwerk“

Immer mehr geflüchtete Menschen, die gemäß Dublin-III in europäische Nachbarländer abgeschoben werden sollen, finden Schutz in evangelischen Kirchengemeinden. Wie der Syrer Alim Darabishi, dem die Düsseldorfer Emmaus-Kirchengemeinde zur Seite stand. Rechtliche Informationen und Erfahrungsaustausch bietet die rheinische Kirche.

Pfarrerin Elisabeth Schwab (li.) und Küsterin Susanne Dühr betreuten den Syrer Pfarrerin Elisabeth Schwab (li.) und Küsterin Susanne Dühr betreuten den Syrer

Zweimal klingeln, Pause, einmal klingeln: Bei diesem Zeichen hat Alim Darabishi gewusst, dass Susanne Dühr vor der Tür steht. Die Küsterin der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde in Düsseldorf versorgte den jungen Syrer mit Lebensmitteln, mit Möbeln oder Handtüchern. Sie schaute nach, wie es ihm geht und leistete ihm Gesellschaft in der Abgeschiedenheit der Zweizimmer-Wohnung. Von Ende Juni 2015 bis September 2015 hatte die Kirchengemeinde Alim Darabishi das Kirchenasyl gewährt und ihn in ihrem leerstehenden Wohnhaus im Stadtteil Flingern untergebracht. Alim Darabashi sollte vor einer Abschiebung nach Italien bewahrt werden.

„Dass die Kirche hilft, gab uns Hoffnung“

An diesem Abend sitzt Alim Darabishi mit seiner Frau Akilah Darabishi am gedeckten Tisch im Pfarrhaus. Mit dabei ist sein Bruder Azmi Darabishi, mit dem er gemeinsam den viermonatigen Fluchtweg von Damaskus bis Düsseldorf bewältigt hatte. Gemeindepfarrerin Elisabeth Schwab und ihr Mann Matthias Schwab haben die Syrer und das Ehepaar Dühr zu Fladenbrot, eingelegten Oliven und frisch aufgebrühtem Pfefferminztee eingeladen. Gemeinsam blickt die Runde beim Abendessen auf die Monate des Kirchenasyls zurück. „Als ich erfuhr, dass die Kirche meinem Mann hilft, hatte ich wieder Hoffnung“, sagt Akilah Darabishi.

Dazwischen lagen die lebensgefährliche Flucht im überfüllten Schlauchboot, der Schrecken des Bombenhagels in Damaskus und die Unsicherheit bei den Behördengängen. Die Angst der vergangenen Jahre sitzt bei den Syrern tief, daher möchten sie weder mit ihrem richtigen Namen, noch auf einem Foto in die Öffentlichkeit treten.

„Machen wir“, da war sich das Presbyterium einig

Es war das erste Mal, dass die Emmaus-Kirchengemeinde einem geflüchteten Menschen ihren Schutz im Kirchenasyl gewährt hat. „Für uns war das ein Aufruf an die zuständigen Behörden: Schiebt diesen Menschen nicht ab, schaut euch seinen Fall lieber noch einmal genau an“, sagt Gemeindepfarrerin Schwab. Notwendig für ein Kirchenasyl ist der einmütige Beschluss des Presbyteriums. „Da es Urlaubszeit war, habe ich die 13 Presbyterinnen und Presbyter per Mail angeschrieben“, erzählt Pfarrerin Schwab. Und alle antworteten unverzüglich mit „Machen wir“.

Um die deutschen Behörden bei der erneuten Prüfung des Verfahrens nicht zusätzlich unter Druck zu setzen, hatte sich das Presbyterium der Emmaus-Kirchengemeinde für ein sogenanntes stilles Asyl entschieden – außer den Behörden und einer Handvoll Ehrenamtlicher wusste keiner von der Aufnahme des Syrers.

Bundesweit gibt es derzeit 315 Kirchenasyle

Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland haben derzeit mehr als 30 Flüchtlinge, die in den Gemeinden der Evangelischen Kirche im Rheinland im Kirchenasyl leben. Und die Zahl der Menschen, die von Kirchengemeinden in Schutz genommen werden, steigt: Laut der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche (BAG Asyl) gab es 2014 bundesweit insgesamt 430 dokumentierte Kirchenasyle, 2015 waren es bereits 620. Die Statistik für 2016 hat die BAG Asyl noch nicht abgeschlossen, berichtet aber im Februar 2017 von derzeit bereits 315 bundesweiten Kirchenasylen.

