Israel / Palästina

Niemand unbeteiligt

Ein ekir.de-Interview mit Dr. Uwe Rieske, Landespfarrer für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland, über eine Israel-Palästina-Reise von 16 Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge.

Erinnerungsfoto der Notfallseelsorge-Reisegruppe - hier in Nes Ammim mit Studienleiter Dr. Rainer Stuhlmann (M.) und Landespfarrer Dr. Uwe Rieske (vorn). LupeErinnerungsfoto der Notfallseelsorge-Reisegruppe - hier in Nes Ammim mit Studienleiter Dr. Rainer Stuhlmann (M.) und Landespfarrer Dr. Uwe Rieske (vorn).

Die rheinische Notfallseelsorge bereiste Israel und Palästina. Sie haben in Haifa im arabischen Stadtteil Wadi Salib das Projekt einer palästinensischen Familie zur Wiedereingliederung ehemaliger Häftlinge kennengelernt. Wie funktioniert das?

Zunächst einmal stand am Anfang – wie bei vielen Initiativen in Israel und Palästina – das tatkräftige Engagement von Einzelnen. Das palästinensisch-christliche Ehepaar Kamil und Agnes Shehade begann vor 30 Jahren einzelne entlassene Strafgefangene zu unterstützen; aus diesen Anfängen entwickelte sich in Haifa die Initiative „Haus Gnade“, die heute über 400 Familien betreut. Mit einfachsten Mitteln wurde anfangs geholfen, dann wurden ein Haus und eine Kirche in Haifa eigenhändig renoviert. Damit war das Zentrum vorhanden und das Ziel blieb konstant: Entlassenen Strafgefangenen und ihren Familien Hilfen anzubieten, damit sie ihren Weg in Arbeit und soziale Wiedereingliederung finden können. Heute sind im „Haus Gnade“ zwölf feste Mitarbeiter beschäftigt. Es werden auch 135 Kinder im Alter von 8 bis 18 Jahren betreut, die in Workshops, mit Ausbildungsprogrammen und mit Sportangeboten aufgefangen werden und denen eine Arbeits- und Lebensperspektive eröffnet wird. Ein Second-Hand-Laden versorgt mit Lebensnotwendigem. Eindrucksvoll hat uns Jamal Shehade Anliegen und Konzept dieser Arbeit erläutert, die von der Familie Shehade inzwischen in der zweiten Generation getragen wird und sich aus einem tief empfundenen christlichen Engagement, Vertrauen und Respekt speist. Die Familie lebt mit den betreuten Menschen unter einem Dach und fragt nicht nach Herkunft oder Religion. Auch die Finanzierung von Projekten folgte im Haus Gnade erst nach dem Impuls zum Handeln – aber irgendwie findet sich immer Unterstützung und kommt auch das benötigte Geld durch Spenden zusammen.

In Kiryat Shmona hat Dr. Ruvie Rogel über die Notfallversorgung und die Behandlung von posttraumatischen Störungen im Community Stress Prevention Centre (CSPC) berichtet. Was erfuhren Sie?

Das Traumazentrum von Dr. Ruvie Rogel betreut Menschen in Israel, die von den Kriegsfolgen in der Region an der Grenze zum Libanon unmittelbar betroffen waren. Aber er ist zudem ein international anerkannter Experte nach Naturkatastrophen und Terroranschlägen. Dr. Rogel war nach den Katastrophen in Haiti, Thailand, Japan und in New Orleans in der Krisenintervention tätig und hat uns von seinen Erfahrungen in diesen Einsätzen eindrucksvoll berichtet. Er bildet aber auch weltweit Kriseninterventionskräfte aus, die mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten. Besonders bewegt hat mich die zugewandte, positive Energie, die Dr. Rogel auch unter widrigsten und schlimmsten Einsatzbedingungen beseelt und die sich mit einer methodisch gereiften, konzeptorientierten, aber auch sehr flexiblen Strategie verbindet. Ihm ist wichtig, keine Therapie anzubieten, sondern Interventionen, die Menschen in ihrer konkreten Not wahrnehmen und regionale kulturelle Gegebenheiten respektieren und nutzen. Das CSPC setzt bei den Ressourcen von traumatisierten Menschen an und will diese kreativ fördern und stärken. „Empowerment“ ist das Stichwort, unter das er seine Arbeit stellt – eine lebenskräftigende Stärkung der Fähigkeiten von Menschen in extremen Krisen. Die Beispiele, mit denen er Entwicklungen zeigte, die aus dieser Arbeit möglich wurden, haben uns sehr beeindruckt und können wir unmittelbar auf unsere Arbeit beziehen.

