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Die Kirche in Wupperthal gehörte einst der ältesten Missionsstation der heutigen VEM. Die Kirche in Wupperthal gehörte einst der ältesten Missionsstation der heutigen VEM.

Ökumene

Heilung der Erinnerungen - Folgen aus der Apartheid-Zeit

„Warum, warum nur habt Ihr deutschen Missionare uns verlassen?“ Der alte Mann steht, mit dem Mikrofon in der Hand, im Kirchenschiff der Rheinischen Kirche in Elsiesrivier. Aus den englischen Worten, mit starkem südafrikanischem Akzent, klingen Schmerz und Trauer.

Im 19. Jahrhundert kamen rheinische Missionare hierher: Ceder-Berge in Südafrika. Im 19. Jahrhundert kamen rheinische Missionare hierher: Ceder-Berge in Südafrika.

Seine Eltern sind noch auf einer rheinischen Missionsstation aufgewachsen. „Wir werden das herausfinden“, verspricht Oberkirchenrätin Barbara Rudolph dem alten Mann. Das kann die Theologin, die auch Vizemoderatorin der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) ist.

Denn Julia Besten von der Archiv- und Museumsstiftung der VEM und Professor Hellmut Zschoch von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel sitzen auf dem Podium bei der rheinischen Kirchenkonferenz in Kapstadt und haben in einer ersten Recherche so viel Material gefunden, dass eine Doktorarbeit vergeben werden kann.

Die rheinische Konferenz in Elsiesrivier in Kapstadt thematisierte die teils tragische Geschichte der Rheinischen Kirche in Südafrika. Die rheinische Konferenz in Elsiesrivier in Kapstadt thematisierte die teils tragische Geschichte der Rheinischen Kirche in Südafrika.

Warum haben die deutschen Missionare ihre Gemeinden verlassen? Auf südafrikanischer Seite gibt es viele alte Menschen, wie jenen Mann, der nach einem langen Tag voller Vorträge und Diskussionen ans Mikrofon getreten ist. Ihre Geschichten und Erinnerungen sollen aufgezeichnet und in zwei Masterarbeiten in Südafrika wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Auch in Südafrika gibt es wissenschaftliche Begleitung: Professorin Mary-Anne Plaatjies-Van Huffel von der Universität Stellenbosch hält auf der Konferenz den einführenden Vortrag aus südafrikanischer Perspektive.

Sie ist zugleich Moderatorin der Uniting Reformed Church of Southern Africa, der Kirche, in der nun die meisten vormaligen rheinischen Gemeinden sind. Auch diese Kirche wird sich an dem Forschungsprozess beteiligen, der eine schmerzvolle Geschichte aufarbeiten soll. Das Ergebnis der Forschung soll in seinen Grundzügen bis 2019 vorliegen. 

Pilgerreise nach Wupperthal Pilgerreise nach Wupperthal

Tommy Solomons, Moderator der Rheinischen Kirche in Südafrika, der "Rynse Kerk", und Oberkirchenrätin Rudolph stellen gemeinsam fest: Die Erinnerungen, die in diesem Forschungsprozess angesprochen werden, werden am Ende gemeinsam vor Gott gebracht. Heilung der Erinnerungen in der Missionsgeschichte ist notwendig. Beide sind zuversichtlich, dass mit dieser Initiative ein neues Kapitel in der gleichermaßen gemeinsamen und getrennten Geschichte aufgeschlagen werden wird.

Begonnen hatte die Konferenz der rheinischen Kirchen mit einer Pilgerreise nach Wupperthal, der ersten Missionsstation der Rheinischen Missionsgesellschaft aus dem Jahre 1829, die in einem Tal in den Ceder-Bergen wunderschön gelegen ist. Sie ist in einem gepflegten Zustand und hat Handwerkbetriebe wie eine Schuhmacherei, die auf den ersten Missionar und Schuhmacher Leipold zurückgeht.

Selbstverpflichtung in der Elsiesrivier-Erklärung

Beschlossen wurde die Konferenz mit einem Abendmahlsgottesdienst und der Elsiesrivier-Erklärung, in der sich die vier beteiligten Kirchen und die VEM verpflichten, den angestoßenen Prozess gemeinsam und verantwortlich fortzuzusetzen. Das Thema kommt auch auf die  Landessynode 2016 der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Rheinische Kirche gibt es nicht nur im Rheinland. Das ist (wieder) in jüngster Zeit klar geworden. Neben der Rheinischen Kirche von Südafrika mit Sitz in Kapstadt gibt es auch noch die Chinesische Rheinische Kirche in Hongkong. War es am Anfang ein fröhliches „Hallo“, wenn sich die „Rheinländer“ bei den Vollversammlungen der VEM trafen, wurde schnell deutlich, dass den beiden Missionskirchen ihr Herkunftsname sehr wichtig ist.

Jetzt trafen sich die drei Kirchen in Südafrika, nachdem vor zwei Jahren eine erste Konferenz auf Einladung der Evangelischen Kirche im Rheinland in Düsseldorf und Wuppertal stattgefunden hatte. Mit dabei war die VEM, deren Vorgängerorganisation auch Namensgeberin für die rheinischen Kirchen in Asien und Afrika ist: die Rheinische Missionsgesellschaft, die sich mit der vormaligen Bethel-Mission und anderen Missionsvereinen in der VEM zusammengeschlossen hat.

Der Name der Freiheit und Unabhängigkeit

Dr. Ky Mak und K. K. Chan aus Hongkong sagen: Rheinisch ist für uns die Verbindung zu Deutschland, dem Land, in dem der Reformator Martin Luther gelebt hat, wir stehen in dieser Tradition und pflegen diese Theologie, das unterscheidet uns von vielen jungen neuen Kirchen in Hongkong.

Tommy Solomons und Ashley Franzmann, auch Pfarrer der Rheinischen Kirche in Südafrika, sagen: Rheinisch ist für uns der Name der Freiheit und Unabhängigkeit. Fast alle rheinischen Missionsgemeinden sind 1935 an die Niederländisch Reformierte Kirche (Dutch Reformed Church) in Südafrika übergeben worden, damals als bloße Gebietsbereinigung betrachtet.

Gemeinden ungefragt der Kirche der Apartheid übergeben

Denn seitdem konzentrierte sich die Rheinische Missionsgesellschaft auf Namibia. Für die Gemeinden, die nicht gefragt wurden, war das eine traumatische Erfahrung. Denn die Dutch Reformed Church war die Kirche der Buren und der Apartheid. „Warum habt Ihr uns verlassen?“

Nur einige wenige machten diesen Schritt nicht mit, sie blieben „rheinisch“ und unabhängig. Inzwischen besteht die Kirche aus rund 2.000 Mitgliedern in zehn Gemeinden. „Meine Eltern sind schon beim Herrn“, sagte Moderator Solomons zum Abschied, „aber für sie erfüllt sich heute ihr größter Wunsch: Die rheinische Familie ist wieder zusammen.“

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ekir.de / 04.11.2015



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