EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei ihrer Kanzelrede in der Trierer Konstantin-Basilika. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei ihrer Kanzelrede in der Trierer Konstantin-Basilika.

Reformationstag 2014

Kirche als Weggefährtin, Kirche als Anwältin für Rechtlose

Um Fragen von Kirche und Politik drehten sich die Kanzelreden und Predigten bei den Reformationsfeiern 2014 in Bonn, Essen, Trier und Saarbrücken. Die Kirche solle den Menschen und der Politik verlässliche Weggefährtin sein, so Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Kirche als verlässlicher Weggefährte – Ministerpräsidentin Malu Dreyer hält Kanzelrede in Trier

In ihrer Kanzelrede in der Trierer Konstantin-Basilika schlug die Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, einen Bogen durch die Geschichte und nannte neben der Reformation durch Martin Luther unter anderem auch den Fall der Berliner Mauer als prominente Beispiele für das Aufeinandertreffen von Kirche und Politik. Dreyer betonte: „Die Kirche hat viel zu sagen. Die Kirche soll den Menschen ein verlässlicher Weggefährte sein – und wie ich betone möchte, auch der Politik.“

Kirche müsse Orientierung bieten – auch in außergewöhnlichen Situationen. „Was aber, wenn Männer und Frauen der Kirche gefragt sind als Ratgeber? Luther war ja ein prominentes Beispiel, als er seinem Gewissen folgte gegen den Widerstand von oben.“

Aber auch nach Luther hätten viele „nicht den leichten Weg gewählt“ – Dreyer nannte unter anderem Dietrich Bonhoeffer und Paul Schneider. „Sie bleiben über ihren Tod hinaus leuchtende Vorbilder des lebendigen Glaubens. Deswegen ist es wichtig für uns Christinnen und Christen, die wir uns in der Gesellschaft orientieren, uns an diesen Vorbildern zu orientieren.“

Für den Fall der Berliner Mauer entscheidende Persönlichkeiten wie Pfarrer Christian Führer oder der Theologe Friedrich Schorlemmer nannte Dreyer „Visionäre und Handwerker zugleich“, die über Jahre bereits die Saat des Gewissen und des Glauben ausgebracht hätten. Der Beitrag der evangelischen Kirchen zum Mauerfall sei historisch, so die Ministerpräsidentin: „Ein wichtiges Beispiel, wie wichtig es ist, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.“

Aber nicht nur im Rückblick betonte Dreyer die Bedeutung des aufeinander Hörens: „Ich lege großen Wert auf den Dialog mit den Kirchen des Landes.“ Dabei gebe es natürlich auch Reibungen, so Dreyer weiter. „Jeder hat seine Rolle, seinen Auftrag, seine Zielsetzungen – und nicht immer sind es die gleichen.“ Beispielhaft nannte sie die Frage des Sonntagschutzes, zu der es durchaus unterschiedliche Stimmen aus der Gesellschaft gebe. „Um so wichtiger, dass Kirche sich einbringt“, so Dreyer.

Subsidiaritätsprinzip, Diakonie und Sozialpolitik waren weitere Schlagworte hinsichtlich des Auftrags der Kirchen: „Wie gut, dass es hier Vielfalt gibt, wie gut, dass es hier Kirche gibt, und dass Kirche ihren Auftrag hier sehr ernst nimmt.“ Kirche sei ein guter Bündnispartner, wenn es darum gehe, der Entsozialisierung entgegen zu treten, so Dreyer weiter. Dazu gehöre beispielsweise auch das Engagement in der Flüchtlingspolitik – das Einbringen der Kirche sei entscheidend für einen humanen Umgang.

Abschließend appellierte die Ministerpräsidentin noch einmal an das Gemeinsame von Politik und Kirche: „Lassen wir uns nicht entmutigen. Unterstützen wir uns in Kirche und Politik gegenseitig. Ziehen wir die richtigen Lehren aus unserer Geschichte und gestalten wir gemeinsam Zukunft.“

Es sei gut, dass die evangelische Kirche sich so intensiv mit dem Reformationsjubiläum beschäftigte: „Es ist fruchtbar für uns alle, sich mit dieser wichtigen Epoche zu beschäftigen.“ Eine afrikanische Weisheit besage, dass viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun können, um das Gesicht der Welt zu verändern. „Helfen wir mit, das Gesicht der Welt zu verändern. Helfen wir mit, ihr täglich ein menschliches Antlitz zu geben.“

Kirche soll sich politisch einmischen: Generalsekretärin des Kirchentags predigte in Bonn

Die Evangelische Kirche soll sich nach Worten von Kirchentags-Generalsekretärin Dr. Ellen Ueberschär politisch einmischen. Angesichts der weltpolitischen Lage, aber auch antisemitischer Äußerungen im Lande brauche es immer wieder Wächter, die den Menschen mit Gott unablässig in den Ohren liegen, sagte die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in der zentralen Reformationsfeier des Kirchenkreises Bonn. "Das Theologische ist auch immer politisch", unterstrich die Theologin aus Fulda in dem Gottesdienst zum Reformationstag.

