EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth arbeitet als Klinikseelsorgerin in Düsseldorf. Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth arbeitet als Klinikseelsorgerin in Düsseldorf.

Interview

Ein begeisterndes Modell

Medizin und Psychologie fragen zunehmend nicht nach Defiziten von Patientinnen oder Patienten, sondern danach, wie Gesundheit entsteht und erhalten bleibt. Salutogenese heißt das. Nun gibt es auch Salutogenese für Seelsorge. 

Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth, Seelsorgerin an der Uniklinik Düsseldorf, hat ein Buch geschrieben, das Seelsorgerinnen und Seelsorger ermutigt, sich nicht nur mit dem Schrecken einer Biografie zu beschäftigen, sondern auch dem Leichten, Schönen, Hellen und Humorvollen in der Seelsorge Raum zu geben. Schneidereit-Mauth betreibt auch eine Praxis für Gestalttherapie, Supervision und Coaching.

Der Titel Ihres Buches lautet „Ressourcenorientierte Seelsorge. Salutogenese als Modell für seelsorgerliches Handeln“. Wie beschreiben Sie Salutogenese?

Salutogenese ist die Fragestellung: Was erhält Menschen gesund? Wir kennen das Konzept der Pathogenese: Was macht Menschen krank? Das ist sehr vertraut im Alltag und hat die Medizin und die Psychologie lange bestimmt. Das war auch sinnvoll, weil es eine große Menge an wissenschaftlichen Erkenntnissen gebracht hat – dass viele Viren und Bakterien schädlich sind usw.. Doch aktuell wird stärker das Modell der Salutogenese diskutiert: Welche Faktoren führen dazu, dass Menschen gesund bleiben, auch wenn sie schwere Belastungen hinter sich haben?

Und dieses Konzept wenden Sie auf die Seelsorge an?

Ja. Ressourcenorientierte Seelsorge nimmt die unglücklichen leidvollen Erfahrungen ernst und lenkt gleichzeitig das Augenmerk auf Energiequellen und Widerstandskräfte, auf spannende Momente, erfrischende Erkenntnisse und bereichernde Begegnungen. Sie fragt nach dem, was das Leben lebenswert macht.

Seit wann arbeiten Sie auf diese Art und Weise?

Ich habe das Modell vor etwa zehn Jahren für mich entdeckt. Es hat mich wirklich begeistert. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat es in den 1980er Jahren entwickelt. Er hatte sich mit einer ganz besonderen Gruppe von Frauen beschäftigt, und zwar Frauen, die das Konzentrationslager überlebt hatten, die also wirklich schwerste traumatische Erfahrungen gemacht hatten. Ein Drittel dieser Frauen ist auch nach vielen Jahren noch gesund gewesen, und es ist spannend zu gucken, was es war, das die Gesundheit erhalten hat.

Auch in der Seelsorge hat der Schwerpunkt bisher also weniger auf den Stärken der Menschen gelegen?

Ja, wir sind ganz klar Defizit-orientiert, und wir werden als die Fachleute für Sterben Tod und Trauer betrachtet. Also immer dann, wenn es ganz schwierig wird, sind wir da und halten mit den Menschen das Leiden aus. Dass wir auch für die lebensbejahenden Seiten stehen, für Freude, Lust und Leidenschaft, das wird weniger mit uns in Verbindung gebracht.
Mir ist sehr wichtig, deutlich zu machen, dass es hier nicht um positives Denken geht. Sondern ich benutze gerne das Bild der Waage: Wir können und wollen das Leiden nicht wegnehmen. Ich möchte es auch nicht mit einem rosaroten Zuckerguss übergießen, wie positives Denken es macht. Ich möchte nur ein Gegengewicht schaffen, denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es in jedem Leben beide Seiten gibt: das Schwere, Traurige, Verzweifelte, aber eben auch das Helle, Lustige, Schöne. Es geht um einen Perspektivenwechsel, also darum, diese andere Seite auch zu betrachten und zu stärken. Das bedeutet häufig, erstmal mit den Menschen das Leiden auszuhalten, und danach eine neue Perspektive zu entwickeln und zu gucken, wo es Energie, Kraft und Ressourcen gibt.

Können Sie ein Beispiel für ressourcenorientierte Seelsorge auch jenseits von schweren Krankheiten geben?

Nehmen Sie Menschen mit den allgemeinen Lebensfragen und Entscheidungsprozessen. Beispielsweise eine berufstätige Mutter, die Beruf und Familie vereinbaren muss und sich fragt, wie sie zu einem ausgewogenen Verhältnis kommen kann. Eine übliche Perspektive ist zu sagen, man wird niemandem wirklich gerecht. Aber ich kann auch fragen: Was gebe ich meinen Kindern dadurch, dass ich beide Bereiche bediene? Was schaffe ich alles in meinem Beruf?

Ressourcenorientierte Seelsorge - der Buchtitel. Ressourcenorientierte Seelsorge - der Buchtitel.

Sie sprechen mit Ihrem Buch sicher nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer an. An wen wendet es sich?

Ich habe es für alle Menschen geschrieben, die in der Seelsorge arbeiten, egal ob haupt- oder ehrenamtlich. Das Spannende ist, dass Salutogenese jetzt nicht nur in der Wissenschaft diskutiert wird, sondern ich werde auch ganz oft von Krankenkassen eingeladen, um dort Vorträge zu halten. Manche von ihnen haben es sich nun auf die Fahnen geschrieben – auch das Thema Spiritualität, weil sie gemerkt haben, dass die Menschen mit ihr wirklich gesünder bleiben.

Wie gelingt es Ihnen selbst in den dunklen Stunden Ihre Ressourcen zu stärken?

Indem auch ich meine Traurigkeit oder Wut zulasse, und indem ich das mache, was ich im Buch beschreibe: Ich nutze mein soziales Netzwerk nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude“. Ich bin also im Gespräch mit meinem Mann, meiner Familie, meinen Freunden, und für mich gehört auch die Gottesbeziehung dazu. Und ich arbeite selbst viel mit meinen inneren Bildern.

Heike Schneidereit-Mauth: Ressourcenorientierte Seelsorge. Salutogenese als Modell für seelsorgerliches Handeln, 2015, Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Alexandra Stoffel / 29.01.2015



© 2016, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung