Wuppertal

Shakespeare im Knast

Ein Gefängnis ist nicht gerade ein Ort, an dem man Drameninszenierungen aus dem 16. Jahrhundert erwartet. Für neun Inhaftierte jedoch wird der Knast zum Theater.

Probenfoto von der Macbeth-Aufführung. Foto: Uwe Stratmann Probenfoto von der Macbeth-Aufführung. Foto: Uwe Stratmann

Sie proben „Macbeth“. Die Aufführung findet in der nächsten Woche statt- vor Wuppertaler Theaterpublikum und hinter „schwedischen Gardinen“, in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal-Ronsdorf. Die Grundidee war, jungen Inhaftierten "Raum zu geben, ihre Rollen zu wechseln“, macht Jönk Schnitzius klar. Der Pfarrer ist Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) und Projektleiter bei der Theaterinszenierung.

Professionelle Unterstützung geben die Wuppertaler Bühnen, die von Anfang an von dem Projekt begeistert waren. „Wir sind nicht nur für Abendunterhaltung zuständig, sondern haben auch einen Bildungsauftrag - wir bedanken uns sehr für die Kooperation“, so der Wuppertaler Schauspiel-Intendant Christian von Treskow. Für ihn spielt das Stück an sich eine wichtige Rolle. „Wir sind froh, einen klassischen Stoff in dieses Gebäude zu bringen. Denn ‚Macbeth‘ behandelt auch die Schuldfrage“, erklärt von Treskow.

 

Pfarrer Jönk Schnitzius ist JVA-Seelsorger in Wuppertal. Pfarrer Jönk Schnitzius ist JVA-Seelsorger in Wuppertal.

Pfarrer Jönk Schnitzius sieht in dem ausgewählten Werk von Shakespeare ebenfalls eine Parallele zum Alltag der Inhaftierten: „In ‚Macbeth‘ geht es um Freundschaft, Verrat und Treue. Das sind Themen, die häufig in der Seelsorge vorkommen.“ Die Vorbereitungen für das außergewöhnliche Projekt laufen seit rund eineinhalb Jahren. Neben der JVA Ronsdorf und den Wuppertaler Bühnen hat auch der Evangelische Kirchenkreis Wuppertal einen wichtigen Anteil an dem Theaterstück.

So ließ sich der Kirchenkreis von der Evangelischen Gefängnisseelsorge, die das Projekt initiierte und betreute, begeistern und stellte 8.000 Euro an finanziellen Mitteln zur Verfügung. „Es ist für die jungen Menschen eine tolle Sache, sich so zu zeigen“, erläuterte Superintendentin Ilka Federschmidt beim Pressegespräch über das Macbeth-Projekt.

Und so sahen das auch viele Inhaftierte: Durch unerwartet großen Zuspruch wurde die Teilnehmerliste für Interessierte vorzeitig geschlossen. Nach einigen Auswahlgesprächen blieben insgesamt neun Jugendliche zwischen 17 und 21 Jahren übrig, die in insgesamt sechs Wochen Probezeit das Stück einstudieren. 

 

Andere Dynamik

„Wenn man erzählt, dass man mit neun Laienschauspielern in sechs Wochen ,Macbeth' einstudieren will, denken viele: Das ist wahnsinnig!“, so Miriam Rösch. Die Dramaturgin konnte bei ihrer Arbeit mit den Schauspielern schon viele wichtige Erfahrungen sammeln. „Es ist ungewöhnlich, mit einer ausschließlich männlichen Gruppe zu arbeiten, da herrscht eine ganz andere Dynamik“, berichtete Rösch. Anstaltsleiter Rupert Koch unterstützte die Theateridee von Anfang an. Sein Dank galt vor allem dem Förderverein der JVA Ronsdorf sowie dem Rotary Club Wuppertal Haspel, die beide Gelder für das Event bereitstellen.

Die Proben mit Regisseur Peter Wallgram finden seit vier Wochen statt, fünf Tage in der Woche - jeweils drei Stunden lang. „Die Proben sind für die Jugendlichen mit Verzicht verbunden. Sie verlieren dadurch Besuchszeit und dürfen kein Sport machen“, erläutert Miriam Rösch.

Mehrere Rollen

Die Aufführung wird insgesamt 75 Minuten laufen, wobei die Rollenverteilung ziemlich flexibel ist: Jeder Inhaftierte studiert statt einer gleich mehrere Rollen ein. Regisseur Wallgram wird indes auf der Bühne auf Waffen verzichten, obwohl „Macbeth“ ziemlich blutig ist. Stattdessen kommen Pinsel und Wasser zum Einsatz- mehr wollen die Beteiligten im Vorlauf nicht verraten.“Der Regisseur geht sehr einfühlsam auf die Bedingungen der Häftlinge ein, denn es gibt schonmal Stimmungsschwankungen und die Motivation ist nicht immer hoch“, lobte Gefängnisleiter Koch seine Arbeit.

Jeder der inhaftierten Darsteller hat eine Freikarte bekommen- zur freien Verwendung. „Das ist den Schauspielern sehr wichtig. Sie wollen sich ihren Freunden und Verwandten anders zeigen“, sagte Jönk Schnitzius. Aber schon vor der Premiere „hinter Gittern“ gibt es positive Entwicklungen. „Kollegen berichten, dass sie schon konzentrierter arbeiten. Ein Häftling sagte zu mir im Gespräch, dass wir alle doch nun eine Art Familie seien.“

Die Premiere findet am 27. April statt, die zweite und letzte Vorstellung am 28. April. Im Anschluss an die Aufführungen laden die Veranstalter zu Kaffee & Kuchen („Ronsdorfer Gitterkuchen“) sowie zum Gespräch mit den Darstellern. Tickets gibt es unter 0202 / 563 76 66

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 18. April 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 19. April 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Jan Lukas Kleinschmidt / 18.04.2013



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