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Prof. Notger Slencyka und Prof. Frank Cr[semann, v.r., diskutieren die Bedeutung des Alten Testaments. Prof. Notger Slenczka und Prof. Frank Crüsemann (v.r.) diskutieren die Bedeutung des Alten Testaments.

Altes Testament

Ringen um die Bedeutung des ersten Buchs der Bibel

Das Alte Testament hat für die Kirche nicht die normative Kraft, die das Neue Testament auszeichnet; gleichwohl ist es ein unverzichtbarer Bestandteil der Bibel. Mit dieser Meinung zum ersten Buch der Bibel hat der Berliner Theologe Notger Slenczka irritiert.

Der an der Humboldt-Universität Berlin lehrende Professor für Systematische Theologie sorgte für Irritation und Unverständnis unter Theologinnen und Theologen. Von Abschaffung des Alten Testaments und Antisemitismus ist gar die Rede. Versachlichung tut Not, sagten sich die evangelische Melanchthon-Akademie und die katholische Karl-Rahner-Akademie in Köln und haben Slenczka zur Diskussion über seine Position eingeladen. Dass die Thesen Slenczkas auch zahlreiche evangelische und katholische Christinnen und Christen an der Basis in Bewegung bringen, zeigte das starke Interesse an der Veranstaltung zur Frage „Abschied vom Alten Testament?!“.

Wieso sollte dem Alten Testament in der Kirche nicht das gleiche Gewicht zukommen wie dem Neuen? Weil die Texte des Neuen Testaments das Alte zwar voraussetzen, die christlichen Autorinnen und Autoren ihm dabei jedoch einen neuen Sinn verliehen und es gegen seine ursprüngliche Absicht interpretiert haben, sagt Slenczka.

Beispielsweise lese das Christentum das Alte Testament seit seinen Anfängen als Zeugnis für den dreieinigen Gott. „Wie aber kann man sagen, dass das Alte Testament zur Kirche spricht, wenn es zu den Juden von dem einen Gott spricht?“, fragte Slenczka in Köln. Deshalb und um dem jüdischen Selbstverständnis gerecht zu werden, solle die Kirche ihr Verhältnis zum Alten Testament überdenken.

"Vereinnahmung des ersten Buchs"

Mit ihrer "Vereinnahmung" des ersten Buches der Bibel belaste sie im Übrigen auch das christlich-jüdische Gespräch, sagte er. Dabei seien viele Landeskirchen unter dem Eindruck des Holocaust zu der Erkenntnis gekommen, dass der Bund Gottes mit Israel ungekündigt und nicht von der Kirche abgelöst worden sei. In der Evangelischen Kirche im Rheinland geschah das im Jahr 1980; 1993 wurde die bleibende Erwählung Israels in den Grundartikel ihrer Kirchenordnung aufgenommen. Auf den Stellenwert des Alten Testaments in kirchlicher Praxis und Theologie habe sich das jedoch nicht ausgewirkt.

Was bedeutet ihm aber nun das Alte Testament, das Christinnen und Christen immer auch als Zeugnis ihres Glaubens gelesen haben – wie das auch einige Kommentare aus dem Kölner Publikum belegten? Für Slenczka ist es Ausdruck einer vorchristlichen Gotteserfahrung und somit ein vorchristliches Buch – ein „Zeugnis der Religion, von der die ersten Christen herkommen, in der sie aufgewachsen sind, bis sie Jesus Christus bzw. der Verkündigung von ihm begegneten“. Damit habe es aber eine „geringere normative Funktion in der Kirche als das Neue Testament“.

"Platzhalter für vorchristliche Gotteserfahrung"

Vorchristliche Gotteserfahrung – das ist für Slenczka nicht nur eine Frage religionsgeschichtlicher Forschung, damit meint er zugleich die persönlichen Ansichten von Gott und der Welt, die jeder Mensch hat, bevor er Christ wird. Texte des Alten Testaments seien in besonderer Weise geeignet, diese „vorchristlichen“ Erfahrungen in Worte zu fassen, beispielsweise die des Leidens, wie sie im Buch Hiob dargestellt sind. Das könnten allerdings die Dramen Shakespeares und andere Texte der Weltliteratur in gleicher Weise. Slenczka sprach dann auch vom Alten Testament als einem „Platzhalter dieser vorchristlichen Gotteserfahrung“ in der Bibel.

