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'Mit seiner praktizierten Nächstenliebe ist Albert Schweitzer ein Vorbild ', sagt Thomas Weckelmann. Foto: Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt a.M. "Mit seiner praktizierten Nächstenliebe ist Albert Schweitzer ein Vorbild ", sagt Dr. Thomas Weckelmann. Foto: Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt a.M.

Vor 50 Jahren ist Albert Schweitzer gestorben

"Es braucht Menschen wie ihn, die Barmherzigkeit und Mitgefühl vorleben"

Am 4. September vor 50 Jahren starb Albert Schweitzer. Der Nobelpreisträger war nicht nur Arzt, Theologe und Musiker, er war auch Philosoph. Mit Schweitzers "Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben" hat sich Dr. Thomas Weckelmann wissenschaftlich beschäftigt.

Dr. Thomas Weckelmann. Foto: Hoeffchen Dr. Thomas Weckelmann. Foto: Hoeffchen

Unter dem Titel "Albert Schweitzers ,Ehrfurcht vor dem Leben'. Eine theologische Analyse" wurde Weckelmanns Studie 2011 veröffentlicht. Ein ekir.de-Gespräch mit dem Theologen und Beauftragten der evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. 

Im Zentrum von Schweitzers Kulturphilosophie steht die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Was bedeutet sie?

Albert Schweitzer legte dar, dass jede Person nicht nur mit anderen Menschen in einer Beziehung steht, sondern mit allen Kreaturen dieser Erde – und damit auch mit Tieren und Pflanzen. Jedes Lebewesen hat seinen Wert, da gibt es keine Unterschiede in der Rangordnung. Der Mensch ist darum angehalten, jede andere Kreatur zu respektieren, sie nicht zu schädigen und ihr in der Not beizustehen.

Das ist ein sehr ehrgeiziger Ansatz. Führt er nicht zu einem permanent schlechten Gewissen?

Dass seine Kulturphilosophie praktisch nicht immer umsetzbar ist, hat Albert Schweitzer unter anderem am Beispiel des Landwirts verdeutlicht, der eine Wiese mäht, um Futter für seine Kühe zu bekommen. Der Bauer schadet damit den Graspflanzen, und auf dem Heimweg zertritt er auch noch unzählige Insekten. Trotz Ehrfurcht vor dem Leben kommt man nicht immer umhin, es zu zerstören.
Albert Schweitzer wollte daher, dass der Mensch über seine Taten und deren Folgen nachdenkt und sein Handeln entsprechend abwägt. Er forderte eine Sensibilität gegenüber dem Leben ein – obwohl dessen Schutz nicht immer geleistet werden kann. Diese Ambivalenz zwischen Theorie und Praxis hat er auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten nicht auflösen können. Er hat sie aber gesehen.

Und hier setzt Ihre Studie ein?

Albert Schweitzers Arbeiten an einer wissenschaftlich begründeten Kulturphilosophie waren seiner eigenen Meinung nach noch nicht abgeschlossen. In den 20er Jahren hatte er mit seinen Werken „Verfall und Wiederaufbau der Kultur“ und „Kultur und Ethik“ die ersten beiden Teile seines philosophischen Hauptwerks veröffentlicht. An einem dritten Teil arbeitete er bis in die 40er Jahre, zum Abschluss gebracht hat er ihn nie. Er hat viele Skizzen dazu hinterlassen, die ich in meiner Studie untersucht habe.

Fehlten Albert Schweitzer die Zeit und die Muße, um diese wissenschaftliche Arbeit fertigzustellen?

Nein, daran hat es ihm bestimmt nicht gemangelt. Denn Albert Schweitzer war immens arbeitsam, stets voller Tatendrang und benötigte anscheinend nur wenig Schlaf. Er war Mediziner, Organist, Philosoph und Theologe, schrieb in allen Bereichen wissenschaftliche Arbeiten und arbeitete fast rund um die Uhr – tagsüber in seinem Krankenhaus in Lambaréné im afrikanischen Gabun und nachts wissenschaftlich-schriftstellerisch.
Ich vermute, er kam einfach nicht zu dem wissenschaftlichen Abschluss, den er sich selbst gesetzt hatte: nämlich seine ethisch-philosophische Weltanschauung abschließend und in seinem Sinne vollumfänglich rational zu begründen.

Auch wenn die „Ehrfurcht vor dem Leben“ als wissenschaftliche Theorie gescheitert ist, hat sie nicht als Vision doch Auswirkungen gehabt?

Auf jeden Fall – sei es auf die Friedensbewegung, den Naturschutz oder die Anti-Atomkraft-Bewegung. Albert Schweitzer nahm 1954 den Friedensnobelpreis entgegen. In seiner Dankesrede sprach er sich deutlich für eine generelle Verwerfung des Krieges aus.
Mit seiner praktizierten Nächstenliebe ist Albert Schweitzer für einige Generationen ein Vorbild gewesen. Alle Theorie ist hohl, daher braucht es Menschen wie ihn, die Barmherzigkeit und Mitgefühl vorleben.

Hat Albert Schweitzer den Menschen noch heute etwas zu sagen?

Seine „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist ein bemerkenswerter ethischer Ansatz, den zu beherzigen bis heute lohnenswert ist. Die Ausbeutung und die Unterdrückung von Menschen, Tieren und der Natur sind seit der Zeit von Albert Schweitzer nicht weniger geworden. Daher bleibt seine Vision bis heute eine Herausforderung. Wenn Menschen sie annehmen, dann kann die Ehrfurcht vor dem Leben verändernd wirken. 

Thomas Weckelmann: Albert Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben". Eine theologische Analyse, 2011, Neukirchener Verlagsgesellschaft, 29,90 Euro

 

 

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ekir.de / Sabine Eisenhauer / 01.09.2015



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