Prof. Nagel Prof. Eckhard Nagel, Ärztlicher Direktor am Essener Uniklinikum, hielt die "Kanzelrede" in der Duisburger Salvatorkirche.

Duisburg

Auf der Warteliste: zwischen Erlösungshoffnung und Verzweiflung

Die Todesanzeige der jungen Mutter nach ihrer Lebertransplantation las Professor Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel, der ärztliche Direktor am Essener Uniklinikum, zur Einleitung in seiner Kanzelrede vor. „Sie war meine Patientin.“

„Leid auf der Warteliste – Verzweiflung, Hoffnung, Erlösung“, lautete das Thema, zu dem der Mediziner im Gottesdienst in der Duisburger Salvatorkirche sprach. Die Vorkommnisse von Wartelistenmanipulation an deutschen Transplantationszentren des letzten Jahres müsse man „Betrug“ nennen, so Nagel. Die Organspende-Bereitschaft der Bevölkerung sei dadurch abgesunken. Mit einer solchen Verweigerung schade man aber nicht den Betrügern, sondern schwerkranken Menschen, für die das Leid auf der Werteliste tägliche Realität sei.

Die Auswahl der Patientinnen und Patienten für die Warteliste und die Verteilung der zur Verfügung stehenden Organe nannte Nagel Dilemma-Entscheidungen, die die Mediziner zu verwalten hätten. Dabei müssten sie oft Kollisionen zwischen dem Arzt-Patient-Verhältnis und den Regeln der Ärzteschaft ertragen, so Nagel, der auch Mitglied der ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, des Deutschen Ethikrats und des Präsidiumsvorstands des Deutschen Evangelischen Kirchentags ist.

Darf ein Arzt Menschen von der Liste nehmen, weil sie zu krank sind für eine Transplantation? Wo doch statistisch erwiesen ist, dass gesündere Patienten von einem neuen Organ länger profitieren? Sollen Menschen, die ihre Erkrankung etwa durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch selbst (mit-)verschuldet haben, von der Hoffnung auf Heilung von vorneherein ausgeschlossen werden? Nagel warnte vor einer nur materialistisch-apparativen Sichtweise auf Patientinnen und Patienten und verteidigte so indirekt das geltende Organ-Vergabesystem, bei dem der Grad der Erkrankung den Platz auf der Warteliste bestimmt.

Übergroße Erwartungen

Er bekannte, dass die Menschlichkeit nicht immer mit dem technischen Fortschritt mithalten könne und erinnerte an die erste Herztransplantation von 1967, die im damaligen Medienecho Fortschritt und Besserung für alle Menschen versprach. Von dieser optimistischen Sicht sei man heute weit abgerückt. „Es ist unvernünftig, gegen die technische Welt anzurennen“, sagte Nagel, „aber der Fortschritt soll nicht unser Wesen verbiegen, verwirren und veröden.“

„Ich will eine Zukunft, die funktioniert“, hatte seine verstorbene Patientin in ihr Tagebuch geschrieben. Die Sterberate nach einer Lebertransplantation liegt laut Nagel bei etwa fünf Prozent. „Ich will gar nicht wissen, wie die mich aufmachen“, hatte sie gesagt, „was danach kommt, macht mir nicht Angst.“ Die Angehörigen schrieben in die Todesanzeige: „Sie hat den Ärzten vertraut.“

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 11. Juni 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 12. Juni 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 11.06.2013



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