Claudia Paul, Beauftragte für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung. Claudia Paul, Beauftragte für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung.

Interview

Bestmöglichen Schutz erreichen

Ein Fachtag dreht sich um Prävention gegen Missbrauch und sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Kirche und Diakonie - das ist der Anlass für das ekir.de-Interview mit Claudia Paul, Beauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR).

Paul, zuständig für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung, ist Organisatorin und auch eine der Referentinnen des Fachtags am 13. September in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Der Titel: "Denn das Gute ist so nah...".

Ist es ummöglich, Kinder und Jugendliche vor Missbrauch und sexualisierter Gewalt zu bewahren?

Einen hundertprozentigen Schutz wird man nie bekommen. Solange es Menschen gibt, wird es leider auch Missbrauch und sexualisierte Gewalt geben. Was wir heute tun können, ist eine flächendeckende Aufklärungsarbeit zu betreiben, sowohl für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, und das Thema aus der Tabu- und Schamzone zu nehmen. Das ermöglicht Betroffenen und Beobachtern, viel früher Grenzen zu setzen und Missstände deutlich zu machen. Und damit sind wir in der Lage, Täter schneller zu identifizieren und so vieles zu verhindern bzw. aufzudecken.

Welche Vorbeugung hat Aussicht auf Erfolg? Was kann man Kindern und Jugendlichen mitgeben, das ihren Selbstschutz verbessert?

Prävention soll Kindern ermöglichen, sich mit ihrem Körper und ihren Gefühlen vertraut zu machen.Kinder müssen ernst genommen werden und das Gefühl haben, dass sie wichtig, wertvoll und besonders sind. Denn Kinder, die dieses nicht haben, sind leichter von Tätern zu manipulieren. Wir müssen Kindern eine Stimme geben und sie lehren, dass sie Missstände benennen dürfen, und dazu benötigen sie viel Mut und Vertrauen. Kinder müssen ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper haben, Köperteile benennen können und sie müssen lernen sich selber zu mögen – denn das, was ich kenne und mag, kann ich besser schützen. Außerdem müssen Kinder dem eigenen Gefühl trauen können, um zu erkennen: was fühlt sich richtig und was fühlt sich falsch an. Ein weiterer Punkt: Kinder brauchen ein gutes Schutzkonzept, sichere Orte und Vertrauenspersonen.

Inwiefern ist Vorbeugung mehr als Wort(e)?

Wenn wir gut vorbeugen und zum Beispiel in unseren Einrichtungen Schutzkonzepte installieren, bei der Personalauswahl schon gezielt das Thema Kinderschutz vor sexueller Gewalt thematisieren, Verhaltenskodexe für alle Mitarbeitenden vorhalten und professionelles Arbeiten an erster Stelle steht, können wir Täter abschrecken.

Sie sagen: Kinderschutz ist eine Haltungsfrage. Was meinen Sie damit?

Kinderschutz ist eine Frage der Menschenwürde, der Achtung, des Respekts und des Menschenbildes, das ich in mir trage. Und eine Frage des eigenen Mutes. Was häufig passiert, und das konnten wir ganz deutlich bei der Odenwaldschule erleben, dass es Zeugen und Betroffene gab, die Missstände angezeigt haben, aber nichts passierte. Zum Teil haben Fachkräfte, Eltern und Schulkollegen wegsehen, nicht zugehört, nicht geglaubt oder nicht glauben können. Geglaubt wurde den Tätern, die gesellschaftlich sehr anerkannt waren. Kinder bzw. Jugendliche haben Suizid begangen, leiden zum Teil bis heute an schweren posttraumatische Belastungsstörungen.
So ist es sehr häufig. Wenn eine Tat bekannt wird, fallen einigen Menschen aus dem Umfeld andere sexuelle Grenzverletzungen des Beschuldigten ein. Sie wurden zum Teil auch schon ein oder sogar mehrmals benannt. Sie wurden aber meist bagatellisiert und somit der/die Betroffene für unglaubwürdig erklärt.Andere schützen den Beschuldigten, weil sie glauben dass dieser nicht zu so etwas fähig ist. Andere schauen weg und wollen nichts damit zu tun haben.
Eine klare Haltung bedeutet für mich, dass allen Anschuldigungen nachgegangen werden muss - auch wenn der Beschuldigte ein guter Freund ist. Dass dies auf einer sachlich-fachlichen Ebene geschehen und wenn nötig mit Hilfe von außen passieren muss. Und dass entsprechende Konsequenzen - beispielsweise fristlose Kündigung, Ausschluss aus der Kinder- und Jugendarbeit - erforderlich sind, auch wenn diese unangenehm sind.
Ein gutes Schutzkonzept kann nur wirksam sein, wenn alle auch dahinterstehen und nicht der Meinung sind: Wir machen das mal, aber bei uns passiert ja sowieso nichts. Wir kennen uns alle gut und vertrauen uns. Damit öffne ich Tätern Türen und mache Sehende blind.
Jeder muss sich trauen können, das Gesehene, Erlebte aus- bzw. anzusprechen, ohne negative Konsequenzen erwarten zu müssen. Bagatellisieren ist der Feind der Aufklärung.

Wie sicher ist die Kirche für Kinder und Jugendliche?

Wie anfänglich gesagt, gibt es keinen absoluten Schutz. Ich weiß, dass alle Kirchengemeinden und Einrichtungen von Kirche und Diakonie auf einem sehr guten Weg sind, den besten Schutzraum zu schaffen. Es finden Schulungen für sämtliche haupt- und nebenamtliche Arbeitsbereiche statt. Kirchenkreise haben Vertrauenspersonen benannt, das erweiterte Führungszeugnis ist mittlerweile in den meisten Arbeitsbereichen Standard und Schutzkonzepte sind oder werden erarbeitet. An dem Fachtag „Denn das Gute ist so nah…“ kann man erkennen, wie sich die unterschiedlichen Arbeitsgebiete von Kirche und Diakonie zusammenfügen und alle gemeinsam an dem Ziel der „Sicheren Orte“ arbeiten.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 11. September 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 16. September 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 12.09.2013



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