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Pfarrerin Sylvia Bukowski Pfarrerin Sylvia Bukowski verbrachte sechs Wochen in Ruanda. Foto: Bettina von Clausewitz

Ruanda

20 Jahre nach dem Genozid: „Es ist noch nicht vorbei “

Der Schatten des Völkermords ist in Ruanda immer noch spürbar. Das hat die rheinische Pfarrerin Sylvia Bukowski bei ihrem Aufenthalt als Gastdozentin beobachtet. Aber auch, dass das Land auf einem guten Weg zu Heilung und Versöhnung ist. Ein Interview.

Wie begegnet einem Ruanda, wenn man 20 Jahre nach dem Völkermord dorthin reist? Gibt es noch Spuren der Ereignisse oder ist es einfach ein exotisches Urlaubsland?
Es hat mich überwältigt, wie schön dieses Land ist, mit Tee- und Kaffeeplantagen, Reisfeldern, Bananenwäldchen und den berühmten 1000 Hügeln. So viel Schönheit habe ich nicht erwartet. Aber der Schatten des Genozids holt einen sehr schnell ein, wenn man mit den Menschen spricht. Wir waren schon am ersten Tag mit einer kirchlichen Mitarbeiterin in der zentralen Genozid-Gedenkstätte in der Hauptstadt Kigali. Anfangs war sie sehr reserviert, aber dann hat sie uns ihre Geschichte erzählt: Sie ist die einzige Überlebende ihrer Familie und ihres Dorfes, in dem sich alle in die Kirche geflüchtet hatten, wo sie dann ermordet wurden. Nur sie war zufällig nicht da und hat überlebt.

Wie kann man in einer Gedenkstätte überhaupt angemessen an solche unglaublichen Massaker erinnern?
Kigali hat mich sehr an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem erinnert, vor allem in der Abteilung für die ermordeten Kinder. Es geht aber auch um die lange Vorgeschichte und man sieht die Mordwaffen: die Macheten und Keulen, die teilweise mit Nägeln beschlagen sind. Dann gibt es eine große Abteilung, die die Kleider der Opfer zeigt, ihre Pässe und Fotos. Viele Familien haben die einzigen Originalfotos ihrer Kinder zur Erinnerung hierher gegeben. Diese Abteilung über die Opfer ist sehr beklemmend, weil man daran erinnert wird: Es geht nicht um Zahlen, sondern um Menschen mit einer eigenen Geschichte. Bei den Kindern werden ihre Hobbys genannt oder ihr Lieblingsessen und darunter steht: „Mit der Machete zerhackt“ oder „Augen ausgestochen und zu Tode gequält“ – bei Vier- oder Fünfjährigen!

Ist der Genozid sonst auch noch Thema oder wollen die Menschen nicht daran erinnert werden?
Im Gespräch kommt man relativ schnell auf dieses Thema, aber man weiß vorher nicht, wer auf welcher Seite stand. Das hat mich sehr verunsichert - es sind ja nicht nur Opfer, denen man begegnet, viele waren selbst Täter oder haben Täter in der Familie. Ein Dozent an der PIASS hat erzählt, dass in seiner Familie etliche zu Mördern geworden sind und großen Druck auf ihn ausgeübt haben, auch an den Razzien und dem Morden teilzunehmen.

Wissen die Menschen, die heute wieder zusammen leben müssen, über die ethnische Zugehörigkeit ihrer jeweiligen Nachbarn oder Studienkollegen Bescheid?
Ich habe das nicht unterscheiden können, aber meine Studenten wissen in der Regel ganz genau, wer zu welcher Volksgruppe gehört. Und ein Bekannter hat einmal ein Klassenfoto von jemandem angesehen und sofort gesagt: Tutsi, Tutsi, Hutu, Hutu. Von der Regierung her ist diese ethnische Unterscheidung allerdings verboten, man soll sich nur noch als Ruander und Ruanderin sehen.
In Butare haben wir immer wieder Häftlinge in ihrer orangefarbenen Kleidung gesehen, die auf den Feldern gearbeitet haben. Ich hab’ dann, als sie uns mal direkt begegnet sind, intensiv in ihre Gesichter geguckt und dachte: Vielleicht sieht man etwas von dieser Grausamkeit? Aber man sieht nur menschliche Gesichter.

Gibt’s noch immer Aufarbeitungsprogramme oder ist Normalität die Devise?
Business as usual ist sicher nicht angesagt, es gibt noch immer viele Angebote von der Regierung, aber auch von den Kirchen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist eine Kirchengemeinde, in der sich Täter und Opfer regelmäßig treffen und einander ihre Geschichten erzählen und dabei erstmal nur zuhören. Der Versöhnungsprozess ist ganz sicher noch nicht abgeschlossen, solche Wunden verheilen nicht in 20 Jahren. Wir sehen ja in unserer eigenen deutschen Geschichte, wie lange das dauert. Aber ich bin erstaunt, wie vielen Menschen ich begegnet bin, die von sich sagen, sie hätten den Hass und die Bitterkeit in ihrem Herzen überwunden. Das hängt oft mit ihrem christlichen Glauben zusammen, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie jemand, der seine Familie verloren hat, vergeben kann. Die Mitarbeiterin, die uns zur Gedenkstätte begleitet hat, geht einmal im Jahr zurück in die Nachbarschaft ihres zerstörten Dorfes, sie geht in den Gottesdienst, bringt den Kindern Süßigkeiten mit und fragt sie: „Warum wohne ich nicht mehr hier?“ Und dann sagen sie: „Du hast ja niemanden mehr hier.“ Das wissen die Kinder. Und dann fragt sie: „Warum komme ich denn her?“ Das wissen sie nicht. Und dann sagt sie den Kindern: „Weil ich euch zeigen will, dass die Liebe stärker ist als der Hass, der mich um alles gebracht hat.“ Das fand ich sehr eindrucksvoll. Aber sie hat uns auch offen erzählt, dass sie sehr viele Jahre dafür gebraucht hat.

