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Interview

Kinder sind neugierig auf die großen Fragen

Welche Fragen haben Kinder an Gott und das Leben? Ein Interview mit Heike Lindner, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Köln und Autorin eines Praxisbuches zur Fachdidaktik Religion. 

Professorin Dr. Heike Lindner Professorin Dr. Heike Lindner

Ein Abschnitt in Ihrem Buch ist mit „Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen“ überschrieben. Wie lässt sich mit Kindern theologisieren?

Ich gehe davon aus, dass Kinder neugierig sind auf die großen Fragen. Auf den Kinderkanälen gibt es auch viele Sendungen dazu. Wir können von Kindern, für Kinder und mit Kindern theologisieren. Der dritte Bereich ist mir besonders sympathisch. Wenn Kinder sagen „Meine Katze ist tot - warum lässt Gott das zu?“, dann ist das eine klassische Frage der Theodizee, eine Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts von Leiderfahrungen. Dann müssen wir uns gemeinsam mit den Kindern auf die Suche nach Gott begeben.

Haben Kinder die gleichen Fragen an das Leben wie Erwachsene?

Die Fragen sind gleich wichtig. Kinder stellen genauso wichtige Fragen an das Leben wie Erwachsene. Ein Beispiel ist: „Wie kann ich mich wieder mit meiner Freundin vertragen?“. Kinder und Erwachsene fragen sich: „Wer sieht mich überhaupt?“. Lehrerinnen, Lehrer und andere Erwachsene müssen diese Fragen aufnehmen. Martin Luther spricht daher vom Priestertum aller Gläubigen. In der Wertschätzung der Fragen von Kindern und von erwachsenen Menschen und in den Antworten darauf spiegelt sich das wider.

Welchen Einfluss haben unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen in den Klassen auf den Religionsunterricht?

Selbst im ländlichen Raum gibt es keine homogenen Klassen mehr. Das zeigt sich schon optisch bei der Kleidung oder im unterschiedlichen Musikgeschmack. Ein weiterer Einfluss ist die Säkularisierung, die weiter voranschreitet. Die religiöse Sozialisation insbesondere bei den Christen geht weiter zurück. Grundlegende Fragen müssen beantwortet werden, wie: „Wurde Jesus gekreuzigt und warum?“. Muslime kennen keinen dreieinigen Gott. Gleichzeitig tauchen neue Begriffe für Gott auf wie höhere Macht oder kosmische Kraft. Dies bietet die Chance, den Blick auf den eigenen Glauben zu schärfen.

Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf Bild-LupeTheodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf

Welche Bedeutung hat der Religionsunterricht für die gesamte Gesellschaft?

Ich will es zuspitzen auf den konfessionell verantworteten Religionsunterricht, wie wir ihn in Nordrhein-Westfalen kennen. Dabei handelt es sich um eine Ausgestaltung der positiven Religionsfreiheit, die das Grundgesetz vorgibt. Jedes Kind, jeder Jugendliche und jeder Erwachsene hat ein Recht auf Religion. Viele Religionspädagogen wollen diese Möglichkeit selbstverständlich auch für andere Religionen wie den Islam. Gerade im Religionsunterricht können die wichtigen Fragen des Lebens gestellt werden. Die Rechtfertigungslehre Martin Luthers spricht jedem Menschen einen Wert zu, ohne nach seiner Leistung zu fragen. Jeder Mensch ist gleichsam von Gott angenommen noch vor seiner Leistung. Und das ermöglicht uns eine kritische Sicht auf die Leistungsgesellschaft. Und deshalb ist das Konzept der Inklusion wichtig. Die Menschen sollen ohne Ausgrenzung zusammenkommen, zusammenarbeiten und zusammenleben.

Wie sehen denn die Antworten auf die großen Fragen der Religion für Kinder und Erwachsene aus? Glauben wir alle an den gleichen Gott?

Wir wissen nicht, ob es tatsächlich der gleiche Gott ist, denn wir haben unterschiedliche Namen für Gott. Judentum, Christentum und Islam beziehen sich in der Tradition gleichermaßen auf den Gott Abrahams. Es gibt aber eben auch wichtige Unterschiede in den Religionen, die Trinitätslehre bei den Christen, die Lehre von der Rechtleitung im Islam oder die Bedeutung des Gesetzes im Judentum. Wir sind nicht am Ende der Zeit und können jetzt nur vorläufig von Gott reden. Ich halte es mit dem Apostel Paulus, der im 1. Korintherbrief 13,12 schreibt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Können wir dann von und mit Gott reden?

Ja, in wissenschaftlicher Weise, im interreligiösen Dialog, auch in der Kunst, Musik und im Gebet. Auch in den Klassenzimmern sind Eingangsrituale erwünscht. Die Religionspädagogik muss in diesen unterschiedlichen Sprachen zuhause sein.

Eine letzte der großen Fragen: Was passiert, wenn wir tot sind?

Das ist eine wichtige Frage, die auch schon in der Grundschule thematisiert werden sollte. Erwachsene neigen dazu, das Thema zu tabuisieren. Kinder gehen viel unbeschwerter mit dem Thema um. Sie wollen wissen, wo die Oma jetzt ist oder auch, was mit dem Hund passiert ist, der tot ist. Der Friedhof ist ein wichtiger Ort, der auch mit den Kindern besucht werden kann. Aber es darf nicht beim biologischen Tod stehen bleiben. Wir müssen die Hoffnungsperspektive der Christinnen und Christen einbringen, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist.

Professor Dr. Heike Lindner, Jahrgang 1961, ist seit 2009 Dozentin für Evangelische Theologie und ihre Didaktik, Schwerpunkt Religionspädagogik, an der Universität zu Köln. Seit 2011 ist sie außerdem Prodekanin für Studium, Lehre und Studienreform. Sie hat unter anderem im Lehrbücherausschuss der Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen mitgearbeitet.

Heike Lindner: Kompetenzorientierte Fachdidaktik Religion. Praxishandbuch für Studium und Referendariat, V&R UTB, 1. Auflage 2012, ISBN 978-3-8252-3629-8, Preis: 14,99 Euro

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 4. Juni 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 5. Juni 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / Fotos: privat, ekir.de / 04.06.2012



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