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Guildo Horn beim Schlagergottesdienst in der Kölner Christuskirche. Guildo Horn beim Schlagergottesdienst in der Kölner Christuskirche.

Schlagergottesdienst

Festival für Liebe

Ein sonniger Sonntag, eine begeisterte Gemeinde und mittendrin Guildo Horn: Schlagergottesdienst, so geht Gemeindeaufbau heute. Pfarrer Christoph Rollbühler von der Christuskirche in der Kölner City sagt, er will verschiedene Lebenswelten zusammenbringen, die sonst wenig miteinander gemein haben.

Es ist ein Frühlingstag, doch füllt sich der Kirchraum wie an Weihnachten. In der Kölner Christuskirche wird an diesem Sonntagnachmittag ein Schlagergottesdienst gefeiert. Das Plakat an der Kirchentür kündigt an: „Hier ist ein Mensch!“ Und was für einer: „Einen gesegneten Nachmittag! Mein persönlicher Name ist Guildo Horn, neben mir sehen Sie einen sogenannten orthopädischen Strumpf.“ Der „Meister“, wie seine Anhänger den Schlagersänger nennen, stellt sich und den begleitenden Musiker den Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern vor.

Knallvoll ist die Kirche. Inbrünstig singen Männer und Frauen, die Mehrheit in den Vierzigern, schwenken die Arme, klatschen mit. Hinten tanzen einige. Vereinzelt sieht man Polyesterhemden, gemustert in Ocker und Beige, den Farben der 70er Jahre. Eine geistig behinderte Frau ruft begeistert: „Guildo, ich liebe dich!“

Pfarrer Christoph Rollbühler mit Pfarrer Christoph Rollbühler mit "Meister" Guildo Horn.

Gottes Botschaft durch die Horn-Brille

Guildo Horn, der im wahren Leben Horst Köhler heißt und lange als Pädagoge in der Behindertenhilfe tätig war, übergibt unter tosendem Applaus das Wort an den Pfarrer der Christuskirche: „Ich bitte zu mir in den Ring: Christoph Rollbühler!“ Der ist noch skeptisch: „Schlager und Gottesdienst – passt das zusammen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“

Aber er ist in seinem Element, zieht Vergleiche und damit die Besucherinnen und Besucher von Anfang an genauso in seinen Bann wie die Musiker. „Vor 2.500 Jahren gab es auch schon Schlager, liebe Schlagergemeinde“, leitet der Pfarrer zur Psalmenlesung über. „Gott, deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist.“ Und setzt damit das Thema für den Gottesdienst: Liebe – „Ti amo“.

Wer in die Kirche gehe, der suche die Liebe, vermutet auch Guildo Horn. Ein gutes Thema, finden offensichtlich auch die Besucherinnen und Besucher. Ob des hohen Andrangs musste Christoph Rollbühler im Vorfeld Einlasskarten ausgeben. Die Werbung im Schaukasten, auf der Homepage und der Facebook-Seite der Gemeinde hat gewirkt.

Texte? können alle auswendig

Besonders groß war der Zuspruch im Guildo-Horn-Fanclub. Sogar aus dem Ruhrgebiet und der Eifel sind Menschen angereist, einige haben auch ihre Kinder mitgebracht. Ihnen allen will der Pfarrer ein Crossover aus Entertainment und Glaubensinhalten bieten.

Der Gottesdienst hat viel von Lobpreis: Die meisten Besucherinnen und Besucher brauchen die Zettel nicht, auf denen Texte bekannter Schlager abgedruckt sind: „Wunder gibt es immer wieder“, „Ein bisschen Frieden“, „Tränen lügen nicht“. Dazwischen „Danke für diesen guten Morgen“, der Schlager eines jeden Schulgottesdienstes seit den 80ern.

Die Gemeinde singt mit, ist lebendig. Die Gemeinde singt mit, ist lebendig.

Beste Stimmung

Das Experiment glückt. „Da war ja eine Stimmung in der Bude!“ wird Christoph Rollbühler später sagen, immer noch beeindruckt vom Gesang an diesem Sonntag. Der Gottesdienst sei umso besser, je lauter die Gemeinde singe. Das ist für ihn das Zeichen, dass sie lebendig ist.

