EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Verbotenes Foto: die Zäune bei Bni Ansar, die die spanische Exklave in Marokko abschirmen. Verbotenes Foto: die Zäune bei Bni Ansar, die die spanische Exklave Melilla und damit Europa von Marokko abschotten.

EU-Außengrenzen

Bei Melilla fotografiert - von der Polizei abgeführt

Um sich ein Bild von der Lage von Flüchtlingen jenseits der EU-Außengrenzen zu machen, reist der Vizepräsident der Evangelischen Kirche im Rheinland, Dr. Johann Weusmann, dieser Tage durch Marokko. Erstes Ziel: die Grenzanlagen bei Melilla.

Dort erging es dem leitenden rheinischen Juristen, der zusammen mit Vertretern des Kirchenkreises Jülich und dessen Partnerkirche Evangelische Kirche in Marokko reist, wie Flüchtlingen: Die Polizei schritt ein. Inzwischen hat Weusmann in Oujda, also in der Nähe zur marokkanisch-algerischen Grenze, mit Migranten und ihren Helfern gesprochen.

Tagebuch von Dr. Johann Weusmann

Entlang der Grenzanlagen zwischen Nador und Melilla. Entlang der Grenzanlagen zwischen Nador und Melilla.

25. März 2014, 8:46 Uhr: Um 3 Uhr landen wir auf dem Flughafen von Nador in Marokko. Wir werden abgeholt, fahren in die Stadt. Um 5 Uhr finden wir ein Café, wo wir einen Kaffee trinken und unsere mitgebrachten Brote essen. Nach Sonnenaufgang fahren wir zu den Grenzanlagen zwischen Nador und Melilla (Spanien). Ein doppelter, sechs bis sieben Meter hoher Stacheldrahtzaun, mit rasierklingenscharfen Metallstücken besetzt, trennt die beiden Orte voneinander. Auf beiden Seiten des Zaunes patrouillieren Polizisten, die in einem Abstand von nur 100 Metern postiert sind. Auf marokkanischer Seite wurde zusätzlich entlang des Zaunes ein tiefer Graben ausgehoben. Die Grenzanlagen scheinen unüberwindlich. Wir fotografieren - und werden von der Polizei erwischt. Man stellt die Personalien fest. Dann müssen wir zum Polizeirevier. Uns werden die Pässe abgenommen. Wir warten.

9:26 Uhr: Wir haben unsere Pässe noch nicht zurück!

11:07 Uhr: Nach über drei Stunden Verhör haben wir unsere Pässe wieder. Jetzt geht es weiter nach Oujda.

16:36 Uhr: Angekommen in Oudja, nach drei Stunden Autofahrt, treffen wir uns mit Studenten aus Ghana, Mosambik und Madagaskar zum Mittagessen. Die vier studieren an der Universität und kümmern sich in ihrer Freizeit um die zahlreichen Flüchtlinge. Sie helfen ihnen mit Medikamenten, Nahrungsmitteln und auch sonst mit Rat und Tat weiter. Alle Flüchtlinge, die aus Algerien kommen, machen hier Zwischenstation. Viele halten sich in den Wäldern auf. Am Nachmittag wollen wir sie besuchen.

20:16 Uhr: Wir ändern kurzfristig unsere Reisepläne und fahren auf das Land. Dort wohnen in verfallenen Bauernhäusern und Ställen Flüchtlinge aus Nigeria. Sie haben sich in die hinteren Gebäudeteile zurückgezogen, nachdem die vorderen Räumlichkeiten durch Brandstiftung zerstört wurden. Wir haben für alle etwas zu essen dabei. Es wird ein Kreis gebildet und der Hausherr berichtet von seinem Schicksal. Nein, nach Nigeria will und kann er nicht zurück. Er hat seine Heimat vor zehn Jahren verlassen, habe es jedoch entgegen den Erwartrungen der Familie zu nichts gebracht. Da könne er sich zu Hause nicht sehen lassen. Wir sprechen über das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die ganze Familie hört gespannt zu. Doch zurück, mit leeren Händen? Das bleibt eine Utopie. Und weiter nach Europa? Darüber denkt niemand mehr nach. Man befindet sich in einer Sackgasse. Als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Das ist die Perspektive, solange die Kräfte reichen und die Sicherheitskräfte nicht aufmerksam werden. Wir unternehmen einen Fußmarsch, um in etwa zwei Kilometer Entfernung eine zweite Gruppe Nigerianer auf einer zerfallenen Hofstelle zu besuchen. Die Situation ist sehr vergleichbar. Man hat es bis hierher gebracht, hat jedoch keine Vorstellung, wie es weitergehen könnte. Wir lesen in der Bibel und sprechen Gebete. Daraus schöpfen alle Kraft - für den Moment.

26. März 2014, 9:21 Uhr: Nach vielen Eindrücken und einem guten morrokanischen Abendessen sind wir mit dem Nachtzug von Oudja nach Rabat gefahren. Die Reise dauerte neun Stunden und bot uns Gelegenheit zum Ausruhen. Wir konnten unterwegs gut schlafen. In Rabat am Bahnhof wurden wir von Daniel empfangen, dem aus Ruanda stammenden Gemeindepfarrer von Rabat. Er ist seit sechs Monaten im Dienst und berichtet von seiner Arbeit. Wir frühstücken gemeinsam am Bahnhof.

15:47 Uhr: Wir haben heute Vormittag gemeinsam mit einer Juristin des Hilfswerks Comité d'Entraide Internationale (CEI) einen konventionellen Kindergarten besucht, um uns zu erkundigen, welche Schritte unternommen werden müssen, um einen Kindergarten für Flüchtlingskinder zu eröffnen und offiziell registrieren zu lassen. Es gibt zahlreiche bürokratische Hürden und so ein Verfahren kann mehrere Jahre dauern. Trotzdem ist das Projekt sehr wichtig. Wer einen Schulabschluss hat und eine Beschäftigung nachweisen kann, erhält bei Erreichen der Volljährigkeit einen Aufenthaltstitel. Für fast alle Flüchtlingskinder ist das ein unerreichbares Ziel. Sie scheitern bereits an den Sprachhürden. Das Leben in der Illegalität bietet ihnen aber erst recht keine Alternative.

22:10 Uhr: Die unerreichbare Festung Europa fordert einen hohen Preis. Resümee meiner Reise im Präsesblog

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / neu / 26.03.2014



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.