Inwieweit spielt die Frage von Schuld und Versöhnung auch in der theologischen Ausbildung eine Rolle, etwa im College in Butare, wo Sie gearbeitet haben?
Ich war zum Teil schockiert, wie abgespalten der Genozid von der Theologie ist. Wir hatten jeden Morgen eine Andacht und jemand von den Studierenden hat fortlaufend Deuteronomium (5. Buch Mose) ausgelegt. Darin kommt oft der Befehl Gottes vor, die Völker auszurotten, die im gelobten Land wohnen, aber in den Predigten ist niemand darüber gestolpert. Jemand hat sogar gesagt, wir sollten Gott gehorchen, er wäre unser großer Feldherr, dann würden wir auch so erfolgreich wie Israel damals sein. Nur ein Student hat einmal nach der Lesung gesagt: „Das war nicht das Wort Gottes“. Dann hatten wir eine heftige Diskussion, die viel Ratlosigkeit darüber offenbart hat, wie wir uns theologisch zu diesem Massenmord verhalten können.

Gibt es von der deutschen Erfahrung her nicht einiges dazu zu sagen?
Ich denke, es ist wichtig sich zu erinnern und zu der Schuld zu stehen. Das ist in Ruanda anders als in Deutschland, weil sich dort niemand herausreden kann, er hätte nichts gewusst, weil der Genozid ja mitten in der Gesellschaft stattgefunden hat. Das ist ein Abgrund, in den man da blickt. Ein Kollege hat die Geschichte von einem 27-Jährigen erzählt, der sehr unter seiner Schuld leidet, weil er als Kind, als Siebenjähriger, versteckte Tutsis gesucht hat. Er hat einen Sport daraus gemacht sie zu finden und konnte noch gar nicht ermessen, was er damit bewirkt hat: Sie wurden alle umgebracht. Es ist auch wichtig, im Verhältnis zum Staat die Kritikfähigkeit zu fördern. Es ist ja eine afrikanische Tugend, dass man sich höher Gestellten nicht verweigert und tut, was sie sagen. Das war das Verhängnis im Völkermord. Diese Gehorsamspflicht ist ja auch Teil unserer deutschen Schuld, da kann auch die Theologie helfen, ein kritisches Potenzial zu fördern.

Ist das in Ruanda überhaupt gewünscht, dass jemand von außerhalb bei der Vergangenheitsbewältigung hilft oder wird das eher höflich geduldet?
Es kommt drauf an. Mit Studierenden gab es viele gute Gespräche, aber auch manches, was sie erstmal sehr verwirrt hat, etwa die Aufforderung kritisch zu sein und nicht alles zu schlucken. Ich würde mich immer hüten, Rezepte zu geben, wie man mit der Vergangenheit leben kann. Aber ich habe von unserer eigenen Vergangenheit erzählt, aus der Sicht einer Nachfahrin der Täter. Ich glaube, diese Offenheit im Blick auf die eigene Vergangenheit und die deutsche Schuld war wichtig, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Welche Perspektive sehen Sie? 20 Jahre sind keine lange Zeit, was könnten die nächsten Schritte zu Heilung und Versöhnung sein?
Ich glaube, dass Ruanda auf einem guten Weg ist und dass die Programme von Staat und Kirche weitergeführt werden müssen. Aber man braucht Geduld und muss sich darauf einstellen, dass es noch viele Jahre diese Verwundungen gibt, die nicht einfach heilen. Ich glaube auch, dass man weiter Raum zum Erzählen für beide Seiten geben sollte. Natürlich müssen die Opfer Gehör finden, aber auch die Täter brauchen einen Raum, wo sie sich damit auseinandersetzen können, was sie damals angetrieben hat, damit es sich nicht wiederholt. Ich habe in der Zeitung gelesen, 40 Prozent der Ruander glauben, dass sich ein Genozid wiederholen könnte – das zeigt eine tiefe Verunsicherung, die stark unter der Decke gehalten wird. Aber man muss einfach sehen, dass es nicht vorbei ist: Es ist noch nicht vorbei!

Wie gehen Sie als Theologin und Christin mit der Frage um, wo Gott war, als all das geschah?
Vielleicht ist diese Frage bei mir noch stärker als bei vielen anderen, mit denen ich in Ruanda gesprochen habe, die einen stärkeren Glauben zu haben scheinen. Sie klammern sich an Gott und stellen viel seltener die Frage: „Wo warst du bei all diesem Morden?“ Sie erwarten und erfahren Trost von Gott. Aber für mich gibt es viele Fragen, die an unsere Vergangenheit rühren und auch an die Begegnung mit jüdischen Überlebenden erinnern – mit diesen offenen Fragen lebe ich.

Zur Person: Sylvia Bukowski ist Pfarrerin i. R. aus Wuppertal. Auf Einladung der Vereinten Evangelischen Mission und der Presbyterianischen Kirche von Ruanda war sie bis Mitte März sechs Wochen als Dozentin am Protestant Institute for Arts and Social Science in Butare.

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ekir.de / Bettina von Clausewitz / 04.04.2014



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