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Krankenhausseelsorger Wolfgang Jacobs. Über die Krankenhausseelsorge hinaus tut den Kliniken Spiritualität gut.

Spiritualität

Krankenhäuser brauchen eine geistliche Kultur

Wichtig ist die Pflege einer erkennbaren und glaubwürdigen geistlichen Kultur und die integrierte Präsenz von Seelsorgepersonal, erklärt Prof. Dr. Traugott Roser zum Thema Spiritualität im Krankenhaus. Ein Interview anlässlich einer Tagung zum Thema.

Seit wann kommt es zur (Wieder-) Entdeckung von Spiritualität im Zusammenhang mit evangelischen Krankenhäusern?

Das Thema Spiritualität war natürlich lange Anliegen und Hauptpunkt der Arbeit von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Durch die Entwicklung von "Spiritual Care" als einem Schwerpunkt der Begleitung in der Palliativmedizin und -pflege sowie in der Hospizbewegung wurden dann Pflege und Medizin auf die Bedeutung des Themas aufmerksam. Seit den 1990er Jahren hat sich die Zahl der Studien in den Fachzeitschriften vervielfacht.

Die neue Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Glaube, Religiosität und Spiritualität in Sachen Gesundheit, Krankheit, Behandlung und Therapie kommt also von unerwarteter Seite – nicht von kirchlicher oder diakonischer Seite. Aber vor allem bei diakonischen Trägern ist dies wahrgenommen und aufgegriffen worden. Einige Träger – sowohl aus dem Bereich der Landeskirchen als auch der Freikirchen – befassen sich seit Jahren intensiv mit Spiritualität als einem wesentlichen Thema gerade für die Profilierung der evangelischen Krankenhäuser. Dabei denken sie übrigens nicht nur an die Patienten, sondern auch an die Mitarbeiterschaft. Ein klares und glaubhaftes Profil, das die Pflege eines traditionsbewussten geistlichen Lebens mit einer Offenheit für andere Weltanschauungen und Religionen verbindet, wirkt vertrauensbildend sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Patienten.

Wie kann man den Eindruck vermeiden, dass konfessionelle Krankenhäuser mit ihrer Betonung von Spiritualität sich vor allem einen Wettbewerbsvorteil verschaffen wollen im umkämpften Gesundheitsmarkt?

Zunächst einmal ist es gar nicht verkehrt, anzuerkennen, dass es einen solchen Wettbewerb gibt. Dass im Gesundheitswesen unter Bedingungen von Knappheit gewirtschaftet werden muss und dabei unterschiedliche Träger sich gegeneinander profilieren, hat sich aber in den letzten Jahren deutlich verschärft. Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft hatten dabei eigentlich noch nie Probleme, ihre geistliche Heimat auch als „Marke“ zu etablieren – denken Sie nur an die Namen, die auf biblische Personen und Erzählungen hinweisen. In der Organisationsstruktur haben Geistliche in Vorstand oder Aufsichtsrat ihren Platz.

Lange ist jedoch übersehen worden, dass die Pflege eines spirituellen Lebens, eines besonderen „Geistes“ im Haus, nicht an die Seelsorge oder eine geistliche Leiterin delegiert werden kann, aber sonst – im eigentlichen „Geschäft“ des Krankenhauses nicht weiter auftauchen muss. Ökonomischer Druck hat mitunter sogar dazu geführt, dass immer weniger Gelder für Spiritualität eingesetzt wurden. Räume und Gelegenheiten für religiöses Leben im Haus wurden reduziert, Seelsorgestellen fielen dem Druck zum Opfer.

Vor allem aber wurde nicht ausreichend und innovativ reagiert auf den Abbruch der Mutterhaus-Tradition: Noch in meiner Kindheit gab es selbstverständlich Diakonissen, die erkennbar ihren Pflegeberuf oder die Leitung eines Pflegeheimes aus der Mitte ihres geistlichen Lebens heraus wahrnahmen. Das waren oft sehr beeindruckende Frauen. Sie standen für viele Menschen für die erkennbare spirituelle Tradition eines evangelischen Krankenhauses.

Die Pflege einer traditionsbewussten und profilierten Träger-Spiritualität in einer modernen Welt, in der eine prinzipielle Offenheit und eine Bejahung einer pluralen Gesellschaft besteht, ist eine Herausforderung für evangelische Krankenhäuser. Damit können sie auf dem Markt bestehen.

Wenn Patienten spirituell begleitet werden wollen, brauchen sie Pflegekräfte, die das
auch können. Was ist zu tun, wenn Krankenschwestern nicht gelernt haben, wie man betet?

Wir machen in der Hospizarbeit und bei Palliative-Care-Kursen seit Jahren gute Erfahrungen damit, spirituelle Themen in der Ausbildung und in Fortbildungskursen anzubieten. Wir wissen, dass ganz viele Frauen und Männer, die einen „helfenden Beruf“ ergreifen, dies auch aus inneren Beweggründen tun. Sie sind offen für das, was ihnen von Seiten der hilfebedürftigen Menschen begegnet, interessieren sich für deren Ressourcen und Bedürfnisse, und sind bereit, auch auf spirituelle Bedürfnisse einzugehen. Sie wollen kultursensibel sein und offen für andere Einstellungen als die eigene. Aber wir beobachten auch, dass eine Scheu besteht, sowohl die eigene Spiritualität zu benennen als auch religiöse Themen ins Gespräch zu bringen.

Einerseits wollen jedenfalls die meisten andere nicht „missionieren“, auf jeden Fall die gesundheitliche Situation nicht ausnutzen. Andererseits haben sie oft Angst, etwas Falsches zu sagen, weil es ja auch Experten für religiöse Fragen gibt. Das Gefühl, in der eigenen Familie und der eigenen Kindheit hier zu wenig gelernt und mitbekommen zu haben, hat sich deutlich gesteigert. Die Vertrautheit mit evangelischem Glauben, mit den Geschichten der Bibel, mit Gebeten und Chorälen – all das, was Bestandteil evangelischer Frömmigkeit war und ist –, ist leider weitgehend verloren gegangen.

Meines Erachtens ist es wichtig, dass zweierlei getan wird: die Pflege einer erkennbaren und glaubwürdigen geistlichen Kultur, die integrierte Präsenz von Seelsorgepersonal, das in der Patientenbetreuung als Mitglied im Betreuungsteam eingebunden ist und in Besprechungen immer wieder nach den spirituellen Bedürfnissen und Ressourcen von Patienten fragt oder davon berichtet. Zweitens Angebote mit Mitarbeitenden, bei denen sie ihre beruflichen Erfahrungen auf dem Hintergrund ihrer eigenen Spiritualität reflektieren können. Impulse, die aus der Gemeindepädagogik kommen – bibliodramatisches Arbeiten beispielsweise – sind hier geeignet. Auf diese Weise wird dafür gesorgt, dass Spiritualität ein Thema bleibt, sich aber nicht dafür eignet, Mitarbeitende auf irgendeine Linie zu bringen.

Warum soll man so viele Umstände machen mit der Spiritualität – wir haben doch unsere Klinikpfarrerin?

Die Klinikpfarrer haben viele Jahrzehnte gute Arbeit gemacht. Man hat lange weder in den Kirchen noch bei den Trägern wahrgenommen, dass sich gerade die Krankenhausseelsorge seit den 1970er Jahren enorm professionalisiert hat. Klinikseelsorger haben sich kommunikative Kompetenz erarbeitet, die weit über das übliche pastorale Handwerk hinausgeht. Viele Krankenhäuser haben das als selbstverständlich hingenommen und sich dieser Kompetenz bedient, etwa bei der Einführung von Klinischer Ethikberatung. Es ist aber zu wenig dafür getan worden, mit den Krankenhauspfarrerinnen und -pfarrern gemeinsam zu überlegen, wie sie sich einbringen können und wollen.

Aus einer Umfrage wissen wir, dass beispielsweise die Übernahme von Verantwortung in der Unternehmensorganisation keineswegs dazu führt, dass Seelsorger weniger Patientennähe haben. Im Gegenteil: Sie können dafür sorgen, dass auch andere Berufsgruppen verstehen und wertschätzen, was spirituelle Bedürfnisse sind und wie sie berücksichtigt werden können.

Was meines Erachtens gar nicht geht, ist, dass das Angebot spiritueller Begleitung sich darin erschöpft, Patienten einfach zu sagen: Möchten Sie einen Besuch von unserem Pfarrer? Der Patient muss dieses Angebot missverstehen als eine versteckte Botschaft: entweder soll er genötigt werden, über Glaubensfragen Rede und Antwort zu stehen, oder er soll sich mit seinem Tod befassen. Beides ist nicht die Intention.

Spiritualität ist nicht nur etwas für den Kopf, man muss sie auch spüren, es geht es um den ganzen Menschen. Haben Sie ein gutes Beispiel, wie Spiritualität glaubwürdig in einem evangelischen Krankenhaus gelebt wird?

Ich arbeite eng mit einem diakonischen Träger zusammen. Beispielsweise haben Verwaltungsleitung und Seelsorgerinnen vereinbart, für Mitarbeitende „Retreats“anzubeiten, ein paar Tage zur Verarbeitung und Reflexion der eigenen Erfahrungen. Diese Auszeiten, verbunden mit einem dem Angebot geistlicher Übungen, haben gut getan – und sie haben die Identifikation mit dem Träger und seiner Tradition gefördert.

Besonders schön war für mich, dass die intensive Arbeit in und an biblischen Geschichten – wenn sie nicht als gelehrter Vortrag, sondern als Entdeckungsreise stattfindet – hilft, die eigene Lebenswelt mit der Realität des lebendigen Wortes zusammenzubringen. Dazu kamen vor allem von Mitarbeitern (auch aus Leitungsebenen), die keine Kenntnisse von Bibel oder Gesangbuch hatten, die stärksten Rückmeldungen. Ich bin kein Freund davon, ständig neue Symbole und Rituale erfinden zu müssen. Ich vertraue dem Schatz der überkommenen Tradition und halte sie für tauglich in der heutigen Welt. 

Prof. Dr. Traugott Roser ist Professor für Praktische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. "Spiritualität in evangelischen Krankenhäusern - Impulse für eine berufsgruppenübergreifende Gestaltung" heißt sein Vortrag am 13. November bei der Fachtagung "Wieviel Spiritualität braucht ein evangelisches Krankenhaus? Eine Selbstvergewisserung für Führungskräfte". Dazu lädt die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe in Kooperation u.a. mit der Evangelischen Kirche im Rheinland nach Düsseldorf ein. Anmeldungen zu der Fachtagung sind willkommen.

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ekir.de / diakonie-rwl.de, Foto: Jürgen Schulzki / 10.10.2014



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