EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Kirchenasyl Zwei Freiwillige in Aldenhoven: Reza Mahmoud Hashemi-Nia (li.) und Willi Dickmeis sortieren die Kleiderkammer im Gemeindezentrum.

Kirchenasyl II

„Sozialneid kennen wir nicht“

In jedem Jahr leben etwa 15 Menschen im Kirchenasyl der Evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven. Auch Flüchtlingen im Ort wird geholfen. Missgünstig ist keiner. Denn in der strukturarmen Region ist Solidarität selbstverständlich: Wer Hilfe braucht, bekommt sie eben auch.

Treffen im Gemeindehaus: Pfarrer Charles Cervigne mit Albana Radisavljević und ihrer Tochter Katharina. Treffen im Gemeindehaus: Pfarrer Charles Cervigne mit Albana Radisavljević und ihrer Tochter Katharina.

Der Weg von der Küche der Pfarrwohnung zum Besprechungszimmer im Gemeindehaus ist vielleicht 50 Meter lang. Gemeindepfarrer Charles Cervigne braucht dafür eine halbe Stunde. Unterwegs fragt ihn ein junger Afghane nach einer Kopie, eine Helferin bespricht die Lebensmittelausgabe am Mittagstisch, ein Mitarbeiter der Kommunalgemeinde möchte Möbel verteilen, ein älterer Herr aus dem Ort überreicht als Spende zwei Ledertaschen.

Nicht nur an diesem Vormittag ist rund um das Gemeindezentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven viel los. Täglich treffen sich hier Eltern, die ihre Kinder in die kirchliche Kita und Kleinkinder-Gruppe bringen, Bewohnerinnen und Bewohner aus dem einige Kilometer entfernten gemeindeeigenen Mietshaus, Menschen, die im Gemeindezentrum im Kirchenasyl leben, und noch viele andere, die vorbeischauen, reden und anpacken wollen. „Sie alle suchen Hilfe, und sie alle geben Hilfen“, sagt Pfarrer Cervigne. „Und da wir jedem und jeder gleichermaßen zur Seite stehen, gibt es das Phänomen Sozialneid in unserer Gemeinde nicht.“

„Dabei sind wir eigentlich pleite“

Pro Jahr sind es etwa 15 Menschen, denen die Kirchengemeinde diesen Schutz gewährt. Zurzeit leben sechs Männer und eine Frau aus Afghanistan und Eritrea im Gemeindezentrum. „Dabei sind wir eigentlich pleite und die wahrscheinlich ärmste Kirchengemeinde im Rheinland“, bemerkt Pfarrer Cervigne.

Aldenhoven liegt in einer strukturarmen Region im Landkreis Düren. Als die Steinkohlezeche „Emil Mayrisch“ in Siersorf und ein Aachener Werk des Elektronikkonzerns Philips in den 90er Jahren schlossen, zog das Arbeitslosigkeit und Armut nach sich. Laut der Agentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenquote im Kreis Düren derzeit bei 7,3 Prozent, 10121 Menschen sind ohne Arbeit.

Die Kirchengemeinde bietet ihnen und den vielen Sozialhilfeempfängern in Aldenhoven einen Mittagstisch, eine Kleiderkammer und 30 Sozialwohnungen in ihrem Haus an der Pützdorfer Straße – und ebenso Gespräche und Beistand. Die erlebte Hilfe kommt an, und sie wird von den Menschen ganz selbstverständlich an Flüchtlinge weitergeben.

Kirchenasyl seit den 70er Jahren

„Wir stehen damit in der Tradition des Evangelischen Kirchenkreises Jülich, der sich seit den 70er Jahren unter seinem damaligen Superintendenten Peter Beier für die soziale Gerechtigkeit einsetzt“, sagt Charles Cervigne. Der Pfarrer erinnert an den ersten Flüchtling, den die Kirchengemeinde Aldenhoven in den 70er Jahren unter seinem Vorgänger Jürgen Fliege ins Kirchenasyl aufnahm: Ein Tamile, für den seinerzeit hinter einer Schranktür eine Treppe zur Unterkunft auf dem Dachboden eingebaut worden ist. „Er durfte schließlich in Deutschland bleiben, sein Verfahren ging positiv aus - wie übrigens die Verfahren aller Menschen, die seitdem bei uns Schutz fanden“, berichtet Cervigne. Der Tamile habe schließlich in Deutschland gearbeitet, sei nun in Rente, seine Kinder studierten. „Wir wissen also, wie solche Geschichten ausgehen.“

Durch den Schrank auf den Dachboden geht es zur Unterkunft. Durch den Schrank auf den Dachboden geht es zur Unterkunft.

Die Stiege zum Schlafraum unter dem Dach benutzt heute auch der Afghane Denis Bakhtari. Jeden Sonntag klettert er sie zum Beispiel hinunter, um durch den Flur und den Gemeindesaal zum Gottesdienst in der Kirche zu gehen. Am liebsten würde er für immer hier in der Gemeinde leben, sagt Denis Bakhtari jetzt in der Küche des Gemeindezentrums. „Denn hier habe ich keine Angst.“ Während die Menschen um ihn herum lachen und reden, hält er sich still an seiner Tasse fest. Seine Situation bedrücke ihn, deswegen wolle er auch nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden: „Ich weiß ja gar nicht, wie es mit mir weitergeht.“ Pfarrer Cervigne tröstet ihn: „Was immer passiert, wird sind an deiner Seite.“

„Schutz der Fremden ist Gottes Gebot“

Beistand sei wichtig, das meint auch Rafael Nikodemus, theologischer Dezernent der Abteilung Theologie und Ökumene im Landeskirchenamt in Düsseldorf. „Das biblische Zeugnis hält uns in Kirche und Gesellschaft grundsätzlich dazu an, den Fremden und Flüchtlingen Schutz zu gewähren, sie zu achten und ihre Lebensrechte anzuerkennen.“ In der Bibel werde stets aus Sicht des Flüchtlings erzählt, nie aus der Perspektive der mächtigen Verfolger, ergänzt der Kirchenrat. Gott halte eben seine schützende Hand über die, die vor Not und Verfolgung fliehen: „Der Schutz der Fremden ist daher Gottes unbedingtes Gebot.“

Eigentlich sei das selbstverständlich, findet Willi Dickmeis. Er ist einer von 300 Ehrenamtlichen der 2300 Mitglieder zählenden Kirchengemeinde und derzeit bei der Kommune im Bundesfreiwilligendienst für das Möbellager im Ort zuständig. „Fremde gibt es bei uns auch irgendwie gar nicht“, sagt er. Immerhin hätten die Aldenhovener früher schon gemeinsam unter Tage die Steinkohle abgebaut, Hand in Hand und egal, ob sie aus der Türkei, aus Afrika, Portugal, Deutschland oder Spanien stammten. „Das schweißt zusammen.“ Und so geben jetzt sogar Kinder ihre Spardose im Gemeindehaus ab, um das Geld an diejenigen weiterzureichen, die es gerade nötig brauchen.

Integration mit Ausbildung und Kirchenchor

Sprachkurse bietet die Kirchengemeinde allen Menschen, die nach Aldenhoven kommen. Auch den Flüchtlingen, die eigentlich keine Aussicht auf ein Bleiben haben. „Mein Mann lernte Deutsch und macht jetzt sogar eine Ausbildung“, erzählt Albana Radisavljević aus Albanien, die mit ihrer jüngsten Tochter Katharina auf einen Kaffee im Gemeindehaus vorbeischaut. Und das verschafft nicht nur der Familie ein Aufenthaltsrecht, sondern dem Inhaber des Maler- und Lackiererbetriebs im Ort auch endlich den passenden Auszubildenden, nach dem er lange suchte.

Helfen, das ist dann auch für die Flüchtlinge im Kirchenasyl selbstverständlich: „Ich kehre, schneide Bäume und räum im Kindergarten auf“, erzählt der Afghane Denis Bakhtari. Andere Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund geben beim Mittagstisch das Essen aus, sie renovieren im Ort die Wohnungen von Senioren oder betreuen wie Reza Mahmoud Hashemi-Nia andere Flüchtlinge. Der Iraner lebt seit drei Jahren in Deutschland und leistet gerade bei der Kirchengemeinde seinen Freiwilligendienst. „Ich weiß, wie die Flüchtlinge sich fühlen, das hilft, sie zu verstehen“, sagt er. Es hilft außerdem, dass er Farsi, Persisch und Türkisch spricht.

Deutsch hat Reza Mahmoud Hashemi-Nia unter anderem beim wöchentlichen Singen im Kirchenchor gelernt. „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen“, stimmt er jetzt in der Kirche mit Tenorstimme an. Der Iraner hat sich in Aldenhoven taufen lassen, ebenso Denis Bakhtari aus Afghanistan und die sechsköpfige Familie von Albana Radisavljević.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Text und Fotos: Sabine Eisenhauer / 03.03.2017



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.