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Haben das Kunstprojekt zum Reformationsjubiläum auf den Weg gebracht: Beirat und Jury. Haben das Kunstprojekt zum Reformationsjubiläum auf den Weg gebracht: Beirat und Jury. Foto: Marcel Kuß

Interview über das Kunstprojekt „reFORMAtion – transFORMation“

Neue Einblicke, Durchblicke, Ausblicke

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat einen Kunstpreis ausgelobt und elf Künstlerinnen und Künstler eingeladen, ihre Vision einer Kirche von morgen mit Skulpturen, Rauminstallationen, Fotografien und Malereien darzustellen. Hintergrundgespräch mit Kirchenrat Volker König über das Kunstprojekt zum Reformationsjubiläum 2017. 

War es leicht, aus den zwei, drei Seiten langen Konzepten der Künstlerinnen bzw. Künstler eine plastische Vorstellung ihres geplanten Kunstwerks zu gewinnen?

Das habe ich in der Tat als große Herausforderung empfunden. Aber zum einen haben uns die Künstler frühere Arbeiten geschickt, so dass man die künstlerische Handschrift und den Stil erkennen konnte. Außerdem haben sie uns natürlich Skizzen geschickt. Dadurch hat sich eine klare Vorstellung geformt, wie die Arbeiten aussehen werden. Sehr hilfreich war es natürlich, dass wir Jurymitglieder haben, die die einzelnen Künstlerinnen und Künstler kennen und sehr gut beschreiben können, wie sie arbeiten, welche Materialien sie verwenden und welche Erfahrungen sie mit der Ausführung von Arbeiten gemacht haben.

Hat die Jury lange über die Auswahl diskutiert?

Von 18 eingereichten Arbeiten sind es am Ende elf geworden. Die Anzahl der Arbeiten, die einerseits alle eine eigene Raumwirkung entfalten sollen und zugleich zueinander in Beziehung gesetzt werden, der begrenzte Raum, der jeweils dafür zur Verfügung steht und die verschiedenen Ausstellungsorte: Das alles musste auf einen Nenner gebracht werden. Ich war beeindruckt von unserer Jury, sowohl im Blick auf die Wahrnehmung und Einschätzung der Künstlerinnen und Künstler und ihrer jeweiligen Arbeiten, um die es jetzt konkret gehen sollte, als auch im Blick auf die Notwendigkeiten und Möglichkeiten, diese Arbeiten sinnvoll zu kuratieren.

Nun werden die Künstlerinnen und Künstler an die Arbeit gehen und ihre Projekte realisieren. Wie gegenständlich, wie abstrakt werden die Werke ausfallen?

Die Vielfältigkeit der Arbeiten und der dabei verwendeten Techniken - sie lassen sich nicht auf einen Begriff bringen. Um es sehr deutlich zu sagen: Keine Arbeit, die jetzt entsteht, wird „abstrakt“ sein in dem Sinne, wie es umgangssprachlich oft gebraucht wird: abstrakt als „blutleer“. Zum einen arbeiten die Künstler mit handfesten Materialien. Da kommt es zu einem Verstehen im Sinne von Be-Greifen. Um ein Beispiel zu nennen: Christoph Dahlhausen hat seine Arbeit geradezu darauf angelegt, dass die Besucherinnen und Besucher selber Hand anlegen und in Interaktion treten mit dem Material, dass sie selber eine Form geben - dass sie re-formieren oder trans-formieren. So haben wir das Kunstprojekt ja auch benannt: reFORMation – transFORMation.

Vielfältige Formen – sind auch die Aussagen vielfältig?

Die geplanten Werke sind deutungsoffen - aber sie vermitteln zugleich Perspektiven. Sie bleiben nicht im Ungefähren, sie drängen oder besser sie (ver-)führen den Betrachter dazu, sich zu ihnen zu verhalten. Manche Objekte zwingen den Betrachter geradezu, dass er sich um sie herum bewegt. Sie eröffnen dabei jeweils neue Einblicke, Durchblicke, Ausblicke. Es geht weniger darum, dass der Betrachter mit dem Werk etwas anfangen kann, sondern vielmehr darum, dass das Werk etwas mit dem Betrachter macht.

Wird die Wanderausstellung die ganze Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen umfassen?

Die Künstlerinnen und Künstler nutzen verschiedene Techniken und kombinieren sie auch. Da gibt es etwa eine Arbeit, die mit gegenständlicher Fotografie arbeitet, wir haben Computergrafik, Installationen, Plastiken bis hin zu gegenständlicher Malerei und klassischer Holzskulptur. Wichtig war uns, dass die Arbeiten so angelegt werden, dass sie den Ausstellungsort Kirchenraum mitdenken. Gleichzeit werden die einzelnen Arbeiten im gemeinsamen Raum wieder aufeinander bezogen. Das allein schafft schon interessante Interaktionen.

