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Zu Besuch im Kindergarten in Lintorf-Angermund: drei der Kongogäste. Zu Besuch im Kindergarten in Lintorf-Angermund: drei der Kongogäste.

Besuch aus dem Kongo

Die Zeit zum Beten und Singen darf nicht fehlen

Orkanartige Böen wie am Pfingstmontag, entwurzelte Bäume, herabgestürzte Ziegel - für die Gäste aus dem Kongo ist das nichts. Sechs Delegierte aus der abgelegenen tropischen Äquatorregion Équateur besuchen derzeit den Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann.

Nicht nur Blitz und Donner: Superintendent Viktor Lokongo. Nicht nur Blitz und Donner: Superintendent Viktor Lokongo.

Und man kann sagen: Die Kongolesen leben viel enger mit der Natur verbunden als ihre Partner im Raum Mettmann, Ratingen und Hilden. Viktor Lokongo, der Superintendent des Kirchenkreises Longa, sagt: „Wenn es bei uns ein Unwetter gibt, dann gibt es nicht nur Blitz und Donner, dann regnet es richtig.“ Ein stundenlanger Tropenregen ist das, der alles andere zum Erliegen bringt.

„Dann fliegen die Palmdächer der kleinen Lehmhütten weg“, berichtet Pastor Lokongo. „Letztes Jahr ist sogar das Dach einer Schule davongetragen worden.“ Und sein Vorgänger ist bei solch einem Sturm ertrunken, weil sein Boot auf dem Fluss Ruki kenterte, der Ruki ist die Hauptverkehrsader der ganzen Region und mündet in den Kongo.

Keine Angst: Béatrice Ntalanga. Keine Angst: Béatrice Ntalanga.

„Bei eurem Sturm hatte ich überhaupt keine Angst,“ bestätigt freundlich lächelnd auch Béatrice Ntalanga, während draußen im Garten des Evangelischen Gemeindehauses von Lintorf-Angermund der riesige Walnussbaum unter der Krone einer Fichte begraben liegt und die Dachdecker an der Arbeit sind. „Bei uns haben wir schon viel schlimmere Stürme erlebt.“ Anders als im reichen Deutschland hat in der Longa-Ingende-Region, in der Béatrice Ntalanga für die kirchliche Frauenarbeit verantwortlich ist, jedoch kaum jemand das Geld, um die Schäden zu beheben. Das erwähnt sie höflicherweise nicht.

Mut und Hoffnungen  kennenlernen

Im Partnerschaftsvertrag, den der Kirchenkreis Mettmann alle fünf Jahre neu mit den Partnerkirchenkreisen Longa und Dianga abschließt, heißt es, dass die Partner sich gegenseitig unterstützen und über ihren Glauben und die Probleme vor Ort austauschen. Die ökumenische Partnerschaft ist über fast dreißig Jahre gewachsen. Die Delegation aus einer der ärmsten Regionen der Welt ist noch bis zum 23. Juni zu Besuch im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann.

Die Kirchenkreise Longa und Dianga gehören zur Kirche der Jünger Christi im Kongo (CDCC) mit insgesamt 20 Kirchenkreisen und 750.000 Mitgliedern. Seit 1979 ist die CDCC mit der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Wuppertal verbunden und heute eine ihrer Mitgliedskirchen. Für Pfarrer Frank Wächtershäuser, der den Besuch maßgeblich organisiert hat, geht es um einen gegenseitigen Lernprozess: „Wir wissen sehr wenig über den Mut und die Hoffnungen, mit denen die meisten Menschen auf der Welt leben. Wir wollen etwas darüber lernen.“

Völlig verschiedene Welten

Partnerschaft, das klingt gut, tatsächlich prallen in dieser Beziehung jedoch völlig verschiedene Welten aufeinander: sozial, kulturell und theologisch. „Bei euch in Deutschland ist die intellektuelle Dimension viel stärker entwickelt als die spirituelle“, hat Victor Lokongo beobachtet. „Ihr macht große Pläne und Projekte und dann fehlt euch die Zeit zum Beten und Singen.“

Die deutsche Gewohnheit, eine Gemeindeveranstaltung nur mit kurzem Gebet zu eröffnen, ohne ein Lied, das ist ihm völlig fremd: „Singen ist doppelt beten“, meint er. Und kann nicht verstehen, dass deutsche Jugendliche es völlig uncool finden zu singen.

Gesang und Tanz brauchen keine Übersetzung. Gesang und Tanz brauchen keine Übersetzung.

