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Einer von 750: Der Neusser Werner Sauer ist Prädikant. Einer von 750: Der Neusser Werner Sauer ist Prädikant.

Prädikantinnen und Prädikanten

Weil ihn biblische Texte faszinieren

„Diese Ordination gehört zu dem Bewegendsten in meinem ganzen Leben. Wir waren alle ergriffen – sowohl die, die ordinierten, als auch die, die ordiniert wurden.“ So beschreibt ein Zeitgenosse das Ereignis, das sich an Erntedank zum 70. Mal jährt. 

Diese Worte wählte Hermann Lutze (1903-1987) für die erste Ordination von Predigthelfern. Das war an Erntedank 1944 in der Wichlinghauser Kirche in Wuppertal. Elf Männer aus Barmen, zwei aus Elberfeld knieten damals nieder, wie Lutze in seinen Erinnerungen „Halt im Wetterwind“ festhält. Mit ihrer Ordination begann „ein neuer Abschnitt in der Geschichte der evangelischen Kirche“.

Lutze hatte selbst zu dieser Premiere maßgeblich beigetragen, er war nicht nur bei der Bekennenden Kirche aktiv, sondern auch der Begründer der Predigthelferausbildung, hatte sie erdacht und geleitet. Heute heißen die Ehrenamtlichen im Predigtdienst Prädikantinnen und Prädikanten. Rund 750 wurden in den 70 Jahren ordiniert.

Priestertum aller Getauften

Das „völlig Neue“ und „vorher nie Dagewesene“, von dem Lutze auch schreibt, bestand darin, dass bis dahin „der akademisch gebildete, kirchenamtlich geprüfte und installierte Theologe allein das Feld beherrschte“. Den Namen Predigthelfer – in der Evangelischen Kriche im Rheinland vor zehn Jahren geändert – habe er nie als glücklich empfunden, so Lutze in seinen 1983 erschienenen Erinnerungen. Schließlich seien diese Ehrenamtler „gar keine Helfer“, sondern Prediger, die ganze Gottesdienste leiten, auch Abendmahlfeiern.

Dass Reformator Martin Luther das „Priestertum der Gläubigen“, das Priestertum aller Getauften entdeckt hatte, erklärt maßgeblich die Idee der Ordination von Predigthelfern bzw. Prädikanten. In der katholischen oder beispielsweise auch in orthodoxen Kirchen ist für Nichttheologen der Weg zu Altar und Kanzel bis heute versperrt.

Schon im Vorfeld der ersten Predigthelferordination, 1943, warb Lutze für die Idee der „Gemeindekirche“ statt der „Pastorenkirche“ oder „Klerikerkirche“. Kirche sei nicht Kirche, weil sie einen besonderen Pastorenstand hat, mahnte der gebürtige Kölner, der auch zu den Teilnehmenden der Barmer Bekenntnissynode 1934 gehört hatte.

Stunde der Laien

Dass aber die „Stunde der Laien“ gekommen war, so Lutze, hatte auch dramatische Gründe: Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden immer mehr Pfarrer als Soldaten in den Krieg eingezogen. Entsprechend fehlten sie in den Gemeinden. Und so erwuchs in der Not der Gedanke, Nichttheologen auszurüsten für Verkündigung und Sakramentsverwaltung.

Deshalb brachte Lutze eine zweijährige Zurüstung auf den Weg, alle zwei, drei Wochen war samstagsnachmittags Predigthelferkurs. Der Prokurist einer Kaffeefirma. Der Inhaber eines Elektrogeschäfts. Ein Jurist. Ein Meister aus einer Textilfabrik. Ein Polsterer. Lauter „gestandene Männer“, wie Lutze betont, befassten sich vor allem mit Predigt- und Gottesdienstlehre.

Zum Schluss durchliefen sie eine mündliche Prüfung, legten eine Predigt vor und mussten sie auch halten. Diese Examen nahm ihnen eine Prüfungskommission des Rheinischen Bruderrates ab. Und dann fragten die ersten Gemeinden den Dienst dieser ersten Predigthelfer auch schon ab.

Schieflage im Blick auf die Frauen

Nun hätte den Gemeinden auch anders geholfen werden können, und das trübt die Jubiläumsfreude. Schließlich gab es damals bereits zahlreiche Theologinnen, die zum Pfarrdienst in den Kirchengemeinden bereit waren. Doch bis Frauen im Pfarramt gleichberechtigt wurden, brauchte es noch rund dreißig Jahre. Die Theologin Dr. Dagmar Herbrecht, im Düsseldorfer Landeskirchenamt Kirchenrätin und Leitende Dezernentin für Theologie und Verkündigung, weist auf diese Schieflage hin: "Um die Versorgung der Gemeinden sicherzustellen, deren Pfarrer zum Kriegsdienst eingezogen waren, hat die 10. Synode der Bekennenden Kirche der Altpreußischen Union 1941 beschlossen, theologisch nicht ausgebildete Männer zu ordinieren, ohne jegliche Einschränkungen. Die gleiche Synode hat die Ordination der theologisch voll ausgebildeten Vikarinnen vorläufig untersagt. "

Die Installation der Predigthelfer überdauerte die Notsituation des Zweiten Weltkriegs. Heute gibt es gleichermaßen Pfarrerinnen und Prädikantinnen. Die Zurüstung der Prädikantinnen und Prädikanten dauert weiterhin zwei Jahre, nur beruflich in der Kirche Mitarbeitende werden nach einem Jahr ordiniert. Sie alle treffen sich jährlich beim Rheinischen Prädikantentag.

Bereichernde Vielfalt

Bärbel Krah, heutige Landespfarrerin in der Arbeitsstelle Prädikantinnen und Prädikanten, ist überzeugt, dass es die Gottesdienstkultur bereichert, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Berufen am Verkündigungsdienst beteiligen.

Ulrich O. Bauer, pensionierter Oberstleutnant der Bundeswehr aus Köln, Vorsitzender des Sprecherkreises der ehrenamtlichen Prädikantinnen und Prädikanten, findet, dass sie bis heute einen wichtigen Dienst in der rheinischen Kirche leisten, „um die gute Botschaft zu verkündigen und einen vielfältigen, jedem Menschen eigenen Blick auf unseren Herrn Jesus Christus und den trinitarischen Gott erklärend zu verdeutlichen und den Glauben zu fördern“.

Werner Sauer, Gerichtsvollzieher aus Neuss, hat einmal erklärt, dass ihn biblische Texte faszinieren. Als Presbyter gestaltete er regelmäßig Andachten, dann wurde er Prädikant.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 1. Oktober 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 9. Oktober 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu, Foto: ekir.info/Jens Bielinski-Gärtner / 01.10.2014



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