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Gottesdienst zum Andenken an die Opfer im 2. Weltkrieg in Pskow, u.a. mit Oberkirchenrat Klaus Eberl (hinten r.). Gottesdienst zum Andenken an die Opfer im 2. Weltkrieg in Pskow, u.a. mit Oberkirchenrat Klaus Eberl (r.).

Russische Notizen 3

Tag der Trauer, Tag der Versöhnung, Tag der Hoffnung

Heute, am 22. Juni, wurde in der rheinischen Partnerstadt Pskow in Russland des Überfalls auf die Sowjetunion gedacht. Diese Skizze spiegelt die Predigt, die Oberkirchenrat Klaus Eberl im Gedenkgottesdienst gehalten hat.

Der 22. Juni ist ein Tag der Trauer. Im Jahre 1941 hat am 22. Juni Hitler-Deutschland die Sowjetunion mit einem brutalen Angriffskrieg überzogen. Die Vernichtung des russischen Volkes war das Ziel. Als sich die Kräfteverhältnisse wendeten, war die Revanche der Roten Armee im Osten Deutschlands nicht min¬der grausam. Auf Gewalt folgt immer neue Gewalt. Millionenfache Trauer, Flucht und Vertreibung, Gefangenschaft und Arbeitslager zog der 22. Juni 1941 im Schlepptau. Soldaten starben in den Schlachten, vor der Zivilbevölkerung wurde nicht Halt gemacht. In Krasucha, einem Dorf bei Pskow, sperrte die deutsche Wehrmacht die Bevölkerung in Holzhäuser, um sie dann anzuzünden. Fast jede Familie in Pskow hat Angehörige verloren. Ihre Namen sind nicht vergessen. Paul Celan schrieb einmal den bitteren Satz auf: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Der 22. Juni ist ein Tag der Versöhnung. 50 Jahre nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht reisten wir unter Leitung von Präses Peter Beier nach Pskow. Die Evangelische Akademie hatte an einem Versöhnungsbeschluss gearbeitet, der von der Synode verabschiedet wurde. Wir kamen mit bangem Herzen nach Russland, um Vergebung zu erbitten. Der Kalte Krieg hatte seine Spuren hinterlassen. Wir erwarteten Misstrauen. Aber wir wurden mit offenen Armen empfangen.

Ich erinnere mich an einen ökumenischen Gottesdienst in Wassenberg kurz nach dieser ersten Begegnung – evangelisch, katholisch, russisch-orthodox. Nach meiner Predigt kam ein älterer Herr zum Mikrophon, zog unsicher ein Foto aus der Jacke und bekannte: „Ich war deutscher Soldat in Pskow. Ich habe mein Leben lang auf eine Gelegenheit gewartet, Vergebung zu erbitten.“ Es wurde ganz still in der Kirche. Da ging der Pskower Priester Pawel Adelheim auf den Mann zu und segnete ihn.

Christen glauben, dass Versöhnung das Werk Gottes ist. Gott selbst schafft den neuen Anfang, den wir Menschen nicht schaffen. Im Alten Testament lesen wir über die ungleichen Brüder Jakob und Esau:
"Jakob hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit vierhundert Mann. Und er verteilte seine Kinder auf Lea und auf Rahel und auf die beiden Leibmägde und stellte die Mägde mit ihren Kindern vornean und Lea mit ihren Kindern dahinter und Rahel mit Josef zuletzt. Und er ging vor ihnen her und neigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam. Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küßte ihn und sie weinten." (Genesis 33,1-4)
Jakob und Esau. Zwei Brüder. Entzweit durch Lug und Trug von Anfang an. Verbittert durch eine blutige Spur der Gewalt. Angst steckt in ihren Gliedern. Misstrauen haben sie erlernt in sinnlosen Kämpfen um den Vorrang. Weggelaufen sind sie vor der Vergangen¬heit. Doch die Schuld ist schneller als die Beine. Da tritt Gott auf den Plan. Durchkreuzt die Wege. Er macht Versöhnung möglich. Er befreit vom Würgegriff unheilvoller Geschichte.

Jakob und Esau. Zwei Brüder. Hinkend und stolpernd erreichen sie die Zukunft. Sie steht noch auf schwankender Erde. Aber sie ist Gottes Versprechen. Sie küssen sich. Sie weinen miteinander. So wird Versöhnung wahr.

Auch uns ist widerfahren, dass mit der Partnerschaft zwischen rheinischen Christen und der Stadt und dem Oblast Pskow eine neue, hoffnungsvolle Perspektive entstanden ist.

Deshalb ist der 22. Juni auch ein Tag der Hoffnung. 25 Jahre lang währt die Partnerschaft zwischen der Evangelischen Kirche im Rheinland und Pskow. Viele Projekte sind in dieser Zeit entstanden, die das Leben von behinderten oder sozial benachteiligen Menschen verbessert haben. Das haben wir gemeinsam geschafft. Eine Zeitung hat das einmal das „Wunder von Pskow“ genannt. Es ist in der Tat ein Wunder. Aus Feinden sind Freunde geworden, aus entzweiten Geschwistern sind Partner geworden.

Symbol dieser Hoffnung ist der „Pskower Engel“ geworden, der in unserer Werkstatt für behinderte Menschen hergestellt wird. Ein kleiner Engel aus Holz. Passt genau in die Handfläche. Er ist unregelmäßig. Ein Flügel größer als der andere. Irgendwie ist er auch einem Kreuz ähnlich. Das Holz ist schön geschmirgelt. Der Künstler Jochen Leyendecker hat den Engel für diese Initiative Pskow bewusst mit einer besonderen Note gestaltet: Mit seinen ungleichen Flügeln ist er selbst behindert. Jochen Leyendecker will damit sagen: Wir sind gehalten. Gott gibt uns Halt. Aber auch Engel brauchen Unterstützung.

Wir wollen das Vertrauen, das unter uns gewachsen ist, weiterentwickeln. Wir wollen Gott vertrauen und uns in Nachfolge Christi rufen lassen. Und gedenken des heutigen Tages in Trauer, in Versöhnung und Hoffnung.

 

 

 

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22.06.2016



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