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Prof. Dr. Cornelia Richter Das Augenmerk auf Ressourcen lenken: Prof. Dr. Cornelia Richter.

Tagung und Ringvorlesung zum Thema Resilienz

Nach schwerer Krise unerwartet stabil weiterleben

Was macht der Mensch mit seiner Ohnmacht, mit seiner Angst, Verzweiflung oder Trauer? Wie individuell unterschiedlich Krisen bewältigt werden, ist Inhalt der Resilienzforschung. Darum geht es jetzt in Köln bei einer Ringvorlesung und einer Tagung. Ein Interview.

Im ekir.de-Interview erläutert Cornelia Richter, Professorin für Systematische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, Grundfragen zum Thema Resilienz.

Was besagt der Begriff Resilienz?

Resilienz ist eine Fähigkeit und eine Haltung, die es manchen Menschen ermöglicht, nach schweren Krisen unerwartet stabil weiterzuleben. Ich verdeutliche das gerne am Bild eines Stehaufmännchens: Es gibt Menschen, die nach einem Schicksalsschlag schnell und scheinbar aus sich selbst heraus wieder auf die Beine kommen. Andere wirft eine Krise dagegen komplett aus der Bahn. Die Resilienzforschung beschäftigt sich damit, welche Voraussetzungen eigentlich dazu beitragen, dass einige Menschen sich von Schicksalsschlägen schneller erholen als andere. Und wie Menschen möglicherweise lernen könnten, kommende Krisen zu überstehen.

Resilienz ist derzeit ein gängiges Schlagwort. Ist die Forschung neu?

Die Forschung ist nicht neu, sie begann vor 40 Jahren. Damals begleitete die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner für eine Langzeitstudie fast 700 Kinder auf einer hawaiianischen Insel. Das Leben dieser Kinder war von Armut, Vernachlässigung und Gewalt geprägt. „Die haben keine Chance“, war die landläufige Meinung. Doch ein Drittel der Kinder hat es geschafft, sich ein gutes Leben aufzubauen und eine stabile Persönlichkeit zu entwickeln.

Woran lag das?

Dies herauszufinden, ist bis heute Ziel der Resilienzforschung. Es gibt unterschiedliche Theorien. So könnte das bessere Bewältigen einer Krise genetisch und aus der psycho-physischen Konstitution heraus bedingt sein. Eine andere Erklärung besagt, dass die Kinder, die sich stabil entwickelt haben, eine empathische Bezugsperson in der Familie, in Kindergarten, Schule oder Nachbarschaft gefunden hatten. Eine dritte Erklärung zielt darauf, dass ihre Resilienz erlernt sein könnte – so wie sich auch andere Verhaltensstrategien von Menschen erlernen lassen könnten.

Dieses Lernen durch Krisen scheint derzeit in Mode zu sein?

Ja, zurzeit werden zahlreiche Bücher und Schulungen zur Krisenbewältigung angeboten. Mir fällt auf, dass viele davon als Seminare für Manager und andere Interessierte aus anspruchsvollen Beschäftigungsverhältnissen angeboten werden. Da beobachte ich allerdings auch negative Tendenzen: Denn oft geht es dabei schlicht ums Geldverdienen.
Zudem wird bei vielen Angeboten nach dem Motto „Scheitern, aber richtig“ suggeriert, dass es jede und jeder schaffen kann, eine Krise zu bewältigen und auch noch einen Nutzen aus ihr zu ziehen. Das ist fatal, weil damit dem Einzelnen sogar noch das Scheitern zur eigenen Gestaltung als Last aufgebürdet wird.
Außerdem wird dabei vergessen, dass wir nur anhand schwerer Krisen wie Tod, Trennung, Krieg, Flucht und dergleichen wissen, ob ein Mensch resilient ist oder nicht. Es wäre daher sicherlich vielen Menschen lieber, sie wüssten gar nicht, ob sie resilient sind oder nicht, wenn ihnen dadurch die Krise erspart geblieben wäre.
Bei einem Management-Seminar lassen sich sicherlich resilienzfördernde Haltungen wie Achtsamkeit, Gelassenheit und das Loslassen einüben. Doch echte Krisenszenarien lassen sich zum Glück nicht inszenieren.

Wie bringen einen Menschen denn persönliche Krisen weiter?

Das lässt sich nicht verallgemeinert beantworten. Es ist zynisch, wenn wir erschütterten Menschen sagen: „Da musst Du durch“ oder „Wer weiß, wofür es gut ist …“ Ganz gefährlich wird es, wenn eine Krise gar als Strafe oder Prüfung durch Gott bezeichnet wird – und zwar von denen, die neben dem gebeutelten Menschen stehen und zu wissen meinen, was Gott dazu zu sagen habe.
Stattdessen geht es um den Beistand: Wir können keinem Menschen die Erfahrung seiner Angst, Ohnmacht und Verzweiflung abnehmen – auch nicht deren Deutung und Einordnung in das eigene Leben. Manche haben tatsächlich eigene Ressourcen, die ihnen helfen, Krisen zu überstehen. Andere sollten sich professionelle Begleitung bei Notfallseelsorge, Pfarrerinnen und Pfarrern, Klinischen Psychologen oder Palliativfachkräften suchen.

Hilft der Glaube bei der Bewältigung von Krisen?

Das ist eine Frage, die bei unseren anstehenden Veranstaltungen mit im Fokus steht. Der Glaube und die Spiritualität scheinen vielen Menschen zu helfen, doch wie und warum genau, das ist bisher noch nicht wissenschaftlich aufgeschlüsselt worden.
Wie in den Klagepsalmen oder bei Hiob bietet die Bibel den Christen auf jeden Fall vorformulierte Sprachmuster als erstes Ventil für Schmerz und Angst. Diese Texte machen deutlich, dass man Gott die eigene Verzweiflung vor die Füße werfen darf und das Recht zur Klage und zum Jammern hat. Es hilft uns einzelnen Christen und auch der Gemeinschaft in einer Kirchengemeinde dann im nächsten Schritt weiter, wenn wir nicht im erstarrten Blick auf die Defizite gefangen bleiben, sondern das Augenmerk auf unsere Ressourcen richten und fragen: Was können wir? Wer kann uns helfen? Was bedeutet es, in diesem schweren Leben auf Gott vertrauen zu dürfen?

Literaturtipps für Laien von Prof. Dr. Cornelia Richter
Ch. Berndt: Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft
, München, 4. Auflabe 2015

R. Welter-Enderlin/B. Hildebrand (Hrsg.): Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände
, Heidelberg 2012

M. Rönnau-Böse/K. Fröhlich-Gildhoff: Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne
, Stuttgart 2015

Tod und Sterben. Pastoraltheologie – Monatsschrift für Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, 103. Jahrgang, 2014/9, mit Beiträgen von C. Richter, E. Hartlieb, Chr. Bernschein, D. Lienau, Göttingen 2014

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ekir.de / Sabine Eisenhauer, Foto: privat / 16.10.2015



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