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Das Mahnmal erinnert an die Opfer der Loveparade-Katastrophe am 24. Juli. Ein Jahr nach der Loveparade-Katastrophe wurde in der Nähe der Unterführung das Denkmal eingeweiht, das der Duisburger Künstler Gerhard Losemann gestaltet hat.

Fünfter Jahrestag des Loveparade-Unglücks

Eine Riesen-Narbe

Fünf Jahre nach der Loveparade-Katastrophe in Duisburg steht der Strafprozess noch aus. Das hängt "wie ein Damoklesschwert" über den Betroffenen, sagt Pfarrer Jürgen Widera, Ombudsmann für die Opfer des Unglücks. Für die Aufarbeitung sei der Prozess zentral.

Mehr als 44.000 Seiten umfasst die Akte zum Loveparade-Verfahren am Landgericht Duisburg mittlerweile. Dazu kommen 800 Aktenordner mit Anlagen und einige Terabyte Videomaterial. Bei der strafrechtlichen Aufarbeitung ist fünf Jahre nach dem Duisburger Loveparade-Unglück mit 21 Toten noch kein Ende absehbar. Seit mittlerweile anderthalb Jahren prüft das Landgericht Duisburg, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. In diesem Jahr, erklärte das Gericht jüngst, werde es dazu wohl nicht mehr kommen.

Für die Hinterbliebenen und Betroffenen ist das bitter, weiß Pfarrer Widera. "Der Strafprozess gehört zum Trauerprozess als wesentliches Element dazu", sagt der evangelische Theologe. Dass fünf Jahre nach dem Unglück ein BEginn noch immer offen ist, hindere viele daran, mit ihrer Trauer weiter abzuschließen und zur Ruhe zu kommen, so Widera, Pfarrer im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) für die Region Duisburg/Niederrhein, also die Kirchenkreise Dinslaken, Duisburg, Kleve, Moers und Wesel.

Hunderttausende Techno-Fans waren am 24. Juli 2010 nach Duisburg gekommen, um auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs zu feiern. Als der Zugang zum Festivalgelände wegen Überfüllung immer wieder kurzzeitig geschlossen wurde, brach auf einer Zugangsrampe und in dem dorthin führenden Tunnel an der Karl-Lehr-Straße eine Massenpanik aus. 21 Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren starben, mehr als 500 wurden verletzt.

Fragen zum Gutachten des Panikforschers

Die Staatsanwaltschaft Duisburg glaubt, dass das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Im Februar 2014 erhob sie Anklage gegen vier Mitarbeiter der Veranstalterfirma Lopavent und sechs Bedienstete der Stadt Duisburg, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Als Ursache für das Unglück sieht die Staatsanwaltschaft Planungsfehler und die fehlende Überwachung von Auflagen.

Zentrales Beweismittel ist ein Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still. Offenbar waren dessen Ausführungen dem Gericht bislang aber zu dünn: Die Richter stellten dem Experten rund  75 Ergänzungsfragen, seine Antworten liegen erst seit kurzem vor. Nun haben alle Verfahrensbeteiligten noch bis September Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Erst danach entscheidet das Gericht, ob das Hauptverfahren eröffnet wird.

Zivilverfahren beginnen

Dagegen beginnen im Herbst die ersten Loveparade-Zivilverfahren. Das Landgericht Duisburg befasst sich am 1. September mit der Klage eines Feuerwehrmanns, der bei dem Festival im Einsatz war, und am 12. November mit vier Klagen von Besucherinnen. Sie führen Posttraumatische Belastungsstörungen an und fordern jeweils Schadensersatz und Schmerzensgeld zwischen 34.000 und 100.000 Euro von Lopavent, der Stadt Duisburg und dem Land NRW als Dienstherrin der Polizei. Insgesamt laufen 19 Zivilverfahren.

Zahlreiche damalige Festivalbesucher leiden auch fünf Jahre nach dem Unglück noch unter psychischen Problemen, sagt Ombudsmann Widera. Manche seien deswegen seit Jahren arbeitsunfähig. Viele wenden sich an den Pfarrer, weil sie unter unklaren Zuständigkeiten leiden und von Amt zu Amt geschickt werden - von Jobcenter zu Rentenversicherung zu Krankenkasse. Hier versucht Widera zu helfen.

Mangel an Nachsorge

Auch Jörn Teich, der 2010 selbst zu den Loveparade-Besuchern gehörte und sich heute als Co-Vorsitzender des Selbsthilfe-Vereines LoPa 2010 engagiert , kritisiert: "Der Mangel an Nachsorge ist selbst eine Katastrophe." Kurz nach dem Unglück hätten viele Psychotherapeuten kurzfristig Platz für Opfer gemacht. Jetzt müssten sie bis zu zwei Jahre auf einen Therapieplatz warten. Teich sieht eine Versorgungslücke in Deutschland: "Opfer von Straftaten bekommen Unterstützung vom Weißen Ring. Für Opfer von Katastrophen ist niemand wirklich zuständig."

2011 war in der Nähe des Unglücksort ein Denkmal für die Opfer errichtet worden. Für viele Betroffene und Hinterbliebene ist die Loveparade-Gedenkstätte, die im Jahr 2013 am Unglücksort selbst eröffnet wurde, ein wichtiger Ort der Trauer. Dort erinnert die Stadt Duisburg auch am fünften Jahrestag wieder mit einer Gedenkfeier an die Opfer.

Familien bis heute in gutem Kontakt

Es wird auch ein nichtöffentliches Gedenken der Angehörigen geben. Die Familien der Todesopfer immerhin haben bis heute Kontakt und ein "gutes Netzwerk untereinander", so Pfarrer Widera. Dies seit aus den Treffen der Notfallseelsorge nach dem Unglück erwachsen und trage bis heute.

Nicht alle schätzen aber das öffentliche Gedenken: Mehrere Male wurde die Gedenkstätte des Duisburger Künstlers Rüdiger R. Lorenzo Eichholtz mit dem Satz "Liebe hört niemals auf", die am Dienstag durch das Anbringen einer weiteren Stahlplatte endgültig fertiggestellt wurde, bereits verwüstet. Regelmäßig würden etwa Grablichter oder Kränze geklaut, sagt Teich. Die Verarbeitung des Unglücks werde noch lange dauern, glaubt er. "Das ist eine Riesen-Narbe in dieser Stadt."

Am Vorabend des Jahrestages, 23. Juli, ab 21 Uhr, gibt es eine "Nacht der tausend Lichter" im Tunnel Karl-Lehr-Straße. Dazu lädt der Verein LoPa 2010 ein. Die Stadt Duisburg erinnert am 24. Juli, ab 17.45 Uhr, mit der öffentlichen Gedenkfeier in der Grünanlage am östlichen Tunnelausgang an die Opfer der Loveparade-Katastrophe.

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epd / Jasmin Maxwell, ekir.de / neu, Archiv-Foto: Hayrettin Özcan / 22.07.2015



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