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'Bonhoeffer wahrmachen': Produkte aus Palästina auf dem Verkaufstisch beim Netzwerktreffen in Bonn. "Bonhoeffer wahrmachen": Produkte aus Palästina auf dem Verkaufstisch beim Netzwerktreffen in Bonn.Download

Palästina-Israel-Rheinland-Netzwerk

„Wir lassen uns den Konflikt angehen“

Die sechste und letzte Stunde läuft, da brennen plötzlich die Sicherungen durch. Ein Zwischenruf unterbricht eine Frau. Ein anderer fällt wiederum ihr ins Wort. Dann reden alle gleichzeitig. Nahostkonflikt im Gemeindesaal der Evangelischen Lukaskirchengemeinde Bonn.

„Es gibt Gesprächs- und Klärungsbedarf“, fängt die moderierende Pfarrerin am Mikro die Emotionen wieder ein. Ringen um eine präzise Formulierung. Einander zuhören. Einander ausreden lassen. Trotz aller Weite der Meinungen zur Lage in Israel und Palästina gelingt auch auf der Zielgeraden wieder die Rückkehr zur Sachebene. 

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„Wandel durch Handel – Wirtschaftsbeziehungen mit Israel und Palästina“ lautete das Thema des zweiten Netzwerktreffens Palästina-Israel-Rheinland (PIR). Rund fünfzig Frauen und Männer befassten sich über Referate, Workshops und Plenardiskussionen mit Fragen des wirtschaftlichen Austauschs von Israel, Palästina und der Europäischen Union. Welche Handelsbeziehungen zwischen Israel und Palästina, aber auch zwischen EU, Israel und Palästina gibt es? Wo liegen die Chancen und wo die Risiken von Handel und von Nicht-Handel, von differenzierendem Handel oder gar von Boykott? 

Auch Couscous und grüner Weizen oder beispielsweise Holzarbeiten standen zum Verkauf. Auch Couscous und grüner Weizen oder beispielsweise Holzarbeiten standen zum Verkauf.

„Köstlichkeiten aus dem Land, wo Milch und Honig fließen“ steht im klein Gedruckten auf der Rückseite der grünen Glasflaschen. 6 Euro kostet der Viertelliter Olivenöl aus Palästina. Der kleine Verkaufstisch an der Fensterseite des Gemeindesaals bietet weitere Produkte aus Palästina: Couscous, grüner Weizen, aus Holz Engel, Sterne, Krippen. Mitglieder des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins haben die Kleinigkeiten mitgebracht. Weil doch Bonhoeffer gesagt hat, man soll was tun. Palästinensische Kleinbauern unterstützen durch Produktverkauf sei „Bonhoeffer wahrmachen“. 

Verreisen sollte auch fair reisen sein, wird im Workshop „Faires Reisen nach Israel und Palästina“ schnell klar. “Beiden Narrativen“ müsse gerecht werden, der israelisch-jüdischen wie auch der palästinensischen Perspektive. Die Gruppe tauschte sich über Reiseveranstalter aus, die faires Reisen in Nahost wahr machen. Und sieht Bedarf, eine Liste guter Anbieter zu erarbeiten. 

In kleiner Gruppe wollen auch Teilnehmende des Workshops Fairer Handel in den nächsten Monaten weiter arbeiten. So soll ein Produktverkauf mit Informationen begleitet werden. Schließlich verbinde sich mit den Produkten eine Geschichte, wie Dr. Beate Sträter erläuterte, Pfarrerin, Schulreferentin in Bonn und Mitglied der PIR-Vorbereitungsgruppe. Auch die Schulung von Ehrenamtlichen wird empfohlen. 

Workshop „Pro und Contra BDS“: Die drei Buchstaben stehen für “Boycott, Divestment and Sanctions“, eine mittlerweile auch in Deutschland stark vertretene Kampagne gegen den Kauf von Produkten aus den besetzten Gebieten bzw. gegen den Kauf von israelischen Produkten insgesamt. Jetzt sollen die im Stuhlkreis Versammelten sagen, was sie persönlich mit dem Thema Boykott verbindet. Viele erinnern an den einstigen Früchteboykott gegen das Apartheid-Südafrika und sehen Parallelen. Einer sagt, damals war er erst 10. Ein anderer meint, Palästina in seiner politischen Wahrnehmung zu lange ausgeklammert zu haben. Eine Teilnehmerin hat erst spät die Bedeutung der Siedlungen erkannt, beide sprechen sich für den Boykott aus.

Ein katholischer Theologe berichtet von seiner Mitarbeit in einer Bonner BDS-Gruppe. Zwischendurch auch mal humorvolle Ironie: Ein weiterer Mann erzählt von jüdischen Freunden, die wie er BDS unterstützten – „vielleicht habe ich ja die falschen Freunde“.

Lieber Dialogpartner fördern: Viele sprechen sich gegen BDS aus, ausdrücklich auch die beiden Hauptreferenten des Tages. 

Ein Tag der Sortierungen, ein Tag der Verabredungen. Das offene Treffen, das Netzwerk PIR versammelt Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog in Kirchenkreisen, Mitglieder der „Solidarischen Kirche“, Nes-Ammim-Vorstandsmitglieder. Einer engagiert sich in der Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach mit Beit Jala. Einer anderer arbeitet in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Krefeld mit, um nur wenige Beispiele zu nennen. PIR ist erwünscht, über Mail soll Verbindung gehalten werden, und das Netzwerk soll in den rheinischen Kirchengemeinden publik gemacht werden, wird am Schluss im Plenum verabredet. 