Ursula Mukarker im Gespräch mit der rheinischen Notfallseelsorgegruppe im Zentrum LupeUrsula Mukarker im Gespräch mit der rheinischen Notfallseelsorgegruppe im Zentrum "Wings of Hope - Palästina" in Bethlehem.

In Bethlehem haben Sie „Wings of Hope“ besucht, ein palästinensisches Ausbildungsinstitut für Psychotraumatologie und Traumatherapie. Wem gibt das Institut Hoffnung?

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina bestimmt weiterhin masssiv das Leben im Nahen Osten, vor allem in der Westbank. Die Mauer, die Israel und Palästina trennt, verursacht immenses Leid – die seit 2003 errichteten Grenzsperranlagen sind höher als die frühere Berliner Mauer und wirken sich in allen Lebensbezügen aus. Unter der israelischen Besatzung dominieren Enge und Perspektivlosigkeit, die sich häufig in Gewalt äußern. Menschen werden hier durch viele Umstände traumatisiert, darunter besonders viele Kinder. Das Zentrum Wings of Hope in Bethlehem will traumatisierte Menschen aus ihrer Opferrolle herausführen, ihnen inmitten der Bedrohung einen sicheren Ort anbieten. Ursula Mukarker, die dieses Institut leitet, wurde in Deutschland psychotraumatologisch ausgebildet und orientiert sich an hohen internationalen Standards. Ihr Zentrum ist für viele Menschen in Bethlehem die einzige Zuflucht, in der sie Geborgenheit und Hilfe finden. Die immense Bereitschaft und das hohe Niveau, das diese Arbeit unter bedrängendsten Bedingungen in der Geburtsstadt Jesu bestimmt, sind kaum hoch genug zu schätzen. Aber es ist dieser Arbeit auch sehr zu wünschen, dass sich die politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern und entspannen.

Sie haben auch die Versöhnungsarbeit in Nes Ammim kennengelernt, haben mit dem Studienleiter und rheinischen Theologen Dr. Rainer Stuhlmann gesprochen – wie haben Sie durch Ihre Notfallseelsorge-Brille die dortige Arbeit gesehen?

Die Begegnung mit Rainer Stuhlmann hat uns gezeigt, wie schwierig und kompliziert ein deutsches Engagement in dieser Region ist - aber gleichzeitig auch absolut unverzichtbar; die Konflikte in Israel und Palästina und der enorme Selbstbehauptungswille Israels folgten auf die Shoah. Wir haben in Yad Vashem, dem Gedenkort an die Opfer des Holocaust in Jerusalem, erschüttert in der Halle der Kinder gestanden. Eine Million Kinder sind durch deutsche Soldaten, SS-Leute und ihre Verbündeten brutal ermordet worden, ihre Namen werden hier verlesen und die Reihe ist endlos – wie viel unsägliches Leid ist durch den deutschen Terror in die Welt gebracht worden! Ich habe mich meiner Tränen nicht geschämt in Yad Vashem – oft habe ich Namen von Opfern bei Gedenkveranstaltungen der Notfallseelsorge gelesen; hier aber geht es um sechs Millionen Menschen! Israelis haben zwar in Gesprächen mit uns eine monokausale Begründung, die Israels entschlossenen Selbstbehauptungswillen allein aus dieser Erfahrung ableitet, bestritten und wollen dies differenzierter sehen; und doch: Das durch den Holocaust bewirkte Leid ist weiterhin in nahezu jeder jüdischen Familie präsent. Palästinenser in der Westbank haben uns gesagt: „Wir zahlen heute den Preis für die deutsche Brutalität der NS-Zeit.“ Rainer Stuhlmann hat uns deutlich gemacht, dass das rheinische Zentrum Nes Ammim zu einer Versöhnung zwischen den verfeindeten Gruppen beitragen möchte und ganz bewusst „zwischen den Stühlen“ sitzen will. Nes Ammim will parteilich für den Dialog eintreten, ohne selbst Partei zu ergreifen – und damit dazu beitragen, dass die Not, die aus der Feindschaft wächst, gelindert wird. Es gilt, das Recht und Interesse beider Seiten zu sehen und die Verletzungen zu spüren, aber Möglichkeiten zum Dialog und zur Versöhnung zu öffnen, die enorm schwierig ist. Dafür ist Nes Ammim ein guter Ort, der in Israel hohen Respekt genießt und von allen Seiten akzeptiert wird. Und hier sehe ich tatsächlich Parallelen zur Arbeit in der Notfallseelsorge – auch wir arbeiten in seelsorgerlicher Parteilichkeit für Betroffene von Krisen und Katastrophen, sind involviert, ohne einer Seite gegenüber einer anderen den Vorzug zu geben. Ich habe in Nes Ammim gelernt, dass der Ort „zwischen den Stühlen“ der genau richtige Platz sein kann.

