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Ungewisser Einsatz: Belegbare Zahlen zu Gewaltaten gegen Rettungsleute gibt es nicht. Studien weisen aber auf eine Zunahme hin und auch die Notfallseelsorge beobachtet ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit bei Rettungskräften. Ungewisser Einsatz: Belegbare Zahlen zu Gewaltaten gegen Rettungsleute gibt es nicht. Studien weisen aber auf eine Zunahme hin und auch die Notfallseelsorge beobachtet ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit bei Rettungskräften.

Gewalt gegen Rettungskräfte

Retter in Gefahr

Sie wollen helfen und werden angriffen – immer öfter erzählen Medien von Gewalttaten gegen Rettungskräfte. Hilfsorganisationen wehren sich gegen den Eindruck, dass dies an der Tagesordnung sei. Studien weisen auf eine Zunahme hin. Auch für den Leiter der rheinischen Notfallseelsorge gewinnt das Thema "deutlich an Bedeutung".

Einen Tritt in den Hintern hat Michael Zysno schon vor 20 Jahren bekommen. "Dass Menschen, vor allem unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, aggressiv auf uns reagieren, gab es schon immer", sagt der erfahrene Notfallsanitäter aus dem Hochsauerlandkreis. In den vergangenen Jahren hätten zwar Respekt und Rücksichtnahme abgenommen. „Situationen mit körperlicher Gewalt sind allerdings immer noch selten“, betont Zysno.

Berichte von brutalen Angriffen auf Rettungskräfte in der Silvesternacht, vor allem in Berlin, haben zu Jahresbeginn ein erschreckendes Bild von den Arbeitsbedingungen von Sanitätern und Feuerwehrleuten gezeichnet. Große Hilfsorganisationen wehren sich jedoch gegen den Eindruck, dass Gewalt bei Einsätzen für ihre Mitarbeiter Alltag sei.

„Nicht so dramatisch wie in den Medien dargestellt“

„Die Gewalt gegen Rettungskräfte hat zwar etwas zugenommen, aber nicht so dramatisch, wie das oft in den Medien dargestellt wird“, sagt Dieter Schlüter, Sprecher des Malteser Hilfsdienstes in Köln. Die Malteser führen eine Statistik über gemeldete Angriffe auf ihre Beschäftigten. Danach wurden 2016 bei rund zwölf Millionen Fahrten 4.450 Anzeigen wegen Gewalt gegen die Notfallsanitäter erstattet.

„Statistisch gesehen ist das ein sehr geringer Wert“, erklärt der Leiter für den Bereich Rettungsdienste beim Malteser Hilfsdienst, Michael Schäfers. Zugleich sagt er aber auch, dass die Straftaten gegen Rettungshelfer der Malteser im Vergleich zu 2015 um 17 Prozent zunahmen. Auch Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes und der Johanniter Unfall-Hilfe halten Gewalt gegen Rettungskräfte für eine Ausnahme. "Die Fälle von Gewalt bewegen sich im Promillebereich", sagt Tobias Eilers vom Landesverband Nordrhein-Westfalen der Johanniter-Unfall-Hilfe.

„Die Hemmschwelle für respektloses Verhalten sinkt

Die Beobachtungen von Landespfarrer Dr. Uwe Rieske fallen anders aus: „Gewalt gegen Rettungskräfte ist ein Thema, das deutlich an Bedeutung gewonnen hat“, sagt der Leiter der Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland, zu deren Aufgaben auch die Betreuung von Einsatzkräften gehört.

Randalieren, Handgreiflichkeiten und Pöbeleien kämen durchaus häufig vor. „Vor allem bei Einsätzen, bei denen die Rettungskräfte auf Menschen in Feierlaune treffen wie bei Festivals oder im Karneval. Da sinkt die Hemmschwelle für respektloses Verhalten“, erklärt Dr. Uwe Rieske. Auch gebe es vermehrt Fälle von Vandalismus an Einsatzfahrzeugen, zum Beispiel das gefährliche Lösen von Schrauben.

