Trägt erst zum zweiten Mal die Orden an seinem Sakko: Mulangi Mphego. Trägt erst zum zweiten Mal die Orden an seinem Sakko: Mulangi Mphego.

Südafrika

Der Mann, der die Bomben nicht verteilte

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Zehntausende Südafrikaner nahmen an der Trauerfeier für "Madiba" teil, fast alle reden über den verstorbenen Friedensnobelpreisträger. Von einem, der ihm begegnet ist, erzählt Michael Diezun, aus dem Rheinland stammender Pfarrer in Johannesburg.

In allen Gottesdiensten in Südafrika wird Nelson Rolihlahla Mandelas gedacht. Wir haben den Vorsitzenden des Presbyteriums gebeten, von seiner Begegnung mit Mandela zu erzählen. Wir wussten schon, dass Mulangi Mphego* im militärischen Arm des ANC*, dem Umkhonto we Sizwe*, abgekürzt MK, gegen die Apartheid gekämpft hatte.

Das erste Mal ist ihm Mandela begegnet, sagt er, sicherlich ohne dass Mandela selbst es wahrgenommen hätte, auf einem Flugblatt, das ihm sein Lehrer zugesteckt hat. Sich gegen Apartheid, gegen den Rassismus und die Gewalt der weißen Minderheit im Land zu wehren, der Grundstein dafür wurde mit diesem Flugblatt über Nelson Mandela gelegt. Bald musste Mulangi ins Ausland ins Exil flüchten.

Nach Natal, die Provinz am indischen Ozean im Nordosten, ist er im Auftrag des MK des ANC zurückgekehrt und ihm ist im Untergrund die Verantwortung für die „Logistik“ übertragen worden. Mulangi spricht nur von „Logistik“ und von dem „Material“, was er zu verwalten hat – wir müssen uns selber vorstellen, dass das „Material“, Pistolen, Gewehre, Mörser, Granaten, Sprengstoff und Bomben sind, die über ganz Natal in geheimen Depots versteckt sind. Und Mulangi ist auch nicht „Mulangi“ in diesen Jahren, er spricht von „einem Namen, der nicht sein Name ist“. Solche Kriegsnamen waren überlebenswichtig, damit nicht die Familie der Kämpfer von den Diensten des Apartheid Regimes erpresst, gefoltert und ermordet werden konnten.

Vor den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika 1994 gab es eine schreckliche Übergangszeit. Die alten Kräfte des Regimes versuchten die Aufgabe der Macht mit allen Mitteln zu verhindern. Aber auch zwischen schwarzen Gruppierungen gab es blutige Kämpfe. Bis zuletzt war es nicht klar, ob es gelingen würde, dass die schwarze Bevölkerungsmehrheit, 90 % der Menschen, die Macht übernehmen kann. Am 10. April 1993 droht mit einem einzigen Lidschlag alles zu scheitern: Der mit Nelson Mandela beliebteste Politiker im Land und bis 1992 Stabschef des MK, Chris Hani*, wird von Weißen ermordet. Sofort verbreitet sich die Angst, die Weißen würden nun mit Morden an den Führungspersönlichkeiten die Aufgabe ihrer Macht verhindern.

Überall im Land werden in der Nacht auf den 11. April die Stäbe des MK einberufen. Auch der für Logistik verantwortlich Mann in Natal, mit dem Namen, der nicht sein Name ist, sitzt in angespannter Runde und signalisiert, dass er mit seinem „Material“ einsatzbereit ist, ab 4:00 Uhr, zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Sie warten auf den Befehl des Central Command. Endlich kommt eine Telefonverbindung zustande und wider aller Erwartung erhalten sie von dem Mann, damals mit einem anderen Namen, der heute Botschafter in Simbabwe ist, den Befehl – nichts zu tun. Es gibt eine erregte Diskussion. Schließlich geht im Central Command der Commander in Chief, der Oberbefehlshaber ans Telefon, wir kennen ihn unter dem Namen Nelson Mandela. Er ruft jeden einzelnen im Stab in Natal auf, fragt nach dessen „Namen“ und Funktion. Er erklärt, dass Chris Hani von einem weißen, polnischen Einwanderer, angestiftet von einem ehemaligen Parlamentsabgeordneten der Konservativen Partei, ermordet wurde. Dass es eine weiße Südafrikanerin, Hanis Nachbarin war, die mit ihrem Hinweis die Festnahme des Mörders ermöglichte. Der Commander in Chief ruft den Chef für die Logistik erneut ans Telefon und befiehlt ihm, kein „Material“ auszugeben und bis Morgen 8:00 eine vollständige Liste allen „Materials“ ans Central Command zu senden. In der anschließenden Diskussion: empörte, enttäuschte und versöhnliche Beiträge. Der Mann, mit dem Namen, der nicht sein Name ist, hält jedes seiner Depots verschlossen. Später in der Nacht wendet sich Nelson Mandela mit einer berühmt gewordenen Fernsehansprache an alle Südafrikaner.

„In diesem Moment ist Nelson Rolihlahla Mandela der Präsident Südafrikas geworden“, sagt Mulangi Mphego.

Einige Zeit später, Mulangi Mphego gelingt es im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen, soll er einen Orden erhalten vom Präsidenten der neuen, demokratischen Republik Südafrikas. Als Nelson Mandela den Orden an das Revers von Mulangi Mphego steckt beugt er sich vor und fragt leise: „Comrade, mit welchem Namen soll ich dich jetzt ansprechen?“

* Hinweis des Autors: Es lohnt sich, die mit * markierten Namen im Internet und bei Wikipedia nachzuschlagen. Michael Diezun arbeitet in der Midrand Lutheran Church & St Johannes Lutheran Church, Kelvin, Südafrika.

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 10. Dezember 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 11. Dezember 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 11.12.2013