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Patientinnen und Patienten gilt die erste Sorge von Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorgern. Foto: Christoph Bünten Patientinnen und Patienten gilt die erste Sorge von Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorgern. Foto: Christoph Bünten

Krankenhausseelsorge

Wir sind Kirche im Krankenhaus

Es ist schwül im Haus. Später am Tag wird ein schwerer Guss über der Stadt niedergehen. Doch schon jetzt, an diesem Vormittag hat die Krankenhausseelsorgerin Schweres erlebt. Ein Patient liegt im Sterben. Immerhin: Seine Familie ist bei ihm.

Elisabeth Lehmann Elisabeth Lehmann

Nur wenige Betten weiter: ein verzweifelter Mann, der nach mehreren Erkrankungen nun zusätzlich ertaubt ist. Sein dringendster Wunsch ist ein Handy-Ladekabel, um seine Liebsten zumindest schriftlich zu kontaktieren. Die Kölner Krankenhausseelsorgerin Elisabeth Lehmann hilft, wo sie kann. Nicht nur mit Gebet, Psalm oder Lied. „Zuhören ist meine Hauptaufgabe“, sagt die Pfarrerin des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region.  Lehmann arbeitet im Krankenhaus Holweide, ein 500-Betten-Haus im Rechtsrheinischen.

Das Telefon klingelt. Ein Mann will von seinem verstorbenen Vater Abschied nehmen. Lehmann organisiert: Ihre katholische Kollegin wird ihn in den Aufbahrungsraum begleiten, unabhängig davon, ob er evangelisch, katholisch, Atheist oder Buddhist ist. „Menschlichkeit sollte nicht an Religiosität oder Konfession scheitern“, sagt die Pfarrerin. Draußen ein Donner, es wird dunkler im Raum. Lehmann macht das Licht an.   

Lebensgeister wieder geweckt

Zeit für einen weiteren Krankenbesuch. Die Patientin mittleren Alters liegt auf der internistischen Station. Sie hat eine Herzmuskelentzündung. Lehmann rückt einen Stuhl ans Bett – zum Gespräch auf Augenhöhe. „Wie geht’s Ihnen heute?“ Die Patientin grinst. „Gut!“ Noch vor wenigen Wochen habe sie die Welt als schlecht und dunkel erlebt, erzählt die Patientin. „Da kamen eines Morgens: Sie. Und jetzt sind die Lebensgeister wieder da!“ Beide lachen.

Neun Etagen höher, eine halbe Stunde später: Lehmann begleitet einen älteren Herrn im Morgenmantel ans Flurende in die Aufenthaltsnische. Regen prasselt ans Fenster. Der ehemalige Presbyter vermisst seinen Gemeindepfarrer. Nun klagt er der Seelsorgerin, dass seine Frau zuhause  im Rollstuhl sitzt. Der 74-Jährige will so schnell wie möglich entlassen werden.

Kirche im Dorf

Weder Pflegende noch Ärzte haben Zeit für solche Gespräche. „Sie sind im Dauerstress“, erklärt Elisabeth Lehmann. Auf dem Weg über den langen, weißen Stationsflur winkt sie einer Krankenschwester. Ein kurzes Gespräch mit einer Oberärztin. Jeder kennt jeden. „Das ist wie in ein Dorf“, sagt Lehmann. „Und ich bin die Kirche im Dorf.“

Ähnlich hat  das der Mönchengladbacher Krankenhausseelsorger Herbert Schimanski einmal gesagt: „Wir sind Kirche im Krankenhaus.“ Wie alle Pfarrerinnen und Pfarrer in der Klinikseelsorge sind Schimanski und Lehmann nicht nur Ansprechpartner für die Patientinnen und Patienten, sondern auch für die Beschäftigten im Krankenhaus. Schwestern und Pfleger, Ärztinnen, Ärzte und sonstige Angestellte – auch für sie alle haben die Seelsorgenden ein offenes Ohr.

Jürgen Sohn Foto: Markus J. Feger Jürgen Sohn Foto: Markus J. Feger

Kirchenrat Pfarrer Jürgen Sohn, u.a. für Seelsorge zuständiger Leitender Dezernent im Landeskirchenamt, erklärt: „Kranke Menschen zu besuchen und Mitarbeitende im Krankenhaus zu begleiten, ist eine Aufgabe, die sich für die Kirche aus dem Evangelium ergibt.“ Übergemeindlich organisierte Krankenhausseelsorge funktioniere am besten unter den Bedingungen des modernen Gesundheitswesens – und sie entlaste die Kirchengemeinden.

Im Aufzug erzählt Seelsorgerin Lehmann, die jetzt ihren Ruhestand antritt, von Einsätzen im Kreißsaal. Neben Geburten mit Happy End gibt es auch schlimme Momente, vor allem, wenn Eltern vor der Frage eines Schwangerschaftsabbruchs stünden. „Dann werden Schuldfragen oft zu religiösen Fragen. Ich bin meiner Religion unendlich dankbar, dass wir Vergebung haben.“

Jetzt noch einmal zum sterbenden Patienten vom Vormittag: Die Tochter will mit ihr sprechen. Später wird Elisabeth Lehmann, wie jeden Abend, im „Raum der Stille“ der Klinik eine Kerze anzünden. So lässt sie den Tag Revue passieren und legt die ihr anvertrauten Menschen in Gottes Hand.

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ekir.de / Angelika Staub, neu / 30.07.2017



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