Matthias Schwab (li.) und Ulrich Dühr standen dem Flüchtling zur Seite Matthias Schwab (li.) und Ulrich Dühr standen dem Flüchtling zur Seite

Um den Mitarbeitenden in den rheinischen Gemeinden beim Kirchenasyl zur Seite zu stehen, hatte die Landeskirche jetzt zu einem Fachtag nach Bonn eingeladen. Wie die Düsseldorfer Pfarrerin Elisabeth Schwab tauschten sich dort rund 60 Engagierte über Erfahrungen und aktuellen Gesetzeslagen aus. „Es ist wichtig, dass man einen bestimmten Ablauf einhält“, erklärt Elisabeth Schwab. Dazu gehöre vor allem das unverzügliche Verständigen des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie der örtlichen Ausländerbehörde. „Als wir Alim Darabishi morgens um neun Uhr ins Kirchenasyl nahmen, gingen gleichzeitig die Faxe raus“, erklärt Elisabeth Schwab. Der Syrer habe somit mit der Anschrift der Kirchengemeinde eine sogenannte ladefähige Adresse besessen. „Ansonsten hätte er vor dem Gesetz als untergetaucht gegolten.“

Abschiebung ins europäische Nachbarland

Alim Darabishi war ein sogenannter Dublin-Fall. Laut dem mittlerweile dritten Abkommen von Dublin ist das Land der Europäischen Union für das Asylverfahren eines Flüchtlings zuständig, in dem er zuerst registriert worden ist. „Diese sogenannte Überstellungsfrist endet nach sechs Monaten, ist der Geflüchtete so lange in einem anderen EU-Land, wird dieses für sein Verfahren zuständig“, informiert Julia Köhler, juristische Referentin für Migration und Flucht im Landeskirchenamt in Düsseldorf. Tauche ein Flüchtling unter, verlängere sich diese Frist jedoch um 18 Monate.

Etwa die Hälfte aller Menschen im Kirchenasyl unterliegt derzeit laut der BAG Asyl dem Dublin-III-Verfahren. In diesen Fällen könne beim Kirchenasyl durch das Einreichen eines sogenannten Härtefalldossiers eine Härtefallprüfung beim BAMF erreicht werden, sagt Referentin Julia Köhler.

In ihrem Dossier an das Bundesamt hatten die Verantwortlichen der Düsseldorfer Emmaus-Kirchengemeinde vor allem auf die ungleiche Behandlung von Alim und Azmi Darabishi hingewiesen: Trotz derselben Fluchtgeschichte sollte einer der Brüder nach Italien abgeschoben werden, der andere durfte bleiben. „Alim hatte seine Frau und seine Eltern in Damaskus bis dahin ein Jahr lang nicht gesehen, man sollte ihn nicht noch von seinem Bruder trennen“, sagt Ulrich Dühr beim Abendessen in Düsseldorf. Der Presbyter und Archivar der rheinischen Kirche schildert außerdem die Situation der Flüchtlinge in Italien, dem Land, in dem die syrischen Brüder zuerst registriert worden waren: „Dort leben sie meist auf der Straße.“

Eine Zukunft in Deutschland

Einen gesetzlich verankerten Anspruch auf ein Asyl in der Kirche gibt es allerdings nicht: „Auch wenn die Kirchengemeinde in ihren Gebäuden das Hausrecht hat, so sind diese natürlich kein rechtsfreier Raum“, sagt Matthias Schwab. Die Behörden respektierten jedoch das Kirchenasyl, dies garantierten unter anderem Vereinbarungen der Länder mit den evangelischen Landeskirchen, erklärt der Jurist und Ehemann von Pfarrerin Elisabeth Schwab. „Im Gegenzug vertrauen die Behörden darauf, dass wir Christen das Kirchenasyl nicht entwerten und es nur in berechtigten Fällen anwenden.“

Für Alim Darabishi ist die erneute Prüfung seines Falls gut ausgegangen: Er darf in Deutschland bleiben, seine Ehefrau, die er letztendlich zwei Jahre lang nicht gesehen hatte, konnte nachkommen. „Kirchenasyl ist machbar, es ist kein Zauberwerk“, meint Pfarrerin Schwab. Schließlich werde keine Kirchengemeinde damit allein gelassen: „Wir sind unter anderem von unserer ökumenischen Beratungsstelle ,Flingern mobil‘, von der Diakonie Düsseldorf und der Landeskirche unterstützt und beraten worden.“

„Gott sei Dank haben mir die Menschen geholfen, jetzt habe ich mit meiner Frau wieder eine Zukunft“, sagt Alim Darabishi. Der Syrer hat mittlerweile eine Arbeitsstelle als Mechaniker gefunden, seine Frau belegt einen Deutschkurs und denkt über eine Ausbildung zur Erzieherin nach.

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ekir.de / Text: Sabine Eisenhauer / Fotos: Sabine Eisenhauer (2), epd-Bild / Stefan Arend / 26.02.2017



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