199 Plätze hat der Kirchraum der neuen Christuskirche. Im September 2016 wurde sie am Kölner Stadtgarten eingeweiht. Mitten im Leben. Um den Gemeindeaufbau kümmert sich Christoph Rollbühler. Er möchte eine „Veedelskirche“ schaffen, die Anlaufpunkt für Anwohnerinnen und Anwohner der umliegenden Straßenzüge, aber auch thematisch Interessierte aus dem ganzen Stadtgebiet sein soll.

Dabei experimentiert der Pfarrer mit neuen Gottesdienstformen. Es gibt zielgruppenorientierte Angebote, sie sind „Himmelblau“ – für Familien mit Kindern von drei bis acht. Oder „Leise“ - mit meditativem Charakter. Im Gedenken an die Kölner Theologin Dorothee Sölle gestaltet die Christuskirche politische Nachtgebete, die Kirche liegt ja auch am neu so benannten Dorothee-Sölle-Platz.

Nicht nur einmalige Angebote

Mit den unterschiedlichen Angeboten möchte der Pfarrer einen festen Kern aus Interessierten an die Gemeinde binden. „Ich kümmere mich hier um diejenigen, die sagen: ‚Ich fühle mich für eine zeitlang mit dem Ort verbunden und möchte mich vielleicht auch engagieren.‘“ Das sei ein längerer Prozess, über zwei, vielleicht sogar drei Jahre, und viel schwerer, als das Gotteshaus einmalig mit Guildo Horn vollzukriegen.

Der Pfarrer geht viel raus ins Viertel. Während des Kirchenumbaus hielt er Gottesdienste in Galerien, der katholischen Nachbargemeinde, in Kneipen und zu Weihnachten im Jazzclub am Stadtgarten. Nun kommen die Erfolge zur Gemeinde zurück. Am 10. Juni feiern, angeregt von einer Anwohner-Initiative, alle gemeinsam ein Stadtteilfest vor der Kirche, auf dem Dorothee-Sölle-Platz.

Gemeinde mit Sonder-Angebot

Warum muss es jetzt auch noch Schlager sein? Wenn die Kirche sprichwörtlich im Dorf ankommt, die unterschiedlichen Leute ihren Weg dorthin finden, muss man da noch einen draufsetzen mit Hilfe eines Prominenten? Ganz klar mediale Interessen waren es bei Christoph Rollbühler: „Ich wollte einen Scheinwerfer auf die Christuskirche richten. Damit wir noch mehr Menschen für unsere Basisgruppe finden.“ Der Pfarrer will dazu Lebenswelten zusammenbringen, die sonst wenig miteinander gemein haben, auch Schlager und die Bibel.

Die Welt des Schlagers sei ein Zauberland, sagt Guildo Horn. Menschen, die sich im Hier und Jetzt verorten, das Überschaubare lieben, fühlen sich dieser Musik verbunden. Sie sind nicht sehr explorativ, haben mit neuer Technik nicht viel am Hut. Ähnlich wie auch der reiche Jüngling im Predigttext, Lukas 18, 18-23, der auf der Suche ist nach dem ewigen Leben.

Heiser aber glücklich

Er muss erst lernen, über den eigenen Horizont hinaus Verantwortung zu übernehmen. Im improvisierten Dialog beleuchten Guildo Horn und Christoph Rollbühler das Bibel-Wort. Der Sänger hat eine klare Meinung. Für ihn gelte der kategorische Imperativ: „Man soll keine Witze machen über jemanden, der dadrauf keine Lust hat.“

Nach anderthalb Stunden und einem „Festival der Liebe“ als furiosem Finale entlassen Guildo Horn und Christoph Rollbühler ihre Schlagergemeinde. Der „Meister“ fühlt sich heiserer als nach einem normalen Konzert. Und der Pfarrer kann sich eine Fortsetzung vorstellen: „Es wird weitergehen, wir bleiben mit Guildo Horn im Gespräch.“

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ekir.de / Kathrin Reinert, Fotos: Anna Siggelkow / 19.05.2017



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