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Langzeitarbeitslosigkeit

Kirchen fordern integrativen Arbeitsmarkt

Die Evangelische Kirche im Rheinland und das Bistum Trier fordern von der Politik einen integrativen Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose. Bei einer Tagung zogen rheinische Kirche und Bistum zusammen mit der Politik eine Bilanz aus zehn Jahren Hartz IV.

"Zeitlich befristete und ineffiziente arbeitsmarktpolitische Programme" seien keine Lösung, heißt es in einem am Mittwoch in Trier veröffentlichten Aufruf. Jobcenter brauchen dem Aufruf zufolge mehr und besser qualifiziertes Personal. Langzeitarbeitslose müssten "mit ihren individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten in den Mittelpunkt" rücken, betonten die Kirchen. Denn nur eine individuelle Betreuung, Förderung und Ermutigung könne eine Aktivierung und Teilhabe der Menschen im Sinne des Sozialstaates ermöglichen.

Medien und Gesellschaft sollten in Zukunft die Ursachen und Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit differenzierter betrachten, erklärten die Kirchen. So könnten Stigmatisierung und Klischees überwunden werden. Denn häufig ständen langzeitarbeitlose Menschen unter dem Generalverdacht, an ihrer Situation selbst schuld zu sein oder nichts an ihrer Lage ändern zu wollen, betonten rheinische Kirche und Bistum. "Diese Stigmatisierung ist auf Dauer zermürbend."

Kritische Bilanz zu zehn Jahren Hartz IV

Die Tagung stand unter dem Titel „Das Sozialgesetzbuch II und die Langzeitarbeitslosen – Eine kritische Bilanz zu zehn Jahren Hartz IV“. Der Koblenzer Professor Dr. Stefan Sell vom Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) erläuterte darin eine Studie seines Instituts zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit.

Die Studie hat laut Sell ergeben, dass die sogenannten Hartz IV-Gesetze von 2005 die Langzeitarbeitslosigkeit und den dauerhaften Leistungsbezug nicht haben aufbrechen können. Sell warf der Politik bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit „Arbeitsverweigerung“ vor. Mit der Reform von 2012 hätten sich zudem die Möglichkeiten für öffentlich geförderte Beschäftigung drastisch verschlechtert.

Professor Dr. Uwe Becker von der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum) blickte ebenfalls kritisch auf zehn Jahre Hartz IV zurück. Er sagte, anstatt das System kritisch zu beleuchten, würden die Ursachen von Arbeitslosigkeit zunehmend individualisiert und moralisiert. Es gebe eine Zentrierung auf Arbeit um jeden Preis. „Der Arbeitsmarkt soll menschendienlich sein“, so Becker. Dies sei auch eine sozialpolitische Herausforderung. Zudem müssten die Fragen nach Qualität und Würde von Arbeit wieder stärker in den Fokus rücken.

Probleme der Langzeitarbeitslosigkeit nicht überwunden

Dr. Hans Günther Ullrich, Bischöflicher Beauftragter der Aktion Arbeit im Bistum Trier, sagte, durch das „gefühlte Wohlergehen am Arbeitsmarkt“ sei das Thema Langzeitarbeitslosigkeit ins Abseits geraten. Dr. Kordula Schlösser-Kost von der Evangelischen Kirche im Rheinland erklärte, die Überwindung der Arbeitslosigkeit sei seit Jahren ein Anliegen der Kirchen: „Von Langzeitarbeitslosen ist keine Rede mehr – dabei sind die Probleme keineswegs überwunden“, so auch ihre Einschätzung.

Die rheinland-pfälzische Arbeitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler betonte dagegen, dass die Einführung von Hartz IV viele gute Ergebnisse gebracht habe, unter anderem weitreichende Unterstützungsangebote, Hilfe aus einer Hand, gesunkene Arbeitslosenzahlen und eine deutliche Steigerung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Sie sagte aber auch, dass trotz der Erfolge nicht alle hoffnungsvollen Vorstellungen in der Praxis umgesetzt werden konnten und nannte als ein wesentliches Problem die hohe Anzahl der Langzeitarbeitslosen.

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ekir.de / epd / Bistum Trier / rtm / 21.10.2015



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