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'Restlicht' heißt die Skulptur von Werner Mally, zurzeit in Köln auf dem Albertus-Magnus-Platz auf dem Uni-Gelände zu sehen. "Restlicht" heißt die Skulptur von Werner Mally, zurzeit in Köln auf dem Albertus-Magnus-Platz auf dem Uni-Gelände zu sehen.

Skulptur „Restlicht“

Gedenken in stählerne Haut tätowiert

„Ist das eine Bushaltestelle?“, fragt der Student und nähert sich der stählernen Platte, die auf dem Albertus-Magnus-Platz vor der Universität in Köln von vier Stützen getragen wird. 

„Vielleicht eine neue Unterstellmöglichkeit für Fahrräder“, mutmaßt ein Kommilitone. Doch dann entdecken die jungen Männer die Löcher im Dach der Gedenkskulptur und identifizieren sie als Jahreszahlen. Wie tätowiert sind in die vier Mal vier Meter große stählerne Haut des Kunstwerks die Jahreszahlen von 1938 bis 1945 eingebracht – im Gedenken an die Zeit von der Pogromnacht im nationalsozialistischen Deutschland bis zur Befreiung der Überlebenden in den Konzentrationslagern zum Ende des Zweiten Weltkriegs. „Restlicht“ lautet der Titel der mobilen Gedenkskulptur des 1955 im tschechischen Karlovy Vary geborenen Bildhauers Werner Mally.

Sie war unter anderem in der Schweiz, in Lichtenstein, in Berlin und München zu sehen und ist jetzt noch bis 14. Juni vor der Kölner Uni ausgestellt. Dorthin haben sie die Evangelische Kirchengemeinde Köln-Lindenthal, der Evangelische Kirchenkreis Köln-Mitte, die Melanchthon-Akademie und die Universität Köln geholt.

Licht schreibt auf den verschatteten Raum

„Die Skulptur ist bewusst lichtdurchlässig“, erklärt Armin Beuscher, Pfarrer der Kirchengemeinde Köln-Lindenthal. Das durch die Bohrungen fallende Licht der wandernden Sonne schreibe Zahlen auf Beobachter und Umgebung. „Es entsteht eine Be- und Er-Leuchtung des verschatteten Raumes der Holocaust-Geschichte.“ Und mit ihr sollen sich die Menschen am jeweiligen Standort auseinandersetzen.

Der öffentliche Platz vor der Hochschule sei daher bewusst gewählt worden, sagt Pfarrer Beuscher. Hier treffe die Skulptur auf die Generation der Enkel und Urenkel der damaligen Akteure, und die lebten nun eine neue Form der Erinnerungskultur: „Die jungen Leute fahren mit dem Fahrrad darunter her, sie bleiben stehen und machen Handyfotos.“

Mehr als 30 Mal ist ein Text mit Fotos der Skulptur auf der offiziellen Facebook-Seite der Uni Köln geteilt worden, dieser Beitrag im sozialen Netzwerk erhielt fast 400 „Gefällt mir“-Angaben, in seinen Kommentaren kommt es zu lebhaften Diskussionen. „Muss das sein. Hat doch gar nix mehr mit unserer Generation zu tun. Es reicht im Geschichtsunterricht“, schreibt etwa User Ed Anders.

Werte wie Menschlichkeit unterstreichen

Doch Userin Solveigh Kiehne entgegnet: „Wenn man sich dieses schweren Erbes annimmt, ergeben sich neue Möglichkeiten, eine deutsche Identität zu schärfen, die auf Werten wie Menschlichkeit und Verantwortung ruht.“ Und Userin Jenny Kra meint: „Alle Studenten sollten zusätzlich aufgefordert werden, sich einmal pro Tag vor dem Monument zu verbeugen.“ Das sei auch wichtig, angesichts der Rolle, die die Uni Köln in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt habe.„Sie war die erste, die sich 1933 gleichschalten ließ, die Zahl der entlassenen Professoren lag mit 20 Prozent über dem deutschen Durchschnitt, zwei Professoren zahlten für ihre Gesinnung mit dem Leben“, beschreibt die Universität selbst auf ihrer Homepage diesen Abschnitt ihrer Geschichte.

Von einer Mitschuld der evangelischen Kirche an den Verbrechen des NS-Regimes sprach Stadtsuperintendent Rolf Domning vom Evangelischen Kirchenverband Köln und Region zur Eröffnung der Skulptur. Von den Gräueltaten trennten uns 70 Jahre, so Domning. „Das Licht, das diese Skulptur einfängt, ist so schwach, dass es uns längst nicht mehr blendet.“ Dass es jedoch längst nicht verschwunden sei, das sei die dringliche Botschaft von Mallys Kunstwerk.

Begleitprogramm zur Skulptur „Restlicht“
„Wohin, Erinnerung? Der Holocaust und die Deutschen im 21. Jahrhundert“ lautet ein Vortrag, den Prof. Dr. Habbo Knoch vom Fachbereich Neuere Geschichte der Uni Köln am Dienstag, 9. Juni, ab 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Matthäuskirche in Köln hält.
In der Matthäuskirche gibt es am Sonntag, 14. Juni, ab 11.15 Uhr einen Gottesdienst mit dem Thema „Verstümmelte Buchstaben – verwundete Worte“. Im Anschluss findet ab 12.30 Uhr die Finissage an der Skulptur auf dem Albertus-Magnus-Platz statt. 

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ekir.de / Sabine Eisenhauer / 20.05.2015



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