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Kulturhauptstadt Ruhr 2010

Lärm. Stille. "Still-Leben"

Von der Sehnsucht nach Tagen mit Ostwind, den drei Gebärden für "Stille" und der Begegnung mit Gott: eine ekir.de-Umfrage zum Thema Stille anlässlich der A-40-Sperrung "Still-Leben" am Sonntag.

Probe für die Stilllegung der A40 als Beitrag zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Foto: Ruhr2010/Jan Pauly

Gabriele Matthey (53) leitet die Kindertagesstätte "Friede" der Evangelischen Kirchengemeinde Altstadt in Essen: "Hier in der Kita ist es sehr lebendig, hier wird gelacht und auch geweint oder mal gebrüllt. Das gehört alles dazu. Das gehört zum Menschsein. Gefühle müssen geäußert werden, auch Weinen und Wut. Aber es gibt auch Lärm, den ich nicht mag. Ich glaube, das hängt nicht von der Lärmquelle, sondern von meiner Befindlichkeit ab. Baustellenlärm stört mich eher, wenn es mir ohnehin nicht gut geht. Übrigens entspannt mich nicht absolute Stille, vielmehr beruhigen mich Alltagsgeräusche. Das ist wohltuende Ruhe, die in angenehm finde."

Nicol Kaminsky (50), die Landespfarrerin leitet das Haus der Stille in Rengsdorf: "Stille gibt es außen - und innen. Die Stille in mir ist der Raum, in dem Gott mir begegnet. Äußere Stille bietet dazu einen hilfreichen Rahmen. Stille ist für mich nicht unangenehme Todesstille - Kommunikationsabbruch, sondern Leben fördernde Stille - Begegnung. Ich kann nicht auf sie verzichten."

Karin Weber (51) ist Pfarrerin in Wuppertal und Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge im Rheinland: "Ich habe die Stille ganz neu entdeckt in der Gemeindearbeit mit gehörlosen Menschen. Meine erste Begegnung, die mich immer noch fasziniert: ich komme in einen Raum und es ist ruhig - akustisch. Aber es ist nicht still. Hände fliegen durch die Luft, es wird gelacht, Kaffee getrunken, eine lautlose Kommunikation findet statt. Ausdrucksstarke Mimik und Gestik deuten darauf hin - eine beredte Stille, eine angenehme Stille - nur ich verstehe nichts. Und dann tut sich mit der Zeit und dem Erlernen der Gebärdensprache eine neue Welt auf: jenseits der Stille (wird übrigens wunderbar im gleichnamigen Film von Caroline Link gezeigt auch mit allen Konflikten, die in der Berührung der beiden Welten entstehen können), in die ich freundlich aufgenommen werde. 
Ja, es gibt Gebärden für Stille, sogar verschiedene, je nach dem, was gemeint ist: Die neutrale Gebärde: wie beim "pst" wird der Zeigefinger der rechten Hand an den Mund geführt und mit den Lippen das Wort Stille geformt. Bei "Stille " im Sinn einer Aufforderung: "Jetzt sei doch mal still!" geschieht das energisch. "Stille" im Sinn von "Ruhe, Frieden, Ausgeglichenheit, zu sich selbst gefunden haben" ist dieselbe Gebärde wie Frieden/Schalom, und damit - wie ich finde- sehr aussagekräftig."

Pfarrer Andreas Volke (55) ist geschäftsführender Leiter des evangelischen Kulturbüros Ruhr 2010: "Innehalten und nach innen lauschen? Ja - aber nicht zu oft. Ich merke dabei zuerst das Tinituspfeifen, was nicht ins Gewicht fällt, wenn es anderes zu hören gibt. Richtig still wird es bei mir wohl erst sein, wenn ich tot bin. Nicht Lärm, der mich stört, aber Töne, Stimmen, das Rauschen des Regens, auch Schritte vor der Tür, selbst Straßenverkehr bis hin zum Schlagen der Turmglocke, das alles hilft mir zur Orientierung. Da weiß ich, wo ich bin, was nicht heißt, dass ich alle diese Laute liebe. Ich wohne in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens. Da sehne ich mich nach den Tagen mit Ostwind, wo sie einmal über andere Gärten fliegen. Stille empfinde ich gerne in der Kirche, etwa die innere Tiefe im Hören auf Worte, die man sonst so nicht spricht."

Die A 40, die quer durchs Ruhrgebiet verläuft, wird im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 am 18. Juli zum LupeDie A 40, die quer durchs Ruhrgebiet verläuft, wird im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 am 18. Juli zum "Still-Leben".

Tisch der Religionen, Kaffee-Parcours und Rikscha-Service: Kirchenkreise machen mit beim Kulturhauptstadt-Fest "Still-Leben"

Es soll ein Fest der Superlative werden, das die Welt zum Staunen bringt: Am Sonntag, 18. Juli, verwandeln 20.000 Tische und 40.000 Bänke die eigens für diesen Zweck gesperrte Autobahn A 40 von 11 bis 17 Uhr in die längste Tafel der Welt. Mitten im Revier entsteht auf diese Weise ein Ort der Begegnung, der Kultur und der Kommunikation für alle Menschen. Zum Kulturhauptstadtfest "Still-Leben Ruhrschnellweg" werden rund eine Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet. Mit mehr als 150 Tischen beteiligen sich die Kirchenkreise An der Ruhr, Oberhausen, Essen, Bochum und Dortmund am Programm.

"Tisch der Religionen"

Einen besonderen Platz innerhalb der kirchlichen Aktivitäten nimmt der Tisch der Religionen (Auffahrt Huttrop; Block 45; Kilometer 60,4 und 60,5; Tische 34 bis 39) ein: Ab 11.30 Uhr wollen der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, der westfälische Präses Dr. h.c. Alfred Buß, der türkische Religionsattaché Mehmet Ucmus, ein Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde und Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß gemeinsam die Menschen begrüßen und Gäste empfangen. Um 12 Uhr setzen die vier Religionsvertreter und der Oberbürgermeister von hier aus als Zeichen des guten Willens zum interreligiösen Dialogs, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts das große rollende Kunstrad "Engel der Kulturen" in Bewegung; an mehreren Stellen auf der Autobahn werden Sandintarsien des Engels entstehen.

An der Ruhr

In Höhe der Auffahrt Mülheim-Styrum, Blöcke 17 und 18, präsentieren sich mehrere Kirchengemeinden und Einrichtungen aus dem Kirchenkreis An der Ruhr; um 14 Uhr lädt Kantorin Carolin Horstmannshoff gemeinsam mit den Posaunenchören des CVJM Styrum und der Evangelisch-lutherischen Gebetsgemeinschaft Essen-West zum offenen Singen ein. Den ganzen Tag über sind Trommelgruppen und Posaunenchöre auf der Autobahn unterwegs, der Gemeindedienst für Mission und Ökumene, Region Westliches Ruhrgebiet, präsentiert ein "Kaffee-Liefer-Karussell" und unter dem Motto "Tischlein deck dich" werden Märchen erzählt.

Oberhausen

An insgesamt 15 Tischen präsentieren sich Gemeinden und Organisationen aus dem Kirchenkreis Oberhausen; Standort ist der Bereich der Ausfahrt Mülheim-Styrum, Block 18, Tische 10 bis 24.

Essen

Im Kirchenkreis Essen hat ein ökumenischer Vorbereitungskreis abwechselnd Tische an mehr als sechzig evangelische und katholische Gemeinden und Einrichtungen vergeben; verbindendes Erkennungszeichen sind mit einem Kirchturmhahn bedruckte gelbe Ballons, die rund vier Meter über den Kirchentischen schweben. An den Tischen des Evangelischen Posaunenwerks können die Gäste nach Herzenslust verschiedene Blasinstrumente ausprobieren (Auffahrt Frohnhausen, Block 36, Tische 6 bis 8).

Das Weltladen-Team der Alten Kirche Altenessen hat einen Kaffee-Parcours aufgebaut (Auffahrt Frohnhausen, Block 36, Tische 15 und 16) und bei der "Tour de Ruhr" der Jona-Jugend aus Heidhausen, einer Art Ruhrgebiets-Mensch-ärgere-dich-nicht!, geht es darum, den eigenen Bergmann möglichst schnell ins eigene Zuhause zu bekommen (Auffahrt Huttrop, Block 46, Tische 39 und 40).

Und falls die Füße nach vielen gelaufenen Autobahnkilometern zu qualmen beginnen: Die "Aktion Menschenstadt" der Evangelischen Kirche in Essen hat eine "Oase der Ruhe" unter Palmen vorbereitet (Abfahrt Huttrop, Block 46, Tische 4 bis 6) und die Evangelische Jugend Weigle-Haus e.V. richtet auf der sogenannten Mobilitätsspur einen kostenlosen Fahrrad-Rikscha-Service ein (die Zentrale des Rikscha-Services befindet sich an Auffahrt Zentrum-Ost in Block 44 - doch auch zwischendurch ist das Ein- oder Aussteigen natürlich erlaubt!).

ekir.de/ neu / 15.07.2010



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