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Foto: Vandenhoeck & Ruprecht Max Koranyi

UCC-Partnerschaft

"Die gegenseitige Bereicherung darf weitergehen"

Seit den 80er Jahre pflegt die rheinische Kirche eine Partnerschaft mit der "United Church of Christ" (UCC) in den USA. Pfarrer Max Koranyi, scheidender Vorsitzender der UCC-Arbeitsgruppe, über Erfahrungen und Perspektiven im ekir.de-Interview.

Sie waren 1985/86 als Austauschpfarrer in Ohio in den USA. Was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Große Offenheit, Weite und Glück. Offenheit, weil sich die Evangelische Kirche im Rheinland bezüglich eines Pfarreraustausches mit der United Church of Christ von Anbeginn an neugierig, flexibel und im Blick auf Organisatorisches ausgesprochen hilfsbereit gezeigt hat. Die damalige Stabsstelle der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union hatte zwar das Prozedere der Findung eines Partners in den USA übernommen, aber das Landeskirchenamt in Düsseldorf organisierte die Einbindung meines Partners, Reverend Hermann Hartmann aus Ohio.

Weite also auch deshalb, weil selbstverständlich der damalige Präses Gerhard Brandt den Gast willkommen hieß und auf vielerlei Ebenen zur Kontaktfindung über die konkrete Gemeinde – Vohwinkel im Süden Wuppertals gelegen – beitrug. Und dann das große Glück für alle Beteiligten, in Kirchenstrukturen eintauchen zu dürfen, die so unterschiedlich wie das kongregationalistische System in St. John's UCC, Buyrus, Ohio einerseits und die landeskirchliche Organisation am Rande einer bundesdeutschen Großstadt auf der anderen Seite waren. Für uns war persönlich sicherlich das allergrößte Glück, dass wir als Familie mit drei kleinen Buben, die damals eins, drei und fünf Jahre alt waren und meiner Frau Anne als Englischlehrerin einen direkten und liebevollen Bezug zu vielen der rund 500 Gemeindeglieder bekamen. Und nach Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, an denen ich selber noch zu Beginn der 70er Jahre teilgenommen hatte, wir ein wesentlich vielschichtigeres Amerikabild erhielten.

Lange Jahre haben Sie den Jugendaustausch mit der UCC koordiniert. Warum ist dieser Austausch wichtig?

Nach unserer Rückkehr haben wir von 1989 bis 2000 einen Jugendaustausch organsiert, der alle zwei Jahre in den USA und die Jahre dazwischen in Deutschland stattfand. Unser neuer Partnerpfarrer wurde Reverend Randy Orwig aus North Carolina, der den dreiwöchigen Aufenthalt in Übersee in jeweils eine Woche bei Gemeinde-Familien, ein Sozialprojekt und ein touristisches Programm einteilte.

Die ersten Begegnungsorte für die zwölf bis 15 Jugendlichen auf beiden Seiten waren immer die wunderbar ausgestatteten "family camps" in traumhafter und wilder Landschaft. Umgekehrt haben die amerikanischen Jugendlichen, deren Gruppen immer Weiße und "African Americans" umfassten, neben dem Aufenthalt in Gastfamilien aus Königswinter einen politischen Eindruck von Großstädten wie München, Berlin und Köln erhalten. In kirchlichen Freizeitheimen wurden dann unter anderem Diskussionen über Rassismus, Arbeit mit behinderten Menschen, frauengerechte Sprache in der Kirche angeregt, im Übrigen alles Themen, die gerade auch der UCC sehr am Herzen liegen. Gegenseitige Vorurteile konnten abgebaut, intensive Beziehungen geschlossen werden, die zum Teil noch heute halten.

Was ist das Besondere der UCC als amerikanische Kirche und auch im Vergleich zu deutschen Kirchen?

Die United Church of Christ ist eine aus ursprünglich vier unabhängigen Denominationen 1957 zusammengeschlossene Kirche. Damit trifft sie sich mit dem Geist der Unionskirchen, die ja ebenfalls – und zwar schon 1817 – zwischen lutherischen und reformierten Kirchen gebildet wurden.

