Dieter Schütz / pixelio.de Lernsoftware und andere Materialien für den Unterricht unterliegen häufig strengen rechtlichen Regeln. Freie Lern- und Lehrmaterialien sollen die Situation für Lernende und Lehrkräfte verbessern.

Open Educational Resources

„Qualifiziert, aktuell und anpassbar“

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Um freie Lern- und Lehrmaterialien geht es in einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland am Dienstag, 17. März, in Bonn. Mit Fachleuten aus Kirche und Gesellschaft werden Strategien zum Thema „Open Educational Resources“ (OER) entwickelt.

In Anlehnung an eine Erklärung der Bildungsorganisation Unesco von 2002 nennt Schulreferent Frank Wessel vier Punkte zur Definition der OER: Sie seien frei öffentlich zugänglich, könnten frei genutzt und angepasst werden und dürften ungehindert weiterverbreitet werden. „Ich muss mir als Lehrer also keine Gedanken machen, ob ich schon zu viele Seiten aus einem Schulbuch kopiert habe oder ich den Film wirklich zeigen darf“, erläutert Wessel. Die Aktualisierung von Arbeitsblättern oder die Weitergabe von Materialien an Kolleginnen und Kollegen sei dann ebenfalls rechtens.

Beitrag zur Unterrichts- und Schulentwicklung

Wessel, Schulreferent in den Evangelischen Kirchenkreisen Düsseldorf-Mettmann und Niederberg, sieht freie Lern- und Lehrinhalte vor allem als Chance: „Sie verbessern den Unterricht, weil die Materialien qualifiziert, aktuell und an die didaktische Situation anpassbar sind, sie unterstützen die Kommunikation im Kollegium der Unterrichtenden und tragen damit zur Unterrichts- und Schulentwicklung bei.“ Mit OER unterstütze man außerdem Lerninteressen, die über den schulischen Unterricht hinausgehen.

„OER ist für Bildungsinhalte das, was freie Software, Open Source Software, im IT-Bereich ist“, erklärt Ralf Peter Reimann. Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Free Software Foundation Europe habe ein Zitat des Kirchenvaters Augustinus über das Teilen als Motto: "Denn jede Sache, die durch Mitteilung an andere nicht verliert, besitzt man nicht, wie man soll, solange man sie nur selber besitzt, ohne sie wieder an andere weiterzugeben."

„Selbstverständlich gibt es auch kritische Stimmen“, erläutert Reimann. Eine wichtige Frage sei, welche Funktion Verlage im Bildungswesen übernehmen werden, wenn Lerninhalte unter einer freien Lizenz stehen und was OER für Publikation aus dem Bildungsbereich bedeutet, wenn Kirche selbst verlegerisch tätig ist.

Digitalisierung fordert die Kirche heraus

„Die Digitalisierung der Gesellschaft fordert auch uns als Kirche heraus“, sagt der Theologe und Informatiker Ralf Peter Reimann. Deshalb habe die EKD-Synode im November die Kundgebung "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ beschlossen. Dort heiße es: „Die evangelische Kirche hat die Aufgabe, digitale Bildungsprozesse aus christlicher Perspektive neu zu denken. Evangelische Kirche tritt grundsätzlich dafür ein, dass Teilhabe für alle möglich wird, unabhängig von Alter, Herkunft, Wohnort und Einkommen.“

Was solch ein Grundsatzbeschluss in der Praxis bedeutet, muss laut Reimann ausbuchstabiert werden: „Lerninhalte als offene Bildungsinhalte zu verbreiten – ist in meinen Augen die beste Möglichkeit, Teilhabe im Bildungsbereich umzusetzen.“

Beratung in Ausschüssen der rheinischen Kirche

Freie Lern- und Lehrinhalte haben eine sozialethische und medienethische Dimension. Der sozialethische Ausschuss und der Bildungsausschuss der Evangelischen Kirche im Rheinland beschäftigen sich daher mit dem Thema. Ergebnisse des Tagungsgesprächs sollen in die Überlegungen der Gremien einfließen. „Wir freuen uns bei der Tagung über jeden und jede, die mitdenken möchte“, sagt Reimann.

Zu den Referenten der Tagung gehört auch Jan Neumann. Er studierte Rechts-, Wirtschaft und angewandte Systemwissenschaften und ist Leiter Recht und Organisation des Hochschulbibliothekszentrums des Landes Nordrhein-Westfalen sowie Mitglied des Fachausschusses Bildung der Deutschen Unesco-Kommission.

 

ekir.de / rtm / Foto: Dieter Schütz/pixelio.de / 06.03.2015