Sprache der Seele

Als Lokongo, Béatrice Ntalanga und der Pygmäenvertreter Petrus Ngondji wenig später die Kids im Kindergarten nebenan mit ihrem unbekümmerten Tanz und Gesang verzaubern, wird deutlich, was ihnen das Singen bedeutet: Es ist die Sprache ihrer Seele und drückt weit mehr aus, als sie mit nüchternen Worten sagen könnten; erst recht wenn aus ihrer Nationalsprache Lingala ins Französische und weiter ins Deutsche übersetzt werden muss.

Der Gesang dagegen braucht keine Übersetzung. Das spüren auch die Kinder, von denen einige sich vertrauensvoll zu Füßen der Besucher niederlassen. Andere dagegen schauen fragend zu ihren Erzieherinnen: Was soll man von diesen Afrikanern halten, die da Rassel schwingend durch ihre Turnhalle tanzen?

Petrus Ngondji Petrus Ngondji

Per Einbaum zur nächsten Stadt

Und auch sonst liegen Welten zwischen den deutschen Gastgebern und den Besuchern aus dem Kongo. Zum Beispiel in puncto Kommunikation und Mobilität. Um bis in die Hauptstadt Kinshasa zum internationalen Flughafen zu gelangen, waren die Sechs tagelang unterwegs. „Zuerst sind wir rund hundert Kilometer mit der Piroge über den Ruki bis in die Provinzhauptstadt Mbandaka gefahren“, erzählt Petrus Ngondji von der Fahrt mit dem traditionellen Einbaum. „Zurück gegen den Strom brauchen wir dann zwölf Stunden.“

Von Mbandaka hat ein kleines Flugzeug sie nach Kinshasa gebracht und erst dann ging die internationale Reise los. Nachdem auch die deutsche Botschaft ein Visum erteilt hatte. Beim ersten Versuch 2013 hatte das Schengenhaus der Gruppe die Ausreise verweigert und sie musste nach Hause zurückkehren. Frank Wächtershäuser die Ereignisse, die im letzten Jahr zu einem Eklat geführt hatten: „Diesmal war der politische Wille da, die Ausreise nicht an den Schengen-Bedingungen scheitern zu lassen.“

Diesmal ging also alles glatt und die Partnerschaft hat durch rund hundert Veranstaltungen und viele persönliche Begegnungen von Gottesdiensten über Sightseeing-Touren bis hin zu Einblicken in die Arbeitswelt neue Impulse erhalten. „Unsere Beziehung besteht etwa zur Hälfte aus geistlichem Austausch und zur Hälfte aus der Planung von Projekten, das sollte eine gute Balance haben“, meint Superintendent Viktor Lokongo.

Brillen-Sammlung für Gemeindeglieder im Kongo. Brillen-Sammlung für Gemeindeglieder im Kongo.

Brillen wandern ins Rückreisegepäck

Zu den Projekten gehören im Rahmen von Mikrokrediten auch Alphabetisierungskurse für ältere Frauen, die nie Gelegenheit hatten lesen und schreiben zu lernen. Da viele von ihnen sich keine Brille leisten können, sind im Kirchenkreis Mettmann jetzt alte Brillen gesammelt worden. Jeder der Delegierten soll 100 mit zurück nehmen.

Die Gefahr von Übergepäck besteht trotzdem nicht. „Vier von unseren Gästen hatten nur Handgepäck dabei“, berichtet Pfarrer Wächtershäuser. „Wir haben sie erstmal eingekleidet und mit dem Nötigsten versorgt.“

Was die Delegierten mitnehmen aus Deutschland, ist weit mehr: „Hier gibt es für alle Probleme eine Lösung, das hat mich sehr beeindruckt“, sagt Petrus Ngondji, Sprecher der Pygmäen in seiner Region, die zur ärmsten Bevölkerung gehören.

Weiche Betten, große Badezimmer und ein Blick vom Fernsehturm

Und Béatrice Ntalanga will ihrer Familie von den weichen Betten und den großen Badezimmern in Deutschland erzählen, aber auch vom Blick aus dem Düsseldorfer Fernsehturm. Und sicher wird auch vom Abschluss des neuen Partnerschaftsvertrages für 2014 bis 2019 die Rede sein und vom Public Viewing im Gemeindezentrum Ratingen-Lintorf.

Denn Fußball-WM findet daheim in den Urwalddörfern des Kirchenkreises nicht statt. Selbst im größten Ort Ingende gibt es keinen Strom, also auch kein Internet, kein Fax, kein Telefon, um mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Es wird eine Weile dauern, bis die Gastgeber in Mettmann erfahren, ob ihre Gäste gut zu Hause angekommen sind.

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ekir.de-Reportage: Bettina von Clausewitz, Fotos: Anna Siggelkow / 20.06.2014



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