Als besorgniserregend schätzt der Leiter der Notfallseelsorge die Auswirkungen der Gewalterfahrungen auf die Gesamtverfassung der Rettungskräfte ein. Bei vielen entstehe ein subjektives Gefühl der Unsicherheit: „Ich beklage es zutiefst, dass diese Menschen, die mit hohem Engagement und nach persönlichen Maßgaben ihr Bestes tun, um Leben zu retten, dabei selbst von Unsicherheit und Angst belastet werden.“

Kirche muss sich für Rettungskräfte stark machen

Dass die  Akzeptanz von Rettungskräften abnimmt, ist für Rieske unerklärlich - und vor allem nicht hinnehmbar:  „Unsere Gesellschaft kann es sich überhaupt nicht leisten, Rettungskräfte zu verunsichern. Ich sehe uns als evangelische Kirche in der Verantwortung, uns für sie  stark zu machen. Das Thema Gewalt muss bekannt gemacht und der Entwicklung gegengesteuert werden.“ Das könne beispielweise durch Kampagnen geschehen.

Bundesweite Zahlen zur Gewalt gegen Rettungskräfte fehlen. Einige Studien weisen jedoch darauf hin, dass Aggression gegen Sanitäterinnen, Sanitäter und Feuerwehrleute häufiger vorkommt, als dies die Hilfsdienste einräumen. So ergab eine Umfrage der Ruhr-Uni Bochum unter Notärztinnen und -ärzten sowie Rettungssanitäterinnen und -sanitätern in NRW, dass ein Viertel von ihnen in den vorausgegangenen zwölf Monaten im Einsatz körperlich angegriffen wurden. Beschimpfungen und Bedrohungen waren rund 90 Prozent der Befragten ausgesetzt.

Offenbar gibt es dabei ein erhebliches Stadt-Land-Gefälle. Die Umfrage zeigt, dass gewaltsame Übergriffe in Metropolen mit mehr als 500.000 Einwohnern doppelt so häufig vorkommen wie in kleineren Städten.

Studie: Jeder zweite Retter Opfer von körperlicher Gewalt

Das bestätigt auch die Studie von Janina Lara Dressler. Für ihre Promotionsarbeit am Kriminologischen Seminar der Universität Bonn befragte die Wissenschaftlerin 2014 rund 1.600 Feuerwehrleute und Rettungssanitäter - ausschließlich in Metropolen. Die Ergebnisse der Umfragen in Berlin, Hamburg, München und Köln fallen deutlich drastischer aus als die der Wissenschaftler von der Ruhr-Universität. „Insgesamt ist etwas mehr als jeder zweite Befragte im Jahr 2014 Opfer irgendeiner Form von körperlicher Gewalt geworden“, stellt Dressler fest.

Die Kriminalwissenschaftlerin vermutet, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen. Denn viele Straftaten würden gar nicht erst angezeigt. Der Grund: Zum einen seien die Meldewege innerhalb der Rettungsdienste und Feuerwehren zu aufwendig. „Zum anderen ist aber auch das Vertrauen der Einsatzkräfte darauf, dass ihre Meldung oder Anzeige für den Täter Konsequenzen hat, niedrig.“ Mehr als 60 Prozent der von ihr untersuchten Fälle seien durch die Staatsanwaltschaft eingestellt worden. Das sorge für Frustration und Resignation bei den Einsatzkräften.

Die Fachgewerkschaft Komba NRW fordert eine Verbesserung der Meldewege und bessere Fortbildungsmöglichkeiten im Bereich Deeskalationstraining und Selbstverteidigung. Notfallsanitäter Zysno wünscht sich vor allem eine bessere Schulung im interkulturellen Bereich. Denn auch im ländlichen Hochsauerlandkreis habe er es oft mit Menschen aus fremden Kulturen zu tun: „Und da kann es leicht zu Missverständnissen kommen, die Aggressionen verursachen.“
 

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ekir.de / epd/Claudia Rometsch / red; Foto: Chalabala/fotolia.com / 02.02.2018



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