Als evangelischen Gegenpart hatten die beiden Kölner Akademien Frank Crüsemann eingeladen, der bis zu seiner Emeritierung Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel lehrte. Er widersprach Slenczka auf breiter Strecke. Von einer Uminterpretation des Alten Testaments bei den ersten Christinnen und Christen könne gar keine Rede sein. Im Gegenteil, sie hätten die alttestamentlichen Texte als Zeugnisse ihres Glaubens lesen können, weil diese es ihnen nahe legten.

Verdrängtes Spannungsverhältnis

Auch vereinnahme das Christentum das Alte Testament nicht auf Kosten eines jüdischen Selbstverständnisses. An vielen Stellen spreche das Alte Testament zwar über die Gotteserfahrung Israels, beispielsweise beim Auszug aus Ägypten. Aber die im zweiten Buch Mose beschriebene Heilserfahrung hätten doch auch andere gemacht, die Sklaven Nordamerikas beispielsweise, und deshalb aus gutem Grund als zentrales Glaubens- und Befreiungszeugnis verstanden. „Der Exodus gehört auch zum Gott des Neuen Testaments“, sagte Prof. Crüsemann.

Das Alte Testament zeichne gerade diese Spannung aus, die sich zwischen den spezifischen Erfahrungen Israels und den Übertragungen in einen anderen Lebensraum ergebe. Dieses Spannungsverhältnis sei allerdings in der Geschichte des Christentums immer wieder verdrängt worden – für Crüsemann ein Grund für immer wieder aufkeimende antisemitische Tendenzen in der Kirche. Gerade Paulus, den Slenczka als Beleg für seine These von der radikalen Uminterpretation des Alten Testaments durch die ersten Christen anführt, habe diese Spannung des ersten Buchs der Bibel am stärksten reflektiert.

Identische Gottesvorstellungen

So hält Crüsemann Slenczka entgegen, dass die Gottesvorstellungen des Alten und Neuen Testaments identisch seien. Zur Erkenntnis der christlichen Botschaft sei deshalb das Zeugnis beider Testamente notwendig. Crüsemann verwies dabei auf Einsichten Dietrich Bonhoeffers, der seinem Freund Eberhard Bethge in Briefen aus der Tegeler Haft über sein Verhältnis zum ersten Buch der Bibel berichtete: „Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.“ Christinnen und Christen läsen das Neue Testament noch viel zu wenig vom Alten her, wenn sie über die Aufgabe der Kirche in der Welt und das Verständnis christlicher Begriffe wie Rechtfertigung und Wiedergeburt nachdächten, so Bonhoeffer weiter.

Am Ende des Abends blieb Slenczka Antworten auf manche Fragen schuldig, vor allem solche, die die gemeindliche Praxis betrafen. Wie er sich denn den kirchlichen und gemeindlichen Umgang mit alttestamentlichen Texten künftig vorstelle, hatte etwa Frank Crüsemann von ihm wissen wollen. So blieb zum Schluss des Diskussionsabends jenseits eines fachtheologischen Streits der Eindruck haften, dass Slenczkas Thesen zum Alten Testament nicht mit der Praxis in vielen Kirchengemeinden und auch nicht mit den biblischen Leseerfahrungen so mancher Zuhörerinnen und Zuhörer in Einklang zu bringen waren. Ein älterer Mann hielt Slenczka in der Aussprache beispielsweise entgegen: Ihm sei der Psalm 23 mit dem guten Hirten ans Herz gewachsen.

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ekir.de / Wolfgang Beiderwieden, Foto Melanchthon-Akademie / 15.06.2015



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