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Superintendenten Horst Hörpel leitet die Andacht für Paul Schneider, der hier auf dem Dickenschieder Friedhof vor 75 Jahren beerdigt wurde. Superintendent Horst Hörpel leitet die Andacht am Grab von Paul Schneider, der hier auf dem Dickenschieder Friedhof vor 75 Jahren beerdigt wurde

Gedenken mit Ministerpräsidentin und Präses

"Gott mehr gehorchen"

Zum 75. Jahrestag der Beisetzung von Pfarrer Paul Schneider haben die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und der rheinische Präses Manfred Rekowski den "Prediger von Buchenwald" als herausragende Persönlichkeit gewürdigt.

Paul Schneider (1897-1939) Paul Schneider (1897-1939)

Paul Schneider habe mit seiner kritischen Haltung zum nationalsozialistischen Regime auf dem Hunsrück nicht allein gestanden, sagte die Ministerpräsidentin am Montagabend bei der Gedenkveranstaltung im Hunsrückort Dickenschied. Schneider, der am 18. Juli 1939 als erster evangelischer Pfarrer von den Nazis im KZ Buchenwald ermordet worden war, wurde am 21. Juli vor 75 Jahren in seinem Heimatort beigesetzt.

Mehrfach habe Schneider die Entscheidung getroffen, Gott mehr zu gehorchen als den nationalsozialistischen Machthabern oder den linientreuen Christen, sagte Rekowski in einem anschließenden Gedenkgottesdienst. Das habe Konsequenzen für Paul Schneiders Leben, das Leben seiner Familie und seiner Gemeinde gehabt.

v.l.: Präses Rekowski, Ernst Schneider, Landtagspräsident Joachim Mertes, Superintendent Hörpel, Karl-Adolf Schneider und Lebensgefährtin, Ministerpräsidentin Dreyer, Michael Maurer (Staatskanzlei), Enkel Jürgen Schneider und im Original Ehepaar Vorster. v.l.: Präses Rekowski, Ernst Schneider, Landtagspräsident Joachim Mertes, Superintendent Hörpel, Karl-Adolf Schneider und Lebensgefährtin, Ministerpräsidentin Dreyer, Michael Maurer (Staatskanzlei), Enkel Jürgen Schneider und im Original Ehepaar Vorster.Download

Der Satz "man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen" sei auch heute aktuell, erklärte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Als Beispiel nannte Rekowski die Situation von Flüchtlingen, bei denen zwar Gesetze zur Anwendung kommen, aber hinter jedem Fall ein Einzelschicksal stehe. Kirche wolle zwar staatliche Gesetze und Spielregeln nicht außer Kraft setzen. "Aber es gibt auch heute Situationen, in denen geltendes Recht Menschen in Not offenkundig nicht gerecht wird". In diesen Fällen sei Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.

"Mir stockt der Atem"

Im Fall Paul Schneider habe die damalige Kirchenleitung getan, was der Staat von ihr erwartete, erinnerte Rekowski. "Mir stockt der Atem, wenn ich höre, dass der seit November 1937 ununterbrochen andauernde Aufenthalt im Konzentrationslager als Begründung für Schneiders Versetzung in den Wartestand herhalten musste."

Der Präses verurteilte scharf den Einfluss der "Deutschen Christen" in der evangelischen Kirche: "Die Grundlagen des christlichen Glaubens wurden entstellt, die jüdischen Wurzeln geleugnet und auch die christliche Ethik wurde von Goebbels und anderen als lebensfeindliches Muckertum lächerlich gemacht."

Vielfältig widerständig

Paul Schneider sei auf unterschiedliche Weise widerständig gewesen: mit öffentlichem Protest, Ignorieren staatlicher Anordnungen und öffentliche Proklamation von Unrecht und Gewalt. "Am Ende brachte es ihm am 18. Juli 1939 den Tod im KZ Buchenwald ein", sagte Rekowski.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer erinnerte ebenfalls an die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und an den Beginn der sogenannten Gleichschaltung. Viele evangelische Christen hätten diese Übergriffe des Staates auf ihre Kirche abgelehnt, aber bei weitem nicht alle.

Willfährig gejubelt

Die "Deutschen Christen" hätten den Nationalsozialisten willfährig zugejubelt und ihr kirchliches Leben nach dem Führerprinzip organisiert, sagte die Ministerpräsidentin. Heute gebe es viele Herausforderungen für Kirche und Staat. Das heutige partnerschaftliche Verhältnis gewährleistete, dass "wir unseren Dienst zum Wohle aller umso wirksamer leisten" können.

Unter den vielen Teilnehmenden des Gedenkens waren auch Paul Schneiders vier noch lebende Kinder. Groß auch war die Teilnahme damals, vor 75 Jahren. Mehrere hundert Pfarrer aus ganz Deutschland folgten im Talar dem Sarg. So wurde die Beerdigung des "Predigers von Buchenwald" ein deutliches Zeichen der Bekennenden Kirche im NS-Staat.

Das Gedenken an Paul Schneider am Tag der Beerdigung mit Andacht, Diskussion über "Staat und Politik" und Gottesdienst war Teil einer Veranstaltungsreihe des Kirchenkreises Simmern-Trarbach zur Reformationsdekade unter dem Motto "Reformation und Politik". Bereits am Freitag, am Jahrestag der Ermordung Paul Schneiders, war seiner in Buchenwald und Weimar gedacht worden.

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 21. Juli 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 22. Juli 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Dieter Junker, epd-West / 21.07.2014



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