Gibt es ein Gesamtfazit der Reise, einen wichtigen Gesamteindruck?

Die Region in Israel und Palästina ist fantastisch. Die Geschichte, die Verbundenheit dieses Landes mit drei Religionen, aber auch die Konflikte, die in und aus dieser Region erwachsen, lassen niemanden unbeteiligt, der dorthin reist oder dort lebt. Unser Reiseleiter Etai Paldi, der als Jude in Israel aufgewachsen ist und seit zehn Jahren in Deutschland lebt, hat uns den Reichtum und die Schwierigkeiten seines Landes eindrucksvoll nahe gebracht. Er hat uns mitten hinein genommen in die Geschichte und ihre Wirkungen, in die Natur und zu den Menschen, deren Sprache er spricht. Am meisten aber haben mich der Idealismus und die Offenheit der Menschen in Israel und Palästina beeindruckt. Es gibt unglaublich viel Engagement in dieser Region – politisch, sozial, karitativ.

Auch einige Besichtigungen standen auf dem Reiseprogramm, darunter die Klagemauer in Jerusalem. LupeAuch einige Besichtigungen standen auf dem Reiseprogramm, darunter die Klagemauer in Jerusalem.

Wieso sind Sie eigentlich nach Israel / Palästina gereist?

Wir wollten die Region kennen lernen, in der das Christentum entstand – auch um uns selbst und unsere Spiritualität besser zu verstehen; den besonderen Geist, der auch die notfallseelsorgliche Begleitung in unseren deutschen Kirchen prägt und ausrichtet, am See Genezareth und in Jerusalem in der Heimat Jesu aus den Wurzeln heraus genauer zu spüren, war für mich selbst Anliegen und Antrieb. Gleichzeitig ist diese Region für unsere Arbeit mit ihren vielen Referenzeindrücken aus Begegnungen und Besuchen immens bereichernd.

Das Programm hat immer wieder auch Zeit dafür gegeben, die Schönheiten der Region zu genießen. Was hat Ihnen am besten gefallen?

Wir kamen nach einem heißen, gefüllten und dichten Tag abends am See Genezareth an und unser Youth Hostel lag direkt am Seeufer. So sind wir abends im Mondschein noch ein Stück hinausgeschwommen im warmen, sanften Wasser – über uns stand der Vollmond, der auf dem See schimmerte; dies war ein unvergesslicher Abend. Zudem ist die unglaubliche Vielfalt in dieser Region beeindruckend: Im Wüsten-Wadi En Gedi am Toten Meer hatten wir etwa 43 Grad – und dann findet sich mitten darin eine aus Quellen gespeiste grüne Oase mit Wasserfällen, die kühles Wasser bieten, indem man sogar baden kann. In einem dieser Naturbecken haben wir im Wasser gesessen und die Geschichten von David und Saul gelesen, die hier in En Gedi geschehen sein sollen – das war ein wirklich ganzheitliches Bibelstudium.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 7. September 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 11. September 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 07.09.2012



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