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Lebach An jedem Dienstagnachmittag ist internationaler Frauentreff der Kirchengemeinde Lebach-Schmelz.

Herzlich willkommen! Flüchtlingsarbeit in der rheinischen Kirche (4)

„Leider können wir nicht allen helfen"

Flüchtlingsarbeit ist ein Schwerpunkt in der Kirchengemeinde Lebach-Schmelz im Saarland. Denn mit der Landesaufnahmestelle für Asylbewerber in ihrer Stadt hat die Gemeinde viele Menschen in Not vor ihrer Tür.

Pünktlich um 17.30 Uhr wird es quirlig im Dietrich-Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde Lebach-Schmelz. Ein Dutzend Frauen, manche mit Kinderwagen oder Kindern an der Hand, kommen in den Gemeindesaal, nehmen am schön gedeckten Kaffeetisch Platz und plaudern munter drauflos – auf Farsi. Diese Sprache spricht man im Iran und in Afghanistan, ihren Heimatländern. Jetzt leben sie in der saarländischen Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge und Asylbewerber.

Jeden Dienstagnachmittag kommen sie zum internationalen Frauentreff der Kirchengemeinde. „Hier können sie für kurze Zeit den tristen Alltag mal hinter sich lassen“, sagt Petra Ferdinand-Storb. Die Psychologin arbeitet mit halber Stelle in der Integrationsarbeit der Kirchengemeinde.

Warten auf die Aufenthaltsgenehmigung

Sie berät Flüchtlinge in psychosozialen Fragen, begleitet sie zum Arzt, zum Anwalt und zu Behörden. Frau Petra, wie sie genannt wird, hat das Vertrauen der Frauen. Im Frauentreff legen selbst Muslima schon mal ihre Kopftücher ab. Denn sie fühlen sich hier wohl.

Zum Beispiel Farnaz, eine 22-jährige Architekturstudentin aus Teheran. Sie kommt regelmäßig zum Treff. Gut ein Jahr ist sie in Lebach, flüchtete ganz allein aus dem Iran, ohne Familie, erzählt sie auf Deutsch. Jetzt wartet sie auf eine Aufenthaltsgenehmigung.

Nayges Wunsch: Afghanistan ohne Krieg

Nayges aus dem afghanischen Besud hat die schon – zumindest für ein Jahr. Die 32-Jährige wohnt mit Mann und drei Töchtern in der Landesaufnahmestelle. „Zwei Jahr‘, acht Monat‘“ sei sie schon da, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Farnaz übersetzt so gut es geht. Auch die anderen Frauen am Tisch helfen, die Sprachbarrieren zu umschiffen.

Nayges‘ Flucht führte durch acht Länder, erzählt sie. Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Lebach kam ihre dritte Tochter zur Welt. Wenn die drei Jahre alt ist und in die Kita darf, will sie einen Deutschkurs machen. In Afghanistan hat Nayges als Friseurin gearbeitet. Ihr Wunsch für die Zukunft: ein Afghanistan ohne Krieg.

"Sie stehen vor der Tür"

Der Frauentreff ist nur ein Aspekt der Flüchtlingsarbeit in der Kirchengemeinde. Dass hier das Engagement für Flüchtlinge zu einem Schwerpunkt geworden ist, kann nicht verwundern. Seit vielen Jahren beherbergt die Kleinstadt Lebach die Landesaufnahmestelle, aktuell ist sie proppenvoll mit rund tausend Flüchtlingen.

„Wir machen Flüchtlingsarbeit, ganz einfach, weil sie zu uns kommen. Sie stehen vor der Tür und erwarten Hilfe. Die Kirchengemeinde versucht, sich darauf einzustellen mit einem offenen Ohr für die soziale Problematik“, beschreibt Pfarrerin Andrea Sattler die Situation.

Besuche der Bibelstunde

Deshalb gibt es die psychosoziale Beratung durch Petra Ferdinand-Storb, den Internationalen Frauentreff, einmal im Monat einen Gottesdienst mit Übersetzung in Farsi und Kurdisch und auch Bibelstunde und Glaubenskurs für Menschen, die zum Christentum übertreten wollen.

Rund 80 Menschen besuchen derzeit die Bibelstunde, ein Jahr ist Pflicht, wenn sie getauft werden wollen. „Ich bin überzeugt, dass ein Großteil es ernst meint mit dem Christentum“, sagt Pfarrerin Sattler. Die Gemeinde habe die Hürde extra hoch gelegt, um zu verhindern, dass nur Vorteile im Asylverfahren gesucht würden.

Traumatisierte Kinder

Die Gemeinde hilft auch, wenn anscheinend gar nichts mehr geht – nahm schon mal besondere Härtefälle ins Kirchenasyl. Zum Beispiel eine Familie mit Kindern, die nach der Dublin-II-Regelung in das europäische Land zurückgeführt werden sollte, in dem sie zuerst als Flüchtlinge registriert wurden. Die Kinder der Familie seien traumatisiert.

„Die kleine Tochter versteckte sich die ganze Zeit in einem Schrank aus Angst vor Polizei und Abschiebung“, berichtet Ferdinand-Storb. „Wir haben uns aus humanitären Gründen bewusst dazu entschieden, solche Menschen zu schützen“, unterstreicht Pfarrerin Sattler und verweist darauf, dass andere EU-Staaten viel härtere Abschieberegelungen praktizieren als Deutschland und rigoros in die Heimatländer zurückschicken.

Sinnvoll investiertes Geld

Eine „Task-Force Kirchenasyl“ steht im Fall des Falles bereit. Sieben Ehrenamtliche engagieren sich hier, erledigen Einkäufe und Versorgung. Ein Arbeitskreis Flüchtlingsarbeit hat sich auch gebildet. Hier arbeiten Mitglieder des Presbyteriums, Ehrenamtliche und anerkannte Flüchtlinge mit.

Um all diese Arbeit leisten zu können, muss die Kirchengemeinde viel Geld aufwenden. 2014 sind es rund 35.000 Euro an Ausgaben für den Bereich Flüchtlingsarbeit, davon 12.000 Euro für Anwaltskosten und Einzelbeihilfen. Sinnvoll investiertes Geld angesichts all der Menschen in Not, mit denen die Gemeinde konfrontiert sei, findet Sattler und weiß ihr Presbyterium hinter sich.

Politische Lösung nötig

Es sei auch nicht immer leicht, mit Menschen aus anderen Kulturen klarzukommen, die andere Sitten und Umgangsformen haben, als hier in Deutschland üblich, sagt die Pfarrerin. Manchmal fühle sie sich hilflos gegenüber all dem Leid, das ihr begegne.

Es müsse eine politische Lösung in Europa gefunden werden für die Flüchtlinge. „Leider können wir nicht allen helfen, die zu uns kommen. Wir würden gern noch mehr machen und auch noch mehr Ehrenamtliche werben, aber wir sind an der Kapazitätsgrenze. Mehr schaffen wir nicht.“

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ekir.de / Ulrike Klös, Foto: Thomas Seeber / 31.12.2014



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