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Pfarrer Wolfgang Baumann ist Vorstand der „Stiftung kreuznacher diakonie“. Pfarrer Wolfgang Baumann ist Vorstand der „Stiftung kreuznacher diakonie“.

125 Jahre „kreuznacher diakonie“

Zuwendung als Kern diakonischer Arbeit

„Diakonie vereint Fachkompetenz und gelebte Menschlichkeit“, sagt Pfarrer Wolfgang Baumann, Vorstand der „Stiftung kreuznacher diakonie“, im Interview. Der kirchliche Wohlfahrtsverband feiert ab 18. Mai sein 125-jähriges Bestehen.

Die „Stiftung kreuznacher diakonie“, vor 125 Jahren als Diakonissen-Mutterhaus gegründet, ist heute der größte Anbieter diakonischer Leistungen in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Wie hat sich diakonische Arbeit in dieser Zeit verändert?

Wolfgang Baumann: 1889 gründete Pfarrer Hugo Reich in Bad Sobernheim die heutige „Stiftung kreuznacher diakonie“. Ihn leitete die Frage: Wie kann das wachsende Diakonissen-Mutterhaus die Lebenssituation der Menschen im Süden der rheinischen Kirche verbessern? Schon nach wenigen Jahren war eine Vielfalt von Angeboten entwickelt: Ausbildungsstätten, Krankenhaus, Kinderheim, Behindertenhilfe, Wohnungslosenhilfe, Seniorenarbeit. Bis in die 1990er Jahre wurden die damaligen Diakonieanstalten mit allen entstandenen Arbeitsgebieten zentral geleitet. In den letzten 25 Jahren entwickelten sich daraus wirtschaftlich selbstständige Geschäftsbereiche. Diese Struktur ermöglichte es, den unterschiedlichen Herausforderungen im Sozial- und Gesundheitsbereich zu begegnen.

Was sind die Arbeitsschwerpunkte der „kreuznacher diakonie“ im Jubiläumsjahr 2014?

Die Rahmenbedingungen diakonischer Arbeit sowohl bei den gesundheitsbezogenen als auch bei den sozialen Dienstleistungen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Im Jubiläumsjahr stehen wir vor der Aufgabe, die Krankenhäuser, die Seniorenhilfe, die Angebote für Menschen mit Behinderungen und die sozialen Hilfsangebote in Geschäftsfeldern stärker zusammenzufassen und so aufzustellen, dass sie im Wettbewerb bestehen können. Wir haben zum Beispiel drei Krankenhäuser an fünf Standorten. Sie sollen nicht mehr nur kooperieren und sich gegenseitig austauschen, sondern unter einer Geschäftsführung zusammengefasst werden.

Was unterscheidet die kreuznacher diakonie von einem nichtkirchlichen Wohlfahrtsverband?

Ihre Identität als evangelische Einrichtung bezieht die „Stiftung kreuznacher diakonie“ aus dem christlichen Glauben. Die Menschenfreundlichkeit Gottes soll durch die Arbeit der Stiftung erfahrbar werden. Dazu muss sie ihre Mitarbeitenden mit den christlichen Grundsätzen ihrer Arbeit vertraut machen. Denn ob die Hilfeleistung als Diakonie erfahren wird, das entscheidet sich vor allem durch Haltungen und Handlungen von Mitarbeitenden.

Wie äußert sich das konkret?

Baumann: Wir haben immer wieder Maßnahmen und Veranstaltungen, die unser Leitbild und unsere Werteorientierung breit thematisieren. Mitarbeitende, die neu anfangen, nehmen zum Beispiel an einem Orientierungstag teil. Dabei lernen sie über ihren jeweiligen Arbeitsplatz die „Stiftung kreuznacher diakonie“ kennen, erfahren etwas von der Tradition und was für Diakonie wesentlich ist. Dann haben wir eine Reihe von Fortbildungs- und Weiterbildungsveranstaltungen insbesondere für Führungskräfte. Sie beschäftigen sich damit, was es heißt, werteorientiert zu führen und welche Grundsätze uns im Miteinander wichtig sind. Zentrale Punkte sind hier etwa, dass man die Menschen miteinbezieht in Entscheidungen, dass Entscheidungen transparent gemacht werden und dass die Mitarbeitenden wertgeschätzt werden durch eine Anerkennungskultur.

Diakonie steht nach ihrem Selbstverständnis für praktizierte Nächstenliebe und Dienst am Menschen. Wie kann sie das unter den Bedingungen des Marktes für soziale Dienste heute leisten?

Das Motiv für ganz viele Menschen in der Diakonie, sich für einen Beruf im Sozial- oder Gesundheitswesen zu entscheiden, ist, dass sie hier ihre Fachkompetenz und gelebte Menschlichkeit miteinander verbinden können. Der Wert diakonischer Berufe besteht vor allem darin, dass jemand sich eines anderen in seiner Not annimmt. Und bei aller Notwendigkeit betriebswirtschaftlich zu denken, muss Diakonie immer wieder auf die Zuwendung als Kern sozialer, pflegerischer und ärztlicher Tätigkeit achten. Es bleibt beständige Aufgabe, immer wieder das Gleichgewicht auszutarieren zwischen Fachlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Christlichkeit.

Heißt das, dass sich zum Beispiel eine Krankenschwester in Ihren Kliniken mehr Zeit nehmen kann für die Patienten?

In unseren Krankenhäusern sorgen wir dafür, dass Seelsorger und Diakone da sind und dass Patienten geistlichen Beistand erhalten, wenn sie dies wünschen. Das zeigt sich auch im Alltag, wenn ein Arzt oder eine Krankenschwester am Krankenbett ein Stück von ihrem Menschsein, von ihrer Hoffnung, aber auch von ihren Zweifeln zeigen. Ich glaube, das ist für viele Menschen sehr wohltuend.

Gesundheits-, Betreuungs- und Pflegesektor sind seit Jahren unterfinanziert, es herrscht zunehmend Mangel an Fachpersonal. Wie reagiert die „kreuznacher diakonie“ auf diese Herausforderungen?

Wir müssen bei jungen Menschen das Interesse für Diakonie wecken, sie begeistern. Ich glaube das steht am Anfang. In unseren Schulen für Gesundheits- und Pflegeberufe sorgen wir für qualitativ hochwertige Ausbildung. Und wir setzen auf gute Personalentwicklung, die berücksichtigt, dass sich Bedürfnisse und Interessen der Mitarbeitenden im Laufe des Berufslebens verändern. Ich glaube, der Förderung der Mitarbeiterzufriedenheit und einer fairen Bezahlung, die der Leistung entspricht, kommen sehr hohe Bedeutung zu.

Wie macht sich die „kreuznacher diakonie“ auf dem Markt der Wohlfahrtspflege zukunftsfest?

Wenn wir auch in Zukunft dazu beitragen können, die Lebenssituation von Menschen zu verbessern, dann werden sie die Angebote der „Stiftung kreuznacher diakonie“ auch nachfragen. Teilhabe am Leben, Teilhabe an Arbeit, Inklusion, das ist im Bereich Rehabilitation das Thema der Zukunft. In den Krankenhäusern wird es darum gehen, sich in einer alternden Gesellschaft darauf einzustellen, dass auch die Patientinnen und Patienten immer älter werden. Auch in der Seniorenhilfe werden wir unsere Angebote ausweiten, um Menschen zu ermöglichen, ihr Alter gut zu leben.

Terminhinweis: Das Jubiläumsjahr „125 Jahre Stiftung kreuznacher diakonie“ beginnt am Sonntag, 18. Mai, um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst in der Diakonie-Kirche, Ringstraße, 55543 Bad Kreuznach. Die Predigt hält Präses Manfred Rekowski. Anschließend wird in der Theodor-Fliedner-Halle eine Wanderausstellung zu Geschichte und Geschichten aus 125 Jahren „kreuznacher diakonie“ eröffnet.

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ekir.de / Ulrike Klös, Foto: Stiftung kreuznacher diakonie / 14.05.2014



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