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Der der szenischen Inszenierung der Matthäuspassion in Bonn stehen die Sängerinnen und Sänger nicht fest an einer Stelle, sondern bewegen sich im Kirchenraum. Der der szenischen Inszenierung der Matthäuspassion in Bonn stehen die Sängerinnen und Sänger nicht fest an einer Stelle, sondern bewegen sich im Kirchenraum.

Kirchenmusik

Die Matthäuspassion als großes Schauspiel

An der Bonner Kreuzkirche wird eine neue szenische Aufführung des Monumentalwerks von Johann Sebastian Bach am 7. April uraufgeführt. Die Grenzen zwischen Publikum und Musizierenden zerfließen, das vermittelt ein Probenbesuch.

Sopranistin Theresa Nelles (Magd)  und Bass Erik Sohn (Jesus) Sopranistin Theresa Nelles (Magd) und Bass Erik Sohn (Jesus)

Mitten in der Bonner Kreuzkirche liegen umgekippte Tische und Stühle. Im Halbkreis steht der Kammerchor Vox Bona, auf den Rängen das Orchester, allesamt in Alltagkleidung, als kämen sie geradewegs vom Stadtbummel oder von der Arbeit. Gebannt zeigen die Sängerinnen und Sänger auf den verzweifelt blickenden Mann mit der Bassstimme (Georgios Iatrou), der sich da von ihnen immer mehr eingekreist sieht: Es ist in dieser Probe der „Matthäuspassion“ von Johann Sebastian Bach der Jünger Petrus, der sich laut Bibel beim Verhör Jesu vor dem Hohenpriester Kaiphas in den Hof geschlichen hat, um den Prozess hautnah zu verfolgen.

„Und er leugnete abermal und schwur“

„Dieser war auch mit dem Jesu von Nazareth“ ertönt nun im Sopran schrill der Vorwurf der gestikulierenden Magd (Theresa Nelles). Die Menge drängt. Der Halbkreis des Chores schließt sich. „Und er leugnete abermal und schwur“, kommentiert oben vom einzigen stehenden Tisch der Evangelist mit den verschränkten Armen (Thomas Klose). Und Petrus stößt in höchster Not, entdeckt zu werden, nur noch „Ich kenne des Menschen nicht“ von sich. Dreimal hat er seinen Herrn, bevor der Hahn krähte, verraten.

Von der einzigen Erhöhung in der von Stuhlreihen großflächig frei geräumten Kreuzkirche dirigiert temperamentvoll Kantorin Karin Freist-Wissing, und zwar in alle Richtungen, denn die Grenze zwischen Künstlerinnen und Künstlern und Publikum wird bei den Aufführungen so gut wie aufgehoben sein. Die Sängerinnen und Sänger stehen nicht fest an einer Stelle wie bei traditionellen Aufführungen dieses Oratoriums vom Leiden und Sterben Christi, das schon zu Bachs Lebzeiten alles in den Schatten stellte, was auf musikalischem Gebiet denkbar war. Die Chorsängerinnen und -sänger sind im Sinne des Wortes laufend in Bewegung im Kirchraum. Auch die Solistinnen und Solisten drehen sich bei ihren Arien und Rezitativen, denn das Publikum wird verteilt in allen Richtungen sitzen.

Die Kirche selbst wird zur Spielfläche

Es gibt keinen Fixpunkt außer dem einsamen Tisch in der Mitte, wo sich die dramatischsten Szenen wie eben die der Verleugnung des Petrus abspielen. Ein herzzerreißendes „Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen“, singt jetzt die Altstimme (Charlotte Quadt), die Frau mit dem Rucksack, die gerade den Sündenfall des Petrus entsetzt sah und nicht verhindern konnte. „Schaue hier, Herz und Auge weint vor dir bitterlich“, steht sie Petrus bei, der jetzt vor Scham und Schuld im Erdboden versinken möchte.

Kantorin Karin Freist-Wissing hat die Matthäuspassion schon einmal vor 20 Jahren in der Kreuzkirche aufgeführt. Kantorin Karin Freist-Wissing hat die Matthäuspassion schon einmal vor 20 Jahren in der Kreuzkirche aufgeführt.

