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Der 'Trauerort' neben der Berger Kirche in Düsseldorf ist ein religiöser Ort, an dem Flüchtlinge ihr Leid klagen können. Der "Trauerort" neben der Berger Kirche in Düsseldorf ist ein religiöser Ort, an dem Flüchtlinge ihr Leid klagen können.

Bundesfachtagung "Flüchtlingsarbeit im Täterland"

Vom Weggucken zum Hingucken

Viele Menschen in Deutschland haben einen familiären Bezug zur NS-Geschichte. Dies kann das heutige Handeln, auch in der Flüchtlingsarbeit, beeinflussen. Darüber gab die Tagung "Flüchtlingsarbeit im Täterland" in Düsseldorf genaueren Aufschluss. 

Flüchtlingsarbeit ist ein Thema, das in letzter Zeit immer wichtiger wird. Durch den Krieg in Syrien und im Irak kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland. Die, die mit den Flüchtlingen zu tun haben, haben oft Eltern oder Großeltern, deren Vergangenheit von dem NS-Regime beeinflusst wurde. Eva van Keuk, Mitorganisatorin der Bundesfachtagung der Psychosozialen Zentren der Flüchtlinge und Folteropfer, erklärt: „Es gibt so viele Flüchtlinge auf der Welt wie seit dem Ende des 2.Weltkriegs nicht mehr.“

Sie erzählt von einer Richterin, die als Kind nachts von den Schreien des traumatisierten Vaters aufwachte, der jedoch nie über seine Gefangenschaft im Lager reden konnte. Die Richterin hatte dadurch dann, wenn ein Flüchtling über seine eigene Gefangenschaft in einem Lager reden kann, das Gefühl, dass der Flüchtling die Unwahrheit sagt. 

Dr. Tanja Hetzer ist Historikerin, Coach und Supervisorin. Dr. Tanja Hetzer ist Historikerin, Coach und Supervisorin.

Historische Verantwortung nicht ignorieren

Das ist aber kein Einzelfall: Tanja Hetzer, Referentin zum Thema "Umgang mit Täterschaft in familiären und gesellschaftlichen Kontexten", erzählt von einer Frau, die in der Zeitschrift „Spiegel“ ihre Mutter auf einem Foto von ehemaligen KZ-Wärterinnen wiedererkannte. Die Kinder von NS-Tätern kann so etwas in ein tiefes moralisches Dilemma stürzten.

Auch im aktuellen Beispiel der Asylverschärfung gibt es Parallelen zur Flüchtlingsarbeit. Barbara Eßer, weitere Mitorganisatorin der Tagung, sagt: „Ein aktueller Bezug der NS-Vergangenheit zu der Flüchtlingsarbeit heute ist die Ignoranz gegenüber der erlittenen Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus."

Trotz der katastrophalen Situation von Roma infolge massiver Diskriminierung und zum Teil auch Schutzlosigkeit vor gewaltsamen Übergriffen in Serbien und Mazedonien sollen diese per Gesetz als sichere Herkunftsländer eingestuft werden. Eßer: "Deutschland ignoriert damit die auch historisch begründete Verantwortung, den vor Gewalt und rassistischer Diskriminierung fliehenden Roma Schutz zu gewähren.“

Prof. Dr. Astrid Messerschmidt ist Erziehungswissenschaftlerin und Erwachsenenbildnerin. Prof. Dr. Astrid Messerschmidt ist Erziehungswissenschaftlerin und Erwachsenenbildnerin.

Differenziert auseinandersetzen

Prof. Dr. Astrid Messerschmidt von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe ging in ihrem Vortrag auf die erforderliche Unterscheidung der Shoah und des Völkermordes an den europäischen Sinti und Roma im Gesamtkomplex der NS-Verbrechen ein. Angesichts des aktuellen inflationären Gebrauchs des Genozidbegriffes betonte sie die Bedeutung einer differenzierenden Auseinandersetzung.

Messerschmidt ist der Überzeugung, dass diejenigen, die nach dem Nationalsozialismus geboren wurden, keine Schuld im persönlichen Sinne haben, sie jedoch die allgemeine gesellschaftliche Verantwortung für den Umgang mit den Folgen der NS-Geschichte teilen. Dagegen laufe der Appell, dass sich so etwas nie mehr wiederholt, ins Leere. Auch wenn sich Auschwitz nicht wiederholt, so habe doch in der Zwischenzeit vieles stattgefunden, was Analogien zu den Verfolgungspraktiken im NS aufweist, ohne damit identisch zu sein.

„Die Metapher Israel wird benutzt, um sich antisemitisch zu äußern ohne das Wort „Jude“ zu sagen.“ Zwar sei Israelkritik nicht immer antisemitisch, jedoch der israelbezogene Antisemitismus in der bürgerlichen Mitte verankert, so dass man es nicht als ein Problem von Migrantengruppen auffassen soll. Menschen, die sich biographisch mit dem Raum des Nahen Ostens verbunden sehen, äußerten diesen Antisemitismus in verschärfter Weise, so Messerschmidt.

Projektion übertüncht reale Probleme

„Es werden dabei Muster benutzt, die zu der längeren Geschichte des Antisemitismus gehören, insbesondere die Verdächtigung, dass Juden einflussreiche Akteure im Hintergrund der Weltpolitik seien.“ Der Konflikt im Nahen Osten werde somit zu einer Projektionsfläche, die realen Probleme in den Hintergrund gerückt.

Die NS-Vergangenheit von Familien ist in der Flüchtlingsarbeit und in der Gesellschaft ein noch zu unterschätztes Thema. Laut Tanja Hetzer gaben in einer Umfrage 2002 nur ein Prozent der Befragten an, dass sie es für möglich hielten, dass eigene Angehörige direkt an NS-Verbrechen beteiligt gewesen seien. Es glauben auch nur vier Prozent, dass die Angehörigen dem Nationalsozialismus eher positiv gegenübergestanden hätten. Dies stimme, so Hetzer, allerdings nicht mit dem historischen Wissen um die aktive Beteiligung von damals überein.

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ekir.de / rd / 27.10.2014



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