Was finden die Künstlerinnen und Künstler spannend am Thema Reformation? Woran knüpfen sie an?

Mein Eindruck ist, dass sie weniger an einem geschichtlich oder kirchengeschichtlichen Ereignis anknüpfen, auch nicht an einem für die Institution Kirche bedeutsamen Ereignis. Es sind vielmehr Assoziationen mit Themen, die den Künstlerinnen und Künstlern bedeutsam erscheinen, wenn sie an die Kirche und ihre Wandlungsprozesse denken. Bei einigen gibt es biographische Bezüge zu Kirche, insgesamt ist die Bandbreite der Künstlerinnen und Künstler groß. So haben wir Arbeiten von Männern und Frauen in den unterschiedlichen Lebensaltern und aus unterschiedlichen geographischen und kulturellen Bezügen, das reicht von Israel über Iran bis Estland, und entsprechend auch aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, sei es dem Judentum, dem Katholizismus, der Orthodoxie oder dem Islam. Mein Eindruck ist: Sie ermutigen uns als Kirche zu einer Haltung, die die Reformatoren auf die Formel gebracht haben: ecclesia reformata semper reformanda - die Kirche der Reformation bedarf der ständigen Erneuerung.

Zeichnet sich bereits jetzt, noch vor Beginn der Umsetzung, der erhoffte inhaltliche Ertrag des Kunstprojekts?

Als Ziel des Projektes „reFORMation – transFORMation“ haben wir formuliert: Wir suchen als Kirche das Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern als Experten für Wahrnehmung, Vision und Gestaltung - auf dem Weg zu neuen Formen. Ein gelingendes Gespräch lebt von dem Vertrauen, das die beiden Gesprächspartner haben, von einer Offenheit, dem anderen zuzuhören, ohne dabei gleich Verwertungsabsichten im Hinterkopf zu haben. Wer mit solcher Offenheit an die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler herangeht, macht manche Entdeckungen.

Welche?

Die Künstlerin Zipola Ravaelov, die aus Israel kommt, weist in ihrem Exposé auf den Zusammenhang von Licht und Schatten hin. Sie kommt aus einer Region, in der die Qualität von Licht und Schatten geradezu auf den Kopf gestellt ist. Wo das Licht - die Sonne - geradezu gnadenlos auf alles Leben brennt, wird Schatten lebenserhaltend, lebensspendend. Wenn wir nach neuen Gestalten von Kirche fragen, schauen wir in der Regel auf die Erfahrungen, die „im Licht stehen“, die sich sehen lassen können, die Erfolg versprechen. Warum nicht einmal die Perspektive wechseln? Könnte es nicht sein, dass genau das zukunftsfähig ist, das nicht im medialen Fokus steht, das nicht mainstreamig ist, das momentan eher ein Schattendasein fristet?

Haben Sie eine weitere Entdeckung?

Mich hat auch die Arbeit der Berlinerin Shila Khatami besonders fasziniert: Drei große Platten mit einer Art Lochblech-Muster werden aneinander gestellt, so dass - je nachdem, aus welcher Perspektive man darauf schaut - ganz neue Durchblicke entstehen. Je nach Hintergrund, der durchscheint, ergibt das ganz unterschiedliche Bilder und Formate.

Wie lesen Sie das Werk im Blick auf Kirche?

Das Werk ermutigt mich, unsere Kirche von den verschiedenen Seiten anzuschauen, sie im Kontext zu betrachten, offen zu bleiben für ganz neue Formen und Entwicklungen. Da geschieht etwas Überraschendes, das nicht vorhersagbar, planbar oder aus den Erfahrungen der Vergangen hochrechenbar wäre. Wie offen sind wir eigentlich noch, wenn es um eine veränderte Gestalt von Kirche geht, wie gefangen sind wir in den Bildern und Formaten, die wir aus der Vergangenheit mitbringen, wie sehr konditioniert uns das, was uns gegenwärtig als möglich oder realistisch erscheint? Auf Krisen reagieren Systeme in der Regel mit einem „Mehr desselben“, so hat der Psychologe Paul Watzlawick das einmal beschrieben. Das hilft aber nicht weiter. Es verschärft eher die Krise. Die Künstlerinnen und Künstler ermutigen mich, über „dasselbe“ hinaus zu schauen und zu denken. Das großartige an Künstlerinnen und Künstlern ist: Sie reflektieren diese Themen nicht in der Theorie. Vielmehr machen sie es anschaulich. Sehr überzeugend.

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ekir.de / neu / 10.06.2016



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