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Kirche in WDR 2

Baustelle

„Vielen Dank für Ihr Verständnis“ sagt das Schild rechts am Rand der Autobahn. Ha, ha. Hab ich aber nicht. Jeden morgen das Gleiche. Drei Kilometer Stau.

Die Andacht zum Hören: "Vielen Dank für Ihr Verständnis" von Pfarrer Titus Reinmuth

Fahrbahn verengt, LKWs auf Tuchfühlung, ständig der Blick auf die Uhr. Und dann bedankt sich dieses Riesenschild für mein Verständnis. Was wird hier eigentlich gemacht? Die Leitplanke erneuert? Die Fahrbahnmarkierung? Ging das nicht in den Ferien? Immer wieder stockender Verkehr. Muss das sein? Mein Navi macht sich noch lustig über mich. Tempo 120 sei hier erlaubt. Und ich fahre Schritttempo. Dass ich nicht lache. Verständnis? Nein, sorry, hab ich nicht. Jedenfalls nicht morgens um halb acht.

„Alles hat seine Zeit“, sagt ein weiser Satz aus der Bibel. Soll das auch für Baustellen gelten? Auf der Autobahn? Naja, daran wird die Bibel kaum gedacht haben. Aber vielleicht an die Baustellen im Leben. Manche, die immer auf der Überholspur waren, werden unsanft ausgebremst. Dann setzt der Körper Signale. Ein Bandscheibenvorfall und schon geht alles nur noch sehr langsam. Ein kleiner Schlaganfall, gerade noch mal Glück gehabt, aber schon sieht das ganze Leben anders aus. Das nächste Mal kann das eine richtig große Baustelle werden. Also, doch mal das Tempo rausnehmen? Den eigenen Lebensweg überdenken? Die Markierungen nachziehen, die nicht überschritten werden dürfen? Keine schlechte Idee für den Jahresanfang.

Bei Freunden sind die Kinder aus dem Haus. Sie ziehen in eine kleinere Wohnung. Statt 130 Quadratmeter jetzt nur noch 80, statt Garten ein Balkon. Sie setzen das um, ganz radikal. Oder: Mein Arzt verabschiedet sich aus der großen Gemeinschaftspraxis und zieht aufs Land. Er ist nicht mehr da, wo er immer war. Er hat sein Leben verändert und wird seine Gründe haben. Ich muss mich umgewöhnen. Schließlich: Die Lehrerin, die vergangenes Jahr noch fröhlich unterrichtet hat, (ist nach den Ferien nicht mehr aufgetaucht. Sie hatte eine Kur gemacht und ) hat jetzt einen kleinen Laden eröffnet: Bücher und Weine. Sie wirkt glücklich. Auch wenn manche sie an der Schule vermissen.

Stimmt schon, manchmal gibt’s im Leben eine Baustelle. Dann geht’s nicht weiter auf der Überholspur, nicht mal auf der gewohnten Strecke. Allerdings: Veränderungen machen Angst. Man braucht wirklich Mut, um auf die Bremse zu treten, runterzuschalten, vielleicht die nächste Ausfahrt zu nehmen und die gewohnte Strecke zu verlassen. Wie groß wird der Umweg sein, wo komme ich an? Viele guten Vorsätze fürs neue Jahr scheitern, weil Menschen träge sind. Das Vertraute ist doch irgendwie bequem. Warnschilder aufstellen, das eigene Leben umbauen, alle andern durcheinander bringen? Das braucht ganz schön viel Mut.

Aber Gott mag solche Menschen. Solche, die mutig vorangehen, die endlich etwas Neues auspro-bieren. Wo immer jemand aufbricht, ruft Gott ihm zu: „Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der HERR, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“ So hört es Josua, der mit dem Volk Israel in das neue Land aufbrechen will – nach einer langen Durststrecke. Er fasst Mut. Er vertraut darauf, dass Gott bei ihm bleibt. So fängt er an.

Wenn Menschen damit ernst machen und ihr Leben richtig umbauen, dann kommen tatsächlich alle andern ins Stocken. Die alten Freunde, die meinen, so wie es bisher war, war es doch gerade gut. Die Kollegen, die Familie, sie brauchen dann wirklich Verständnis.

Aber alles hat seine Zeit. Auch die Baustellen im Leben. Irgendwann ist das mal dran. Und am Ende ist ein Ziel erreicht und das Leben wieder im Fluss.

 

Pfarrer Titus Reinmuth für Kirche in WDR 2 / kirchezumhoeren.de / 11.01.2012



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