Es ist das zweite Mal, dass die Bonner Kirchenmusikdirektorin Freist-Wissing mit ihrem Team um Regisseur Gregor Gorres eine Bach-Passion bewusst szenisch in die Kreuzkirche bringt. „Das ist großes Schauspiel. Sechs Jahre nach dem Erfolg unserer szenischen Johannespassion kommt damit erneut Bachs Musik in neuem Gewand in unsere Kirche“, sagt sie in einer Probenpause. Man habe keine Bühne. Die Kirche selbst werde zur Spielfläche von Publikum und Musikern.

„Wir werden schuldig, wenn wir alles laufen lassen“

Die Mitte des Kirchenschiffs biete durch die unmittelbare Nähe zu den Agierenden ein Höchstmaß an Identifikation für die Konzertbesucherinnen und -besucher und erfordere auch ein Höchstmaß an Konzentration für die Musikerinnen und Musiker. „Sie müssen das gesamte dreistündige Werk auswendig singen, und zwar allein auf sich gestellt, weil sie ja einzeln im gesamten Kirchenraum agieren“, erläutert die Kantorin. An der Orgel mischt Stefan Horz mit.

20 Jahre, nachdem sie Bachs Matthäuspassion erstmals hier in der Kreuzkirche aufführte, habe sie sich also erneut an dieses gewaltige Werk gewagt, wird Freist-Wissing dann nachdenklich. „Und jedes Mal entdeckt man wieder Neues. Je mehr man sich mit Bach beschäftigt, desto deutlicher wird die Bibel zu einem auch tiefenpsychologischen Buch.“ Vor allem ließen die Texte in Bachs Interpretation keinen Zweifel, dass die Passionsgeschichte sehr viel mit uns heute zu tun habe, ist sich die Kantorin sicher. „Die Kernfrage ist doch: Wir werden schuldig, wenn wir alles laufen lassen, wenn wir nichts tun. Denn Bach verpflichtet uns, unserer Verantwortung gerecht zu werden.“ Der nach der Leugnung Jesu verzweifelte Petrus sinkt in der Fortsetzung der Probe gerade in sich zusammen. Und der Evangelist kommentiert in strahlendem Tenor: „Und er ging heraus und weinete bitterlich.“

Den Blick auf Bachs Passion noch einmal neu eröffnen

Das szenische Agieren der Künstlerinnen und Künstler öffnet den Blick auf Bachs Monumentalwerk noch einmal ganz neu. Das szenische Agieren der Künstlerinnen und Künstler öffnet den Blick auf Bachs Monumentalwerk noch einmal ganz neu.

Das Bonner Projekt ist vom Team selbst bis ins Detail ausgearbeitet. Aber es hat natürlich auch zum Teil prominente Vorbilder. Bachs Matthäuspassion szenisch inszeniert haben schon Starregisseur Peter Sellars und am Dirigentenpult Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern. John Neumeier machte im Götz Friedrich Theater ein Ballett daraus. Und es entstanden Filme.

Letztlich soll Bach selbst bei einer Aufführung 1736 schon die vollständige Trennung der Ensembles gewagt haben, wodurch eine reale räumliche Differenzierung des Dialogs zwischen Chor und Orchester entstand. Die Bonner Inszenierung besticht auf jeden Fall dadurch, dass sie durch das szenische Agieren der Künstlerinnen und Künstler den Blick auf Bachs Monumentalwerk noch einmal ganz neu öffnet.

Gerade beschreibt der Mann mit dem Aktenkoffer, Tenor Henning Jendritza, in der Arie „Mein Jesus schweigt zu falschen Lügen stille“, wie Jesus sich der Verleumdungen um ihn herum souverän erwehrt. Auch Pilatus (Andreas Petermann) kann ihm nichts anhaben. Und dann erhebt Jesus (Erik Sohn), der im Orchester lehnt, selbst seine Bassstimme, und alles schaut ehrfürchtig zu ihm hin: „Doch sage ich euch, von nun an wird's geschehen, dass ihr sehen werdet des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels.“

Aufführungen in der evangelischen Kreuzkirche Bonn, Kaiserplatz: Freitag, 7. April, 19 Uhr (Premiere); Samstag, 8. April, Donnerstag, 13. April, Karfreitag, 14. April, jeweils um 19 Uhr; Karten über Bonnticket: 36/23 Euro,  Kinder bis 12 Jahre: 7 Euro.

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ekir.de / Ebba Hagenberg-Miliu, Fotos: Meike Böschemeyer / 31.03.2017



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