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'Genau überlegt, was ich mit Freude machen will': Sigrid Weßling-Nieß. "Genau überlegt, was ich mit Freude machen will": Sigrid Weßling-Nieß.

Interview über das Thema Ruhestand

"Das Genießen musste ich erst lernen"

Der Beginn des Ruhestands kann sich leer anfühlen. Die Diplom-Ingenieurin der Chemie Sigrid Weßling-Nieß (63) hat es erfahren: Sie ging beruflich in Altersteilzeit und ehrenamtlich in die Verwaltung der  Grünen Damen und Herren des Diakoniewerks Essen.

An Ihrem Arbeitsplatz brauchen Sie nun in der Freistellungsphase nicht mehr zu erscheinen. Genießen Sie Ihre freie Zeit?

Das Genießen musste ich tatsächlich lernen, damit habe ich mich zu Beginn schwergetan. Mal ein Buch lesen, in der Stadt bummeln gehen oder mich mit einer Freundin treffen: das alles war zuerst von einer gewissen Unruhe begleitet. Ich war innerlich immer auf dem Sprung, um irgendetwas erledigen zu müssen. Das saß noch tief in mir drin, denn in den Jahren zuvor bin ich sehr eingespannt gewesen. Beruflich war ich in der Lebensmittelüberwachung und im Qualitätsmanagement tätig, privat betreute ich meine pflegebedürftige und vor kurzem verstorbene Mutter und kümmerte mich um zwei Häuser mit Garten. Die Unruhe hat sich aber mit der Zeit gelegt. Jetzt kann ich mich entspannt an meiner freien Zeit erfreuen.

Ihr Engagement ging damit sozusagen von Hundert in Richtung Null. Verspürten Sie einen Leerlauf?

Ich brauche eine Aufgabe und muss mich beschäftigen. Das war mir schnell klar. Daher habe ich das Ehrenamt beim Diakoniewerk in Essen aufgenommen. Ohne diese Tätigkeit wäre ich in ein schwarzes Loch gefallen, da bin ich mir sicher. Alle zwei bis drei Wochen erledige ich nun ein paar Stunden lang die Verwaltungsarbeiten bei den Grünen Damen und Herren. Ich erstelle unter anderem Excel-Listen und erledige Serienbriefe. Die EDV-Verarbeitung kann ich gut, sie gehörte zu meinem Beruf. Dass ich mein Wissen einsetzen kann, erleichtert nicht nur den Dienst der Ehrenamtlichen und schafft ihnen mehr Freiraum für die Krankenbetreuung – es hilft auch mir, da ich das Gefühl habe, nützlich zu sein.

Die Berufswahl orientiert sich an Interessen, Talenten und oft auch am Verdienst. Wie suchten Sie sich das Ehrenamt aus?

Die Wahl habe ich tatsächlich gründlich überdacht. Im Ruhestand habe ich das Privileg, dass ich in meiner verfügbaren Zeit nicht mehr für meinen Lebensunterhalt sorgen muss. Also habe ich genau überlegt, was ich gerne und mit Freude machen will. Eine Grüne Dame wollte ich zum Beispiel nicht sein, denn der Kontakt mit erkrankten Menschen würde mich zu sehr mitnehmen und belasten. Bewusst habe ich mich auch für einen freiwilligen Einsatz in einem ehrenamtlichen und nicht refinanzierten Bereich entschieden. Denn ich möchte keinem den Arbeitsplatz wegnehmen, der diesen für seinen Lebensunterhalt braucht.

Jetzt steht bei Ihnen die Freude an der Tätigkeit im Vordergrund?

Das ist so. Kurz habe ich auch mal darüber nachgedacht, eine Fremdsprache zu lernen. Aber der Gedanke, zu Hause zu sitzen und Vokabeln zu lernen, behagte mir dann doch nicht. Viel lieber möchte ich mich nun im Wintersemester an der Uni in Essen als Gasthörerin einschreiben und naturwissenschaftliche Vorlesungen hören. Das wird bestimmt sehr spannend, da sich das wissenschaftliche Arbeiten seit meinem Abschluss an der Essener Uni im Jahr 1975 rapide verändert hat. Es ist seitdem auch wieder vieles Neue entdeckt und erforscht worden. Und ich freue mich sehr darauf, wieder mehr darüber zu erfahren.

„Dies ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.“ Das Zitat von Loriot steht über einem Seminar der Evangelischen Akademie im Rheinland g in Kooperation mit dem Zentrum für Männerarbeit und der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland am 6./7. November in Bonn. Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Eckart Hammer von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und die Theologin und Pädagogin Claudia Hartmann vom Diakoniewerk Essen leiten die Suche nach Orientierung und den Austausch der Teilnehmenden. Bei separaten Arbeitsgruppen für Frauen und Männer besteht außerdem die Möglichkeit, sich mit geschlechterspezifischen Fragen und Herausforderungen der neuen Lebensphase auseinanderzusetzen.

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ekir.de-Interview: Sabine Eisenhauer, Foto: privat / 23.07.2015



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