Verständigung gibt es im Plenum u.a. auch über diese konkreten Vorhaben: So soll die erwähnte Liste für faires Reisen in Israel und Palästina zusammengestellt werden. Damit es leichter wird, Reiseveranstalter zu finden, deren Guides die Gäste nicht politisch vereinnahmen. Beim Verkauf von Produkten sollen Informationen beigefügt werden. Am Kairos-Papier palästinensischer Theologen soll weitergearbeitet. Und der Deutsche Evangelische Kirchentag soll ermahnt werden im Blick auf ausreichenden Raum für palästinensische Anliegen. 

Vertreter aus dem Kirchenkreis Oberhausen berichteten auch von einem Beschluss der dortigen Kreissynode, die von der Bundesregierung fordert, das EU-Recht bei der Kennzeichnungspflicht für Produkte aus besetzten Gebieten zügig umzusetzen. Anders als beim Thema Boykott herrscht bei dieser Forderung nach zutreffender Kennzeichnung der Produkte offenbar breiter Konsens im Lukas-Gemeindesaal. Der Kirchenkreis Oberhausen wird das Thema auch bei der Landessynode einbringen – sie tagt im Januar. 

Asymmetrisches Verhältnis: Dr. Sabine Hofmann. Asymmetrisches Verhältnis: Dr. Sabine Hofmann.

Den Einstieg in den Tag mit Fragen der Wirtschaft in Israel und Palästina Dr. oec. Sabine Hofmann übernommen, Lehrbeauftragte in der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients der Freien Universität Berlin. Während Israel eine moderne diversifizierte Wirtschaft mit Schwerpunkten bei Hightech und Rüstungstechnologie habe, stecke Palästina in einer Entwicklungslandlage. Ein „klar asymmetrisches Verhältnis“, so Hofmann.

Sie skizzierte das im Laufe der vergangenen Jahre mal gemeinsame, heute wieder getrennte Wirtschaftsgebiet. Die Auslagerung von Niedriglohnarbeiten in Westbank und Gazastreifen in der Vergangenheit, beispielsweise Bausektor, Textilproduktion, Autowerkstätten, landwirtschaftliche Produkte. Hofmann erläuterte auch die Hürden von Warentausch heute angesichts weitgehender „territorialer Separation“ sowie die von formalen Schwierigkeiten geprägte Abwicklung palästinensischer Exporte über Israel.

Außerdem schilderte Hofmann die im Assoziierungsabkommen der EU mit Israel 1995 vereinbarte Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den seit 1967 besetzten Gebieten, deren Umsetzung zwar schon lange beschlossen und auch mit Israel vertraglich festgehalten ist. Dies wird von der EU aber erst seit diesem November verstärkt eingefordert. Bei dieser Kennzeichnungspflicht handle es sich weder um eine Sanktion noch um einen Boykott. Konsumenten sollten einfach nur erkennen können, ob ein Produkt aus palästinensischer Produktion im Westjordanland komme oder aus dortiger israelischer Siedlung. 

 "Nonstarter" vermeiden: Jörn Böhme.

Als „Zwei-Staaten-Extremist“ stellte sich dann dem Plenum Jörn Böhme vor, Nahostreferent der Grünen-Bundestagsfraktion, u.a. früherer Israel-Referent der Aktion Sühnezeichen, einstiger Leiter des Tel-Aviv-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung. Sein Credo: „Ja sagen zu Israel, ohne Palästina das Selbstbestimmungsrecht zu verweigern.“

Böhme warb für die Zwei-Staaten-Lösung, auch wenn sie derzeit zur hohlen Phrase zu verkommen drohe. Er kritisierte die rechtslastige israelische Regierung, die Gesetze einbringe, die Rechtsstaatlichkeit, Pluralität und Meinungsfreiheit abbauten. Er sprach auch von der Eskalation in der Westbank in den letzten Monaten, bemängelte die „wirre politische Strategie der palästinensischen Führung“.

BDS halte er für „politisch falsch, schädlich und kontraproduktiv“. Schädlich, weil insbesondere die Grundforderung nach Rückkehr aller Flüchtlinge ein „absoluter Nonstarter“ sei, eine konfliktfördernde, statt konfliktmindernde Forderung. Die Kennzeichnungspflicht dagegen sei notwendig. Die EU müsse deutlich machen, dass sie nichts mehr unterstützt, was israelische Besatzung weiter unterstützt. 

„Wir lösen nicht den Nahostkonflikt“, hatte zu Beginn des Tages Dr. Volker Haarmann gesagt, Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialog und Mitglied der neunköpfigen PIR-Vorbereitungsgruppe. „Aber wir lassen uns den Konflikt angehen.“

Auch Ulrich Suppus, Sprecher der Vorbereitungsgruppe, beruflich im Amt für Jugendarbeit tätig, blickte auf das Verbindende: Das Netzwerk bringe Menschen zusammen, die in vielen Fragen unterschiedlicher Meinung sind. „Aber wir sind uns einig, dass diese Region Frieden braucht.“ 

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ekir.de / neu / 07.12.2015



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