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Paul Schneider (1897-1939)

Mit totalitärer Theologie gegen eine totalitäre Ideologie

Eine neue Sichtweise auf Paul Schneider, den „Prediger von Buchenwald“, eröffnete der Koblenzer Kirchenhistoriker Professor Dr. Thomas-Martin Schneider. Bei einem Vortag in Womrath nahm er die Gegner des Dickenschieder Pfarrers in den Blick.

So zeigte der Kirchenhistoriker, dass Schneider vor allem aufgrund seiner theologisch konservativen Sichtweise in eine Gegnerschaft zu den damaligen Repräsentanten geriet, was aber zwangsläufig im Dritten Reich auch in den Widerstand zum NS-Staat und schließlich sogar zur Ermordung des Pfarrers im KZ führte. „Paul Schneider hat der totalitären NS-Ideologie seine totalitäre Theologie und Christologie entgegengehalten, und damit wurde er unabwendbar auch zum politischen Widerstandskämpfer“, so Thomas-Martin Schneider. Rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer, darunter auch zwei Kinder von Paul Schneider, warum zu dem Vortrag in die Kirche gekommen.

Es waren sicher ungewohnte Perspektiven, die Thomas-Martin Schneider bei seinem Vortrag in Womrath bot. „Paul Schneider gehörte zu den konservativen, manche würden auch sagen, reaktionären Theologen seiner Zeit“, unterstrich der Historiker. Dadurch äußerte er schon früh, obwohl ursprünglich durchaus wie viele andere protestantische Theologen dem Nationalsozialismus nicht ablehnend gegenüber stehend, Widerspruch zu den scheinbar „modernen, liberalen“ Moralvorstellungen der NS-Vertreter. „In Hochelheim, seiner ersten Pfarrstelle, führte dieser moralische Rigorismus gegen die freizügigere Ethik der neuen Staatsspitze schon 1934 zur Versetzung in den Hunsrück.“

Doch auch hier geriet der Theologe rasch wieder in Widerspruch zur NS-Idologie. „Gerade der Konflikt um den Religionsunterricht zeigt dabei deutlich, dass hier nicht politische Gründe im Vordergrund standen, sondern das engagierte Eintreten Paul Schneiders aus theologischer Grundüberzeugung“, machte der Koblenzer Kirchenhistoriker deutlich. So sei Schneider ein leidenschaftlicher Verfechter der Bekenntnisschule gewesen, während der NS-Staat die Gemeinschaftsschulen förderte.

Pietistisch-enge theologische Sicht

Auch habe der Pfarrer eine pietistisch-enge theologische Sicht vertreten, wogegen die Lehrer in den beiden Dörfern seiner Kirchengemeinden eher eine liberale und offene Theologie vertraten. Auch habe es Differenzen zwischen Lehrern und Pfarrer über die Pädagogik und Didaktik gegeben. Außerdem habe Paul Schneider einen hohen moralischen Anspruch an den Lebenswandel der Leherer gestellt und eine aktive Teilnahme am kirchlichen Leben erwartet.

„Es waren vier, nicht in erster Linie politisch-ideologische Dimensionen, die die Gegnerschaft von Paul Schneider mit den Lehrern in Womrath und Dickenschied ausmachten und schließlich zu seiner Ermordung führten“, unterstrich Thomas-Martin Schneider. Während die Pädagogen dabei eine vordergründig moderne theologische Sicht vertraten, erwies sich der Pfarrer als ein hartnäckiger Verteidiger einer konservativen Theologie.

Der Pfarrer erscheint heute unmodern

„Das mag auf den ersten Blick überraschen, NS-Vertreter als modern und liberal zu bezeichnen. Doch viele der Positionen der Gegner Schneiders entsprechen heute durchaus dem Mainstream, während der Pfarrer als eher unmodern erscheint“, so Professor Schneider.

Darum müsse jeder, der sich heute auf Paul Schneider berufe, wissen, worauf er sich einlasse, erklärte der Kirchenhistoriker. Der Prediger von Buchenwald wäre auch heute noch unbequem und würde nicht immer der heute vorherrschenden Meinung entsprechen. Dennoch seien seine theologischen Positionen für die heutige Zeit durchaus von Gewinn.

"Unbequemer Zeitgenosse"

Prof. Schneider: „Wie gehen wir heute mit der Sexualmoral um, wie halten wir es mit der Werteerziehung in der Schule angesichts einer Wertediffusion, wie sieht es heute mit der Weitergabe des christlichen Glaubens in einer Zeit der Erosion der Volkskirche aus und wie wichtig ist noch der konfessionelle Religionsunterricht? Diese Fragen würde Paul Schneider sicher heute stellen.“

„Vieles heute war fremd und ungewohnt, doch mit diesen Fragen ist Paul Schneider uns dann wieder ganz nah“, meinte dazu der frühere Superintendent Winfried Oberlinger. Und sein Nachfolger Horst Hörpel betonte: „Paul Schneider ist ein unbequemer Zeitgenosse, doch er lädt zum Nachdenken ein.“

 

 

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ekir.de / Dieter Junker / 07.07.2014



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