Das besondere Erbe der UCC umfasst aber auch die Tradition der sogenannten Christian Church, einer Erweckungsbewegung unter schwarzen Sklaven. Von Anbeginn an brachten gerade diese Christen die Fragen nach "justice and peace" mit ein. Bis heute versteht sich deshalb die UCC als "just peace church", die zum Beispiel in den Jahren der Bürgerrechtsbewegung an der Seite von Dr. Martin Luther King aktiv war. Fragen der Gleichberechtigung Homosexueller, Umweltproblematik, Frauenrechte, Abrüstungsfragen, Eine-Welt-Thematik mussten sich in diesem Kontext zwangsläufig anschließen.

Die Art und Weise aber der jeweiligen Auseinandersetzungen auf den General-Synoden oder in Workshops habe ich immer als ausgesprochen fair, konstruktiv, kreativ, vor allem aber geistlich geprägt erlebt. So strahlen die Gottesdienste der UCC neben der konkreten Benennung aktueller Themen immer auch eine Atmosphäre der Einladung, des Zuspruchs und der spirituellen Kommunikation aus, die sich zum Beispiel in dem außergewöhnlichen neuen Gesangbuch "Century Hymnal" und dem Liturgiebuch "Book of Worship" niedergeschlagen hat. In letzteren wurde übrigens schon Mitte der 80er Jahre ein Ritual zur friedlichen Gestaltung einer Ehescheidung in einem Gottesdienst angeboten.

Die Terroranschläge in den USA am 11. September 2001 haben im Land viel verändert. Was bedeuteten sie für die Partnerschaft mit der UCC?

Am Tag nach dem 11.September 2001 hat es im Berliner Dom einen bewegenden Gottesdienst mit dem damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber und dem damaligen President der UCC John Thomas gegeben. Beide waren sich darin einig, dass dem internationalen Terrorismus nicht mit Gegengewalt, sondern mit konkreter politischer Situationsanalyse zu begegnen sei. Wir wissen heute, dass die offizielle Politik der USA einen anderen Weg eingeschlagen hat. Das hat die UCC im Gespräch mit der Union Evangelischer Kirchen (UEK) nicht davon abgehalten, nach geistlichen und politischen Alternativen Ausschau zu halten. Die sogenannte Kirchengemeinschaft dieser unierten Kirchen, hat auch dazu beigetragen, Unrecht im Kriegsgeschehen und als Überwachungsstruktur an der Heimatfront öffentlich anzuprangern.

Was wünschen Sie für die weitere Partnerschaft?

Die gegenseitige Bereicherung darf weitergehen, und dies geschieht immer am besten in der Begegnung zwischen Menschen. Hunderte von Beteiligten haben seit der offiziell erklärten "Kirchengemeinschaft" 1980/81 an Austauschprogrammen teilgenommen. Diese Begegnungen hatten gerade in der Zeit der beiden deutschen Staaten eine immens wichtige Brückenfunktion. Neue Bereiche wie Vikarsbegegnungen und Diakonie sind hinzugekommen. Inzwischen hat fast jede Gliedkirche der UEK eine Partner-Conference in den USA, die sich gegenseitig bei Synoden Tagungen und Austauschprogrammen begleiten.

Welche Erfahrungen sind für Sie persönlich aus den all den Jahren der Partnerschaftspflege besonders prägend?

Ich habe mein theologisches Rüstzeug bei Schülern von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer erhalten. Beides Theologen im Übrigen, die – etwa auch 2014 im Kontext der 80-Jahr-Feier der Barmer Theologischen Erklärung – bis heute großen Zuspruch in den USA finden. Das unkonventionelle Zugehen in meiner Gemeindepraxis auf Menschen und neue kreative Arbeitsformen im Gemeindealltag verdanke ich allerdings bis heute der UCC.

Max Koranyi wurde 1952 in Bonn geboren. Er studierte Theologie in Wuppertal, Münster und Bonn, wirkte als Gemeindepfarrer im Rheinland und in Ohio, ist Autor von Büchern und Radio-Andachten. Koranyi ist Vorsitzender der UCC-Arbeitsgruppe der Evangelischen Kirche im Rheinland und des UCC-Forums der Union Evangelischer Kirchen.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 26. Februar 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 27. Februar 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / Foto: Vandenhoeck & Ruprecht / 27.02.2014



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