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Karlsplatz-Bühne Sprachen über "klug sterben": Eckhard Nagel, Moderator Jens-Peter Iven, Nikolaus Schneider und Gian Domenico Borasio .

„Klug sterben“

Der Irrglaube, dass die Medizin alles heilen könne

Was passiert in der letzten Phase menschlichen Lebens? Welche Antworten aus medizinischer und theologischer Sicht gibt es in Grenzsituationen? Eine Veranstaltung unter dem Titel "klug sterben" mit Nikolaus Schneider beim Kirchentag Stuttgart suchte nach Antworten.

„Einen anderen Menschen zu töten als Akt der Barmherzigkeit, kann ich mir nicht vorstellen“, betonte Nikolaus Schneider, ehemaliger rheinischer Präses und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das Leben in seiner Heiligkeit gelte es zu wahren und auch den klaren Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, so der Theologe am Samstag auf der Karlsplatz-Bühne der NRW-Landeskirchen.

Schneider plädierte gegen Gesetze, in denen die staatliche Ordnung das Leben nicht mehr schützt. In der Bibel behandelten einige wenige Geschichten das Thema Selbsttötung. Dort sei der Grenzfall beschrieben. Grundsätzlich gelte das 6. Gebot: Du sollst nicht töten“. Der Normalfall solle sein: „Wir leben“. In der frühen Kirche sei man auch denen entgegengetreten, die den Märtyrer-Tod als einen erstrebenswerten „Highway to Heaven“ begriffen.

„Den guten Tod gibt es nicht“

Doch plädierte der Theologe für Barmherzigkeit. Bereits Martin Luther habe sich gegen die mittelalterliche Praxis gewandt, Menschen für einen Suizid noch nach ihrem Tod ächten zu wollen. Außerdem müsse man in Grenzsituationen Verantwortung übernehmen und mit Liebe begleiten.

„Den guten Tod gibt es nicht“, sagte der Palliativmediziner Professor Dr. Gian Domenico Borasio aus Lausanne in der Schweiz. Aber jeder sterbe so, wie er gelebt habe. Borasio plädierte gegen eine ökonomisch motivierte „Übertherapie am Ende des Lebens“. Es gebe einen Irrglauben, dass die Medizin alles heilen könne. Dieser werde bewusst von der Medizinindustrie lanciert. In den letzten zwei Jahren des Lebens entstünden so Zweidrittel der lebenslänglichen Gesundheitskosten.

Borasio setzte sich für „Palliative-Care“ ein, bei der physische, psychische, soziale und spirituelle Betreuung unheilbar Kranker zusammen gebracht werden. „Eine liebevolle Fürsorge für Menschen am Ende des Lebens“ sei das Ziel. Er verwies auf eine Studie nach der Männer und Frauen, die in einer ausweglosen Situation auf Therapien wie weitere Chemos verzichteten und „Palliative-Care“ in Anspruch nehmen, sogar drei Monate länger leben. „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird nicht mehr sein“, so der Arzt.

In der Sterbehilfe-Debatte gehört Borasio zu den Unterstützern eines Gesetzentwurfes nach Vorbild des US-Bundesstaates Oregon. Dort ist seit 1998 der ärztlich assistierte Suizid beim Schwerstkranken erlaubt. Mindestens zwei Ärzte müssen zu dem Ergebnis kommen, dass eine Krankheit vorliegt, die innerhalb von sechs Monaten zum Tode führen dürfte. Laut Borasio bleibt bei diesem Verfahren die Zahl der Selbsttötungen im Promillebereich und eine Ausweitung habe sich seit Einführung nicht ergeben.

„Nicht Herr unseres eigenen Lebens und Sterbens“

Professor Dr. Eckhard Nagel, Mediziner und Ethiker, widersprach Borasio vehement in seiner Sicht auf die ökonomische Komponente. „99 Prozent der Medizinstudenten wollen Ärzte werden, weil sie Menschen helfen wollen“, so Nagel. Er bezeichnete es als Fiktion, dass jeder Mensch selbst entscheidet, wie er stirbt: „Wir müssen ein Verständnis dafür wecken, dass wir nicht Herr unseres eigenen Lebens und Sterbens sind.“

Es sei richtig, dass rund 70 Prozent der Krankenkassenbeiträge für die medizinische Versorgung der letzten zwei Jahre verbraucht werde, so der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Essen und Professor an der Universität Bayreuth. 50 Prozent werde für das letzte halbe Jahr verwandt. Doch Nagel erkennt dort nicht eine ökonomisierte Medizin am Werk, sondern sieht nicht, wie es denn anders geregelt werden kann. Seine Frage ohne Antwort: „Wann beginnen denn eigentlich die letzten zwei Jahre, die letzten sechs Monate?“.

Die Ärzteschaft stehe für das Leben und habe eine klare Position: „Wir sind gegen aktive Sterbehilfe, für eine intensive medizinische und palliativmedizinische Begleitung beim Sterben und für ein flächendeckendes Angebot von Hospizbewegungen“, betonte Nagel. Meinungsverschiedenheiten gebe es unter Umständen bei der Frage, ob ein Arzt einem Patienten etwas verschreiben dürfe, das ihn tötet.

Nagel: „Meine Position ist da ganz klar: Ich bin gegen die Erlaubnis, dass Ärzte assistiert Menschen zum Tode bringen dürfen, weil das unsere Verständnis von Arbeit für die Bevölkerung völlig konterkariert.“ Für andere Berufsgruppen schließt er dies nicht aus.

 

 

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ekir.de / rtm / 07.06.2015



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