Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-42/CC-BY-SA Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1970-083-42/CC-BY-SA

Novemberpogrome vor 75 Jahren

Damals begann die Shoa

Gedenken, das mehr ist als neutrale Erinnerung: Zum bevorstehenden 75. Jahrestag der NS-Pogrome gegen Jüdinnen und Juden vom 9. auf den 10. November 1938 ein Interview mit dem rheinischen Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialag, Dr. Volker Haarmann.

Dr. Volker Haarmann Dr. Volker Haarmann

In diesem Monat jähren sich die Novemberpogrome von 1938 zum 75. Mal. Aus der antisemitischen Diskriminierung der Jahre zuvor wurde an diesen Tagen das gewaltsame Programm zur Vernichtung jüdischen Lebens in der Shoa. Was wissen wir heute über das Ausmaß der Pogrome?

Wenn man sich zunächst nur noch einmal die Zahlen bewusst macht, wird das schockierende Ausmaß der Gewalt deutlich: Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung beteiligten sich aktiv an den Ausschreitungen, das heißt ein Großteil der jungen Männer zwischen 25 und 45 Jahren waren beteiligt. Fast alle Synagogen in Deutschland - mehr als 1.400 - wurden in den Tagen um den 9. November 1938 in Brand gesteckt. 7.500 Geschäfte wurden geplündert. 20 Prozent der männlichen jüdischen Bevölkerung in Deutschland befanden sich im November 1938 in Haft. Bis zu 1.500 Todesopfer sind nach heutigem Wissenstand anzunehmen.

Mittlerweile sind sie nur noch wenige betagte Menschen, aber noch können Opfer und Augenzeugen vom November 1938 erzählen. Was erfahren wir von ihnen?

Für mich gehört ein Gespräch mit einer jüdischen Familie in den USA zu einem der besonders bewegenden Kontakte mit Überlebenden von damals: Die Großmutter erzählte, wie sie im November 1938 von dem nichtjüdischen Hausmeister in einen Teppich eingerollt wurde und so versteckt aus dem Haus getragen worden war. Nur sehr knapp entkam sie der Shoa. Ihr Sohn erzählte, wie sehr trotz dieser schrecklichen Erfahrungen die deutsche Prägung seiner Eltern auch in seiner Erziehung in den USA für ihn wichtig blieb. Und einer der Enkel berichtete schließlich, wie er als Student für einen mehrjährigen Forschungsaufenthalt nach Berlin kam und wie sehr er seinen Aufenthalt dort genossen hat. Berlin ist ja heute unter Israelis eines der beliebtesten Ziele, wenn sie ihr Land verlassen. Wie wenig selbstverständlich das ist, müssen wir uns auch angesichts von 75 Jahren Gedenken an die Pogromnacht immer wieder bewusst machen! Darin liegt auch eine große Verantwortung für uns heute.

Worin sehen Sie diese Verantwortung gegenüber jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern heute, die Sie ansprechen, im Besonderen?

Die Debatte, die im vergangenen Jahr um die Beschneidung geführt wurde, erschrickt: Dass ein Verbot der Beschneidung beinahe wieder jüdisches Leben in Deutschland unmöglich gemacht hätte, wurde bei vielen ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf genommen... Es ist sehr nachvollziehbar, wie verunsichernd diese Erfahrung für viele Juden in Deutschland gewesen sein muss. Gegen die dahinter stehenden antijüdischen (und anti-muslimischen) Vorurteile und gegen solche Angriffe aufzustehen, das ist unsere Verantwortung heute.

Über das Wachhalten des geschichtlichen Wissens hinaus – was heißt Erinnern theologisch?

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ – so steht es auf einer Tafel am Ausgang der Holocaust-Gedenkstätte Yad VaShem in Jerusalem und so wird der jüdische Gelehrte Baal Shem Tov zitiert. Dabei muss man eigentlich genauer aus dem Hebräischen übersetzen, um die Aussage richtig zu verstehen. Es geht nämlich, sieht man sich das Hebräische Wort für „Erinnerung“ einmal an, nicht um ein bloßes und möglicherweise neutrales „erinnern“ von Vergangenem. „Sachor“ bedeutet „gedenken“, meint in der Hebräischen Bibel aber auch „Fürsorge tragen für etwas“, „sorgen für jemanden“. Gott „gedenkt“ des Menschen, heißt es im Psalm 8. Und Gott nimmt sich damit des Menschen an. Nicht die neutrale Erinnerung, sondern das Gedenken, das sich selber mit hineinziehen lässt, ist das Geheimnis der Erlösung.

Erinnern kann mahnen: Tu Deinen Mund auf für die Stummen. So heißt die Arbeitshilfe zum 75-jährigen Gedenken an die Novemberpogrome 1938, die auch die Evangelische Kirche im Rheinland mit herausgegeben hat. Was ist ihr Ziel?

Die Arbeitshilfe stellt biblische Texte in den Mittelpunkt, die sich um „Widerstand und Zivilcourage“ drehen. Nicht nur das Erschrecken über die Ausmaße der damaligen Gewalt gegen Jüdinnen und Juden soll in den Gemeinden ins Bewusstsein gerufen werden. Es geht um einen sehr aktuellen Impuls, sich gegen Unrecht und Gewalt zu stellen. So wie die mutigen Hebammen, von denen im Zweiten Buch Mose erzählt wird. Sie haben die Kinder der Israeliten lieber versteckt, als sie zu töten, wie es eigentlich vom Pharao befohlen worden war. Sie haben Widerstand geleistet und sich nicht an Gewalt und Mord beteiligt.

Literatur-Empfehlung: Raphael Gross, November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe, München 2013

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 5. November 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 6. November 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 06.11.2013



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung