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Erinnerung an die Opfer des Genozids im heutigen Namibia: Denkmal am Waterberg. Erinnerung an die Opfer des Genozids rund hundert Jahren im heutigen Namibia: Tafel am Waterberg.

Forschungsband "Umstrittene Beziehungen"

Namibia: Kolonialgeschichte, Völkermord und Apartheid aufgearbeitet

„Schon jetzt ist klar: Die Erkenntnisse werden weit über das Ende der Forschungsarbeit hinaus Auswirkungen haben.“ Das sagt Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, Leiterin der
Ökumene-Abteilung der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Ihr Anlass ist die Vorstellung der Forschungsergebnisse "Umstrittene Beziehungen" und des bevorstehenden 100. Jahrestags des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im einstigen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, am 9. Juli. Das Forschungsprojekt hat die Evangelichen Kirche im Rheinland fast ein ganzes Jahrzehnt beschäftigt. Sein Ergebnis wurde kürzlich von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgestellt. Thema ist die Rolle der Kirchen und Missionsgesellschaften in kolonialer und vorkolonialer Zeit, aber auch um die Zeit der Apartheid im südlichen Afrika.

Rückblick: Im Jahr 2004 hatte die Evangelische Kirche im Rheinland gemeinsam mit der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) auf ihrer Landessynode des kolonialen Krieges gegen das Volk der Herero gedacht und den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts thematisiert. Im Mittelpunkt des Synodenbeschlusses standen die Rolle der Kirchen in Namibia vor hundert Jahren und ihre Beteiligung an der kolonialen Ausbeutung und Ermordung von Herero, Nama und Damara. Mit der VEM zusammen entstand eine Ausstellung und Dokumentation.

Die Evangelische Kirche im Rheinland beteiligte sich an den Gedenkfeiern in Namibia zum Völkermord des Jahres 1904 und verpflichtete sich, die Rolle der Kirchen wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dazu konnte die rheinische Kirche die EKD gewinnen, außerdem beteiligten sich weitere Kirchen und Missionswerke aus Deutschland und dem südlichen Afrika.

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph: „Am Ende wurde das Forschungsprojekt von allen Kirchen und Missionsgesellschaften in Deutschland getragen, die in Südafrika und Namibia tätig gewesen waren, und allen Partnerkirchen in Südafrika und Namibia – insgesamt 23 Träger.“

Schwierige gemeinsame Geschichte

In zwei umfangreichen Forschungsetappen war zunächst die Rolle der Kirchen und Missionsgesellschaften in der vorkolonialen und kolonialen Zeit untersucht worden. In diese Forschungsetappe, die unabhängige Wissenschaftler der Profan- und Kirchengeschichte vorgenommen haben, wurde auch der Genozid an den Herero untersucht, dem in den Jahren 1904 bis 1907 der größte Teil des Volkes zum Opfer fiel. Von geschätzten 85.000 bis 100.000 Herero überlebten nur 15.000. 10.000 Nama kamen in Krieg und Konzentrationslagern um.

„Die wissenschaftliche Annäherung an diese schwierige gemeinsame Geschichte hat die Zusammenarbeit und das Vertrauen der Träger im gemeinsamen Forschungsprojekt gefördert“, beschreibt Barbara Rudolph den langwierigen Prozess. „In einer zweiten Phase wagten sich die Träger, zu denen auch weiße und schwarze Kirchen aus dem südlichen Afrika gehören, auch an die Untersuchung der Apartheidzeit, deren Folgen heute noch unmittelbar zu spüren sind.“

Konsequenzen ziehen

Für die rheinische Kirche und die anderen Träger kommt nach dem Abschluss des Forschungsprozesses die Aufgabe zu, die zwei voluminösen Forschungsbände von insgesamt rund 1.500 Seiten nicht nur zu studieren und bekannt zu machen, sondern auch die Konsequenzen daraus zu ziehen.

"Wenn sich am 9. Juli dieses Jahres das Ende der kolonialen Besetzung ,Südwestafrikas’ zum 100. Mal jährt, dann ist es für die Evangelische Kirche im Rheinland Zeit, den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts in das Gedächtnis Deutschlands zu heben“, stellt Oberkirchenrätin Rudolph fest. „Gerade in dem Jahr, in dem die Bundesrepublik den Völkermord an dem armenischen Volk und die Mitwirkung Deutscher an dem Verbrechen öffentlich benannt hat, ist die Erinnerung an dem Mord im fernen Südlichen Afrika notwendig. Noch immer fehlt eine adäquate Stellungnahme Deutschlands zu dem Geschehen vor inzwischen 111 Jahren.“

Annäherung der Kirchen in Namibia

Mit der rheinischen Partnerkirche in Namibia, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik von Namibia (ELCRN), und ihrem Bischof Ernst //Gamxamûb hat Barbara Rudolph inzwischen
das Gespräch aufgenommen, welche Konsequenzen die Kirchen gemeinsam aus den Forschungsergebnissen ziehen können. „Das wird die Kirchen gemeinsam mit der VEM in den kommenden Jahren bewegen."

Neben der partnerschaftlichen Zusammenarbeit von rheinischer Kirche und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia gelte es auch zu klären, "wie eine weitere Annäherung der evangelischen Kirchen in Namibia, die immer noch nach Hautfarben und Sprachen getrennt sind, möglich ist“, sagt die Theologin und Ökumene-Expertin. Dabei könne helfen, dass im Jahr 2017 der Lutherische Weltbund seine Vollversammlung in Namibia abhält. Dann wollen die drei lutherischen Kirchen – also sowohl Kirchen der schwarzen wie der weißen Bevölkerung – gemeinsam Gastgeberinnen sein und das große Treffen zusammen vorbereiten.

Schuldbekenntnis Deutschlands am Genozid steht aus

Auch die aus Kolonial- und Apartheidzeit resultierende enorme Differenz von Armut und Reichtum in Namibia müsse überwunden werden, stellt Oberkirchenrätin Rudolph fest. Das Land dabei zu unterstützen, seien Kirche und Politik in Deutschland aufgrund der Geschichte besonders aufgefordert.

Abgesehen von der angenommenen Bitte um Vergebung der damaligen Bundesentwicklungshilfeministerin vor elf Jahren: Schließlich stehe noch die Anerkennung des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts durch die deutsche Regierung aus, so Oberkirchenrätin Rudolph. „Deutschland hat in diesem Jahr Größe gezeigt und die deutsche Mitschuld am Völkermord an den Armeniern eingestanden. Warum also sollte sich unser Land nicht auch endlich zu seiner Schuld am Genozid an den Herero, Nama und Damara bekennen?“

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ekir.de / jpi, neu / 01.07.2015



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