Wächter-Orte seien wichtiger denn je, erklärte Ueberschär. "Wachrüttelnde, klärende Debatten finden sicher in Gemeinden statt, aber sie werden auch geführt auf Kirchentagen und in den Evangelischen Akademien", sagte Ueberschär angesichts der Sparvorschläge der rheinischen Landeskirche, die auch die landeskirchliche Akademie in Bonn betreffen. Kirchentage und Evangelische Akademien seien Wächter-Orte und wache Orte, an denen die politischen Auswirkungen theologischen Denkens hochgehalten würden.

Kirche muss Anwalt für Arme und Rechtlose sein: Prof. Raiser sprach in Essen

Die aktuelle Kirchenasyl-Bewegung ist nach Auffassung des früheren Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Prof. Dr. Konrad Raiser, ein wichtiger Beitrag der Kirchen für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte. Es sei ein zentraler Auftrag der Kirchen weltweit "Anwalt zu sein für die Rechtlosen und Armen", sagte Raiser am Reformationstag bei der Reformationsfeier des Kirchenkreises Essen.

Die ökumenische Grundüberzeugung von der Option für die Armen habe "angesichts der Misere von Tausenden von weitgehend recht- und stimmlosen Flüchtlingen und Asylsuchenden" in Deutschland eine sehr berechtigte Zuspitzung erfahren, sagte Raiser weiter, der bis 2003 zehn Jahre lang an der Spitze des ÖRK in Genf stand. Das Engagement für die Armen sollte sich nach Überzeugung des 76-Jährigen nicht nur karitativ etwa durch Einrichtungen der Diakonie äußern, "sondern gegebenenfalls auch in kritischer Einmischung in politische Entscheidungen".

Wegen der lutherischen Tradition einer Trennung von Thron und Altar hätten sich viele Kirchen lange Zeit schwer getan mit einem "kritischen, prophetischen Mandat der Kirche", räumte der frühere Bochumer Theologieprofessor ein. Es sei ein langer Lernprozess gewesen, dessen Stationen über die Monarchie und den Nationalsozialismus bis in die heutige Zeit reiche. Als Ausdruck für die mittlerweile selbstverständliche Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung der Kirche nannte Raiser die zahleichen Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wie etwa die viel beachtete Ostdenkschrift von 1965.

Im Gegensatz zur realen Macht der Politik hätten die Kirchen nur eine "symbolische Macht", sagte Raiser. Er forderte dazu auf, Reichweite und Grenzen der jeweiligen Machtansprüche im öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft immer wieder neu zu bestimmen. Die Reformationsfeier im Katernberger Bergmannsdom stand unter dem biblischen Motto "Tue deinen Mund auf für die Stummen!"

Freiheitsbotschaft der Reformation ist Anstoß und Verpflichtung: Prof. Ulrich Sarcinelli sprach bei der zentralen Reformationsfeier in Saarbrücken

„Wir, die wir durch die Reformation zur Mündigkeit berufen sind, müssen wieder lernen, über den richtigen Weg zu streiten, uns einzumischen und Verantwortung zu übernehmen in der Kirche, in der Gesellschaft und in der Politik, müssen lernen, die reformatorische Botschaft von der Freiheit des Christenmenschen als Auftrag zu verstehen“, sagte Prof. em. Dr. Ulrich Sarcinelli (Landau) bei der zentralen Reformationsfeier der Evangelischen Kirchenkreise an der Saar in der Saarbrücker Johanneskirche.

Heute seien Gleichgültigkeit und Rückzug eines der größten Probleme. Desinteresse und Verdruss hätten sich in unserer Republik breit gemacht, auch in den Kirchen. „Die kommen mir manchmal wie ratlose Riesen vor“, betonte der Politikwissenschaftler in seiner Kanzelrede. Kirche und Gesellschaft brauchten diskursfähige Christen und mutige Protestanten. Die Freiheitsbotschaft der Reformation sei Anstoß und Verpflichtung zugleich, für Freiheit in Verantwortung zu wirken, hier und in der Welt, heute und auch in Zukunft.

„Die Reformation hat einen deutlichen Einfluss nicht nur auf die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Deutschlands und Europas genommen, sondern auf die politische Entwicklung,“ sagte Superintendent Christian Weyer in seiner Begrüßung. „Die innerkirchliche Reformbewegung, als die sich die Reformation ja zuerst verstand, hat schließlich dazu geführt, dass demokratisches Denken in die Kirche Einzug halten konnte.“ Von dort aus habe es dieses Denken auch das Gemeinwesen geprägt, so Weyer.

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 3. November 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 3. November 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / hp, roe, epd-West / 31.10.2014



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.