Interview

"Die globalen Weichen neu stellen"

Börsen und Staatshaushalte gehen in die Knie, die Politik startet Rettungsversuche: ekir.de-Interview mit Vizepräses Petra Bosse-Huber über Wirtschaft in der Krise, Nächstenliebe und Gerechtigkeit.

Vizepräses Petra Bosse-Huber. LupeVizepräses Petra Bosse-Huber.

Kann man theologisch die Börsenkrise bewerten?
Theologisch holt uns aktuell ein, was wir eigentlich schon lange wissen: Dass es gerechtes globales Wirtschaften nicht gibt in Zusammenhängen, die ausschließlich am kurzfristigen Gewinn orientiert sind. Die evangelische Sozialethik schärft uns seit Jahrzehnten ein, dass es sowohl im nationalen als auch im internationalen Raum entscheidend auf die Gemeinwohlorientierung ankommt. Die Bibel nennt das Nächstenliebe, wenn wir sowohl das Wohl aller als auch das Wohl jedes einzelnen im Blick zu behalten versuchen.
Was wir im Moment an den internationalen Börsen erleben, erinnert an entfesselte Märkte. Sie scheinen sich der politischen Rationalität weitgehend zu entziehen. In biblischer Sprache gesprochen: Alles, was sich nicht mehr an Gottes Maßeinheiten von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung orientiert, kann eine solche Maßlosigkeit und Eigendynamik entwickeln, dass demokratisch verantwortetes politisches Handeln kaum mehr möglich zu sein scheint.
Für mich ist schon die öffentliche Rede, bestimmte finanzielle Transaktionen seien „alternativlos“, wie wir es in den vergangenen Monaten immer wieder zu hören bekommen haben, solch ein Hinweis auf einen wirtschaftlichen Teufelskreis. Die Kurzatmigkeit und der Stress unter großem Zeitdruck getroffener Entscheidungen vereitelen momentan einen grundsätzlichen politischen Diskurs. Was politisch und wirtschaftlich gerade so dramatisch aus dem Ruder läuft, ist allerdings keine blinde Fügung des Schicksals, sondern grausame Konsequenz unserer Form globalen Wirtschaftens.
Ich wünschte mir, dass die konzentrierte Aufmerksamkeit unzähliger Politiker, Wirtschaftsfachleute und Börsianer, die horrenden Investitionen zur Rettung von maroden Staatshaushalten genauso zur Verfügung stünden zur Bekämpfung der Hungerkatastrophen in Ostafrika oder zur Bekämpfung des Flüchtlingselends an den Grenzen Europas. Das wäre tatsächlich eine Form von globaler Rationalität. Wir werden aus den erschreckenden politischen und wirtschaftlichen Reaktionsspiralen nicht aussteigen können, wenn wir die Rahmenbedingungen unseres wirtschaftlichen Handelns nicht grundlegend in Frage stellen und ändern.

Inwiefern ändern?
Die Stichworte lauten Balance zwischen Gemeinwohlorientierung und Eigennutz oder ganz klassisch biblisch ausgedrückt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Unsere Aufmerksamkeit muss dem sozialen und ökologischen Mehrwert von Wirtschaften gelten statt der kurzfristigen Gewinnorientierung. Die Fragen von Armutsbekämpfung, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit gehören ganz vorne auch auf unsere kirchlichen Tagesordnungen, aber nicht nur dahin. Unsere Generation lebt auf Pump und macht gerade in diesen Wochen Schulden in einer Größenordnung, die die Lebenschancen der nachfolgenden Generationen unverantwortlich beschneiden oder gar zerstören.
Ich weiß, dass viele politisch Handelnde sich dieser Verantwortung bewusst sind. Ich wünschte, die Verantwortlichen fänden den Mut, diese extreme politische und wirtschaftliche Situation zu nutzen, um endlich auf nationaler, europäischer und globaler Ebene Regeln und Grenzen globalen Wirtschaftens zu vereinbaren und durchzusetzen, anstatt mit unvorstellbar großen Summen von Steuergeldern nur verzweifelte Schadensbegrenzung zu betreiben. Bei einer solchen Kurskorrektur könnten sie sich der Unterstützung der Kirchen und vieler politisch wacher Zeitgenossen sicher sein.

Stellen die Kirchen die Systemfrage?
Die Kirchen stellen weltweit schon seit langem die Systemfrage. Sie dringen auf eine Weltwirtschaft, die der Gerechtigkeit und dem Frieden dient, statt Menschen und unsere sehr empfindliche Erde auszubeuten. Sie fragen, wie Staatshaushalte aussehen müssen, die nicht schon heute auf Kosten kommender Generationen aufgestellt werden. Christinnen und Christen drängen darauf, sich diesen Fragen endlich mit dem gebührenden Ernst zu stellen. Weltweit wächst die Zahl der von Armut betroffenen Menschen immer weiter, während auf vielen Kontinenten die Gruppe der Reichen und Mächtigen, die von unserer gegenwärtigen Art zu wirtschaften profitiert, immer kleiner wird.
Die biblische Vision, der ich mich mit vielen anderen Christen verpflichtet fühle, verheißt dagegen, dass nicht nur einige wenige, sondern alle Menschen „Leben und volles Genüge haben sollen“: Junge und Alte, Europäer und Asiaten, Amerikanerinnern und Afrikanerinnen. Von dieser globalen Vision erzählt nicht nur das Johannesevangelium (10, 10), sondern die ganze Bibel ermutigt zu solch einem neuen, menschenfreundlichen Lebens- und Wirtschaftsstil. Für mich machen diese Worte Mut zu entschiedenem politischem Handeln gerade in einer globalen Krise. Jetzt können wir daran arbeiten, die globalen Weichen neu zu stellen.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 9. August 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 9. August 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 09